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Riesenbärenklau, Springkraut, Staudenknöterich: Fremde Pflanzen werden zum immer größeren Problem

Saatfeind Nummer eins für die Naturschützer

Auetal/Landkreis. Sie heißen Riesenbärenklau, Drüsiges Springkraut oder Japanischer Staudenknöterich und werden von Naturschützern mitunter als Saatfeinde betrachtet: so genannte "Invasive Arten" oder Problem-Neophyten - gebietsfremde Pflanzenarten, die unerwünschte Auswirkungen auf andere Arten, Lebensgemeinschaftenoder Biotope haben, weil sie in Konkurrenz um Lebensraum und Ressourcen zu heimischen Pflanzen treten und diese verdrängen.

Das Drüsige, Japanische, Indische, Persische oder Himalaya-Sprin

Autor:

Frank Westermann

Vor allem an der Aue befinden sich die Flussränder fest in der Hand von Springkraut und Bärenklau. "Sie bevorzugen feuchte und nährstoffreiche Standorte", erklärt Biologe Dr. Jochen Beug vom Naturschutzamt des Landkreises. Beim Springkraut kennt Rolf Wittmann, Auetaler Naturschützer der ersten Stunde, überhaupt kein Erbarmen: Das ist der Saatfeind Nummer eins - "und das reiß ich raus, wo immer ich es sehe." Beim Knöterich ist das vergebliche Mühe: Sein Wurzelstock reicht mehrere Meter tief in den Boden, ihn zu entfernen, ist viel schwerer. Eine zeitlang, so erklärt Beug, verhalte sich der Staudenknöterich recht unauffällig, dann erreiche er eine Schwelle, an der er explodiere: "Und da sind wir gerade." Das könne man prima an den Autobahnen und Straßen beobachten: "Es wird immer mehr." Aber auch wenn Grenzen zurzeit nicht absehbar sind, so ist Beug doch überzeugt, dass es eine natürliche Verbreitungsgrenze gibt: "Er wird sicher nicht ganz Deutschland überziehen." Für den Menschen problematisch sei der Riesenbärenklau, erklärt Beug: Er kann bei Berührung im Zusammenhang mit Sonnenlicht zu ätzenden Verletzungen auf der Haut führen. An Schulen oder Kindergärten etwa müsse er vorsichtig entfernt werden. Es war gut gemeint: Der Staudenknöterich wurde als Zierpflanze für Kurgärten und als Futterpflanze für Haustiere und Wild im 19. Jahrhundert aus Ost-Asien eingeführt. Es hat sich aber herausgestellt, dass er weder vom Wild noch von Haustieren gefressen wurde. Und so wurde er zur Plage. Mit dem Abschneiden des Staudenknöterichs allein ist es nicht getan, denn wird er dann auf dem Kompost entsorgt, können sich schnell zwei neue Pflanzen entwickeln. Sicher sind nur zwei Entsorgungsarten, sagt Beug: Verbrennen oder austrocknen lassen. Und: Beim Landkreis würden oft Bürger anfragen, was man denn gegen die Neophyten machen kann. Beugs Antwort ist immer die gleiche: "Nichts." Denn man kann nichts tun. Aber, so Beug: "Zur Hysterie besteht kein Grund." Neophyten gibt es nicht erst seit Kolumbus; durch Handel kamen schon zu Zeiten Karls des Großen auf uralten Handelswegen (und durch die Völkerwanderungszeit auch schon davor) neue Pflanzen nach Deutschland, verweist Reiner Kreuter vom Nabu Obernkirchen auf die Ursprünge: "Die von Karl angeordnete Anpflanzung von Kräutern in den Klostergärten zu Heilzwecken waren ja schon großenteilsaus dem mediterranen Bereich, die in dem durch Mauern geschützten Bereich der Klöster durchaus heimische Kleinklimata antrafen und so dort gedeihen konnten." Ein ganz neuer Bewohner, der ebenfalls nicht nur lästig, sondern wie der Riesenbärenklau gefährlich ist, ist das Beifußblättrige