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Erinnerungen an das längst vergessene Knopfmacher-Handwerk / Posamentierer in der Residenz

Sägen, Bohren, Feilen und Polieren

Arbeit ist Glück, und Arbeit ohne Erfolg bedeutet oft Unglück“, war am 16. März 1911 in der Landes-Zeitung zu lesen. Es ging um die Zukunftsaussichten der damaligen Schulabgänger und die Bedeutung der richtigen Berufswahl. Laut Pressedarstellung durften vor allem die Azubis in Handwerksbetrieben „wie Gärtnerei, Bäckerei, Schlosserei, Uhrmacherei, Tischlerei, Feinmechanik und grafisches Gewerbe“ auf ein erfülltes und glückliches Arbeitsleben hoffen. „Aber auch der kaufmännische Beruf, der Lehrerberuf, die Beamtenlaufbahn in Staat und Gemeinde, die Tätigkeit in Agentur- und Architektenbüros und schließlich auch die Militär- und Marine-Laufbahn und die häuslichen Dienste“ böten Lehrstellen mit guter Zufriedenheitsperspektive.

Eine der schönsten und ältesten Darstellungen eines Knopfmachers hat ein unbekannter Meister 1669 mit Wasserfarben in einem Perg

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Auflistung zeigt, dass die Arbeitswelt vor 100 Jahren schon stark von den technischen und gesellschaftlichen Veränderungen des neuen Industriezeitalters geprägt war. Das mittelalterliche, rein ländlich-handwerklich geprägte Erwerbsleben war weitgehend passé. Immer mehr Gewerke wurden von Maschinen erledigt.

Nahezu vollständig von der Bildfläche verschwunden war 1911 auch bereits die Knopfmacherei, über Jahrhunderte hinweg – auch und vor allem hierzulande – ein blühender Handwerkszweig. Exakte Zahlen und Angaben zur wirtschaftlichen Bedeutung gibt es (noch) nicht. Auch Einzelstandorte, Ausstattung und Leistungsfähigkeit der Werkstätten sind unerforscht. Nach überschlägigen Berechnungen dürften im Schaumburger Land zeitweise bis zu 40 Knopfmacher im Einsatz gewesen sein.

Das Gros war offensichtlich in den Städten tätig. In den Handwerkslisten der Städte Rinteln, Bückeburg und Stadthagen sind im Zeitraum 1770 bis 1810 je drei Meister verzeichnet. Mit dem Niedergang der heimischen Betriebe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist auch das einstmals beachtlich hohe kunsthandwerkliche Know-how der Zunft verloren gegangen (siehe auch „Zum Thema“). Art und Umfang der Produktpalette waren naturgemäß von den Bekleidungsgewohnheiten und/oder vom modischen Bedarf abhängig. Die meisten heimischen Knopfmacher waren auf die Versorgung der bäuerlichen Bevölkerung ausgerichtet und stellten Wams- und Hosenknöpfe her. Die Geschicktesten von ihnen stiegen später auf die Herstellung von Trachtenzubehör um.

So sollen die ersten mechanischen Hilfsmittel für die Knopfherstellung ausgesehen haben (Bildtafel aus der zwischen 1773 und 1858 von dem deutschen Naturwissenschaftler Krünitz herausgegebenen „Oeconomischen Encyclopädie“).

Eine besondere Situation gab es in Bückeburg. Die Residenz mit ihren vielen unterschiedlich gewandeten Hofbediensteten, Wachmannschaften und sonstigen Uniformträgern erforderte spezielle Material- und Verarbeitungskenntnisse. Deshalb mischten bei der Auftragsvergabe von Seiden-, Brokat- und Goldknöpfen auch die in der Residenz ansässigen „Posamentierer“ mit. Das waren Handwerker, die hauptsächlich von der Herstellung von Zierbändern, Borten, Kordeln, Quasten, Spitzen und sonstigem Schmuckzubehör lebten.

Wie es in den hiesigen Knopfmacherwerkstätten zuging und was dort fabriziert wurde, kann man in einem in den 1930er Jahren abgedruckten Beitrag der Schaumburger Heimatblätter nachlesen. Danach wurden hierzulande vor allem Horn, „Perlmutter“ (Perlmutt) und Steinnuss verarbeitet.

Das Horn stammte aus Pferde- und Rinderhufen. Die Rohmasse wurde gekocht, aufgeschnitten und zwischen heißen Eisenplatten in Scheibenform gepresst. Dabei soll es entsetzlich gestunken haben. Solange das Material noch weich war, ließen sich beliebig große Knopfmuster herausstanzen. Nach dem Aushärten ging es mit Schleifen und Polieren weiter. Zum Schluss wurden die Nahtlöcher gebohrt. Die Naturfarbe des Horns war nicht zuletzt vom Alter der Tiere abhängig. Ihr Aussehen konnte durch gezielte Beimischungen verändert und abgewandelt werden. Ähnliche Arbeitsschritte waren auch bei der Perlmutt-Bearbeitung fällig. Allerdings war wesentlich mehr Sorgfalt gefragt. Das zerbrechliche Material lieferten die damals noch zahlreichen heimischen Fluss- und/oder die auf der Weser herantransportierten Nordseemuscheln. Das Aussägen, Glätten, und Polieren der Knopfscheiben sowie das Aufbohren der Nahtlöcher erforderte viel Fingerspitzengefühl.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen zunehmend Steinnuss-Knöpfe in Mode. Als Steinnuss wurde (und wird in der Branche bis heute) eine hühnereigroße Palmenfrucht aus Südamerika bezeichnet, die damals als Segelschiff-Ballastmasse in großen Mengen nach Europa gelangte. Die Bearbeitung erforderte viel Kraft und Zeit. Die extrem harte Schale wurde in kleine Stücke gesägt, die anschließend gerundet, gefeilt, geschliffen und mit Nahtbohrungen versehen wurden. Doch der Aufwand lohnte sich. Nach mehrmaligem Überstreichen mit heißem Lack und anschließender Politur kamen wunderschöne Marmorierungs- und Schattierungsmuster zum Vorschein.



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