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Ehemaliger Bremer Bürgermeister Henning Scherf wirbt in Vortrag für alternative Wohnformen für Senioren

Sackgasse Altenheim

Hülshagen. „Mit vielem, was wir in Sachen Altersbetreuung machen, sind wir auf dem Holzweg“, sagt Henning Scherf und erntet Applaus aus den Reihen der Gäste im Lauenhäger Bauernhaus. Der sympathische ehemalige SPD-Politiker war Ehrengast beim Frühlingsfest des Fördervereins Badewonne und sprach Klartext.

Autor:

Verena Insinger

Alte Menschen wollen seiner Einschätzung nach nicht in Pflegeheimen mit mehreren Hundert Menschen leben – anonym, einsam. Das sehe man auch an den Problemen der Altenheimträger, ihre Plätze besetzt zu bekommen. Scherf: „Einrichtungen müssen geschlossen werden, weil sie zu teuer sind, wenn sie nicht ausgelastet sind. Und das passiert nur, weil die meisten Menschen so nicht sterben wollen.“

Henning Scherf hat es sich nach seiner Politikerkarriere zur Aufgabe gemacht, alternative Wohnprojekte für Senioren zu besuchen. Er bleibt dort für mehrere Tage – auch über Nacht –, um einen Einblick in den Alltag, das Leben der alten Menschen zu bekommen. So hat er mit der Zeit 15 Wohngemeinschaften kennengelernt und seine Erkenntnisse aus diesen Wochen in Büchern niedergeschrieben. Die Prämisse „würdevoll altern“ steht dabei über allem.

Häufig hatte er es mit Dementen zu tun. Aus Begegnungen seien Freundschaften entstanden. So zum Beispiel zu Frau Schröder, die in einer Einrichtung in einem Vorort von Bremen lebt. Dort wohnen neun Senioren zusammen, die meisten sind dement. Unterstützt werden sie von Hauptamtlichen, Ehrenamtlichen und Familienmitgliedern. So weit die Bewohner noch können, kochen sie gemeinsam.

Frau Schröder ist eine ehemalige Theaterschauspielerin. „Als junger Mann war ich richtig verliebt in sie. Habe fast jede Aufführung besucht“, erinnert sich Henning Scherf. In Gesprächen habe er ihr Fotos von früher gezeigt, ihr seine Faszination offenbart, alte Kritiken herausgesucht, das Theater mit ihr besucht. „Plötzlich ist sie wieder richtig aufgeblüht. Angeregt durch die Eindrücke der Natur bei Spaziergängen und des Theaters.“

Scherf sei überrascht gewesen, wie sich die Senioren untereinander helfen können. So schiebe Frau Schröder einer Mitbewohnerin, die sehr lange zum Essen benötigt, immer den Teller rüber, animiere sie zuzugreifen und unterstütze sie dabei – „mit einer Engelsgeduld – und irgendwann greift die Dame zu und isst“.“ Dafür hätte das Personal in großen Einrichtungen keine Zeit. Die Folge: „Es werden deutlich zu viel Magensonden gelegt“, kritisiert der 74-Jährige.

Dass es anders gehe, habe er in den Einrichtungen gesehen. Sein Fazit: Es gelingt den Menschen, einander zu helfen, obwohl sie selbst kaum noch klarkommen. Demente werden mobilisiert, angeregt, wenn sie merken, dass sie mittendrin sind. Scherf: „Es ist grundfalsch, alte Menschen in die Einsamkeit zu schicken. Sie wollen einbezogen werden, mitdenken, mithelfen.“

Bilder auf sn-online.de




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