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Wie die Dewezet 1914 über die ersten Kriegstage berichtet / Spionageabwehr und Selters als Vaterlandspflicht

„Russen sind bis Hameln vorgedrungen“

Montag, 3. August 1914

Der Schulunterricht in Hameln fällt aus. Am Abend kommt der Magistrat mit Vertretern der Berufsstände und Banken zu einer Krisensitzung zusammen. Allen Besonnenheitsappellen zum Trotz geht in der Bevölkerung die Angst vor dem Verlust der Spareinlagen um. Allein die Reichsbank in Hameln habe in den letzten zwei Werktagen 100 000 Mark Silbergeld gegen Papiergeld ausgegeben, das anschließend im privaten Sparstrumpf verschwinde. „Kein Kaufmann, kein Gewerbetreibender ist mehr im Stande, einen 10 M-Schein zu wechseln, das bare Geld geht aus dem Verkehr.“ Das zweite Problem sind Hamsterkäufe und Beschwerden über Wucherpreise der Kaufleute. Bei Reis und Zucker treten erste Engpässe auf, die Brotpreise steigen, weil auch Mehl knapp wird.

Dienstag, 4. August 1914

„Mobilmachung und Kriegsbeginn“ – eine Schlagzeile, die alle Friedenshoffnungen zerstört. Die am 1. August befohlene Mobilmachung wird bekannt gegeben, ebenso, wer der Schuldige daran ist: „Rußland hat nichts zurückgenommen und ohne Scheu vor allen Folgen den Weltbrand entfacht.“ Die deutsche Kriegserklärung an Russland gerinnt dagegen zur protokollarischen Randnotiz. Mehr Platz finden Berichte über russische Angriffe in Ostpreußen, die besser ins Bild vom „beutelüsternen Slawentum“ passen.

Aber auch der Erbfeind im Westen gerät ins Visier. Vermeldet werden die französische Mobilmachung und angebliche Bombenabwürfe französischer Flieger, die als Bruch des Völkerrechts gegeißelt werden. In diesem Klima werden auch die in Deutschland lebenden Franzosen zum Feind. Ein Mann aus Groß Berkel wird als „lästiger Ausländer“ abgeschoben.

Auch in Hameln melden sich seit dem 1. August Kriegsfreiwillige, nach Angaben der Dewezet „in einer alle Erwartungen übertreffenden Zahl“.

Mittwoch, 5. August 1914

Ohne Kriegserklärung würden französische Truppen deutsche Grenzposten angreifen, Ortschaften besetzen und durch „bombenwerfende Flieger“ Bahnlinien attackieren, lautet die amtliche Meldung aus Berlin. Bedrohlicher als die Front indes erscheint eine andere, in den Meldungsspalten grassierende Gefahr: die angebliche Invasion feindlicher Spione. Jeden Tag schwirren von nun an neue Gerüchte durch das Blatt, in denen französische oder russische Agenten in den außergewöhnlichsten Verkleidungen die unglaublichsten Anschläge planen. „Es hat sich ergeben, daß uns das Ausland mit Spionen und mit Personen, die zur Ausführung verbrecherischer Anschläge bestimmt sind, geradezu überschwemmt“, heißt es in einer Meldung, obwohl, wie die Agentur einräumen muss, bislang nicht ein einziger Anschlag erfolgt sei. In der Regel zielen solche „Nachrichten“ darauf, die Bevölkerung mental für den Krieg zu mobilisieren. Jeder soll mithelfen, Spione zu enttarnen und Anschläge durch persönliches Einschreiten „in schroffer Form“ zu verhindern. Die eigenen Reihen sollen sich schließen: „Die Mitwirkung jedes Einzelnen aus der Bevölkerung zum Schutze des Vaterlandes muß noch verschärft werden. Wir sind rings von Spionen umgeben.“

Zu den wundersamsten Agentengeschichten dieser Tage gehört die Meldung über „Goldautos“, die von Frankreich aus quer durch Deutschland fahren, um die russische Kriegskasse aufzufüllen. In der Ausgangsmeldung, die „Wolffs Telegraphisches Bureau“, eine der wichtigsten Agenturen, verbreitet, ist von 80 französischen Offizieren die Rede, die mit zwölf Automobilen die Grenze überschritten hätten. Aber die Dewezet dieses Tages enthält auch bereits die ersten Variationen dieser sich wie ein Lauffeuer verbreitenden Meldung. In