Taubenkraut oder Ambrosia arthemisiifolia (beifußblättrig) aus Nordamerika, erklärt Kreuter. Die zu den Korbblütlern gehörende Pflanze hat sich inzwischen bis nach Sachsen-Anhalt, von der Schweiz beziehungsweise Süddeutschland kommend, ausgebreitet. Manfindet die Pflanze an Straßenrändern, auf Schutthalden und Baustellen sowie in Kiesgruben. Auch im Garten kann sie vorkommen, da Vogelfutter durch Ambrosiasamen verunreinigt sein kann. Zwar könne man die Ambrosie eigentlich nicht als klassische Giftpflanze bezeichnen, so Kreuter, ihre Samen gehören allerdings zu den stärksten Allergieauslösern in der Pflanzenwelt. Ähnlich wie die Herkulesstaude sollte die Ambrosie nicht ohne Handschuhe berührt werden, da es zu Hautirritationen bis zur Blasenbildung kommen kann. Zusätzlich bereiten vielen Allergikern die Pollen Probleme. Wer bisher mit dem Ende der Blütezeit des Beifußes auch das Ende des Heuschnupfens erwartet hat, wird enttäuscht, denn das Taubenkraut, dessen Pollen eine ähnliche Wirkung entfalten, blüht wesentlich länger, bis in den Oktober hinein. Das Problem, so Beug, könnten fehlende Gegner sein. Es gibt noch keine Raupen, Pilze oder Schädlinge, die die unerwünschten Gäste bekämpfen. Beug hofft, dass sie sich in der Natur entwickeln oder aus dem Ausland zu uns kommen. Der Ansatz ist nicht ganz neu. Auch früher versuchte man schon, dieses Gleichgewicht künstlich herzustellen, indem man fremde Schädlinge mit fremden Schädlingen bekämpfte. Sprich: Man holte deren Feinde ins Land. Das klingt logisch, funktioniert in der Praxis aber nur selten. Ganz im Gegenteil. In Australien beispielsweise führte die Zuckerindustrie 1935 die Agakröte aus Südamerika ein, um zwei Käfer zu bekämpfen, die sich durch die Zuckerrohrfelder fraßen. Die Kröte wurde dort zur viel größeren Plage: Schlangen, Warane und Vögel sterben, wenn sie versuchen, die giftige Amphibie zu fressen, während die Kröte selbst bis heute wahllos alles verschlingt, was ihr über den Weg läuft. Nur für die Schädlingskäfer interessiert sie sich kaum. Oft sind es auch gar nicht die fehlenden Feinde, sondern ganz andere Faktoren, die zur Invasion von Neobiota, so nennt man die Neubürger unter den Tieren und Pflanzen, führen. Fehlende Konkurrenz von heimischen Arten sowie gezüchtete oder genetisch veränderte Eigenschaften nennt zum Beispiel Dr. Holger Buschmann, Experte der Arbeitsgemeinschaft Neobiota im deutschsprachigen Raum, als weitere Möglichkeiten. Buschmann ist Assistent der Universität Göttingen und beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema. Invasive Arten stehen nach seiner Aussage derzeit besonders im Mittelpunkt der weltweiten Forschung. Nicht nur, weil sie erhebliche gesundheitliche, ökologische und ökonomische Probleme verursachen können, sondern auch, weil sie ein großes ökologisches Freilandexperiment darstellen. "Wir können so quasi im Zeitraffer beobachten, was passiert, wenn neue Arten in funktionierende Ökosysteme eindringen und diese verändern. In Abhängigkeit von den Bedingungen in der neuen Heimat verändern sich dort auch die neuen Arten,so dass man Rückschlüsse auf die Evolution ziehen kann," erläutert Buschmann.

Nicht nur in Wiersen ein gewohnter Anblick: Riesenbärenklau an d
  • Nicht nur in Wiersen ein gewohnter Anblick: Riesenbärenklau an der Aue. Fotos: rnk
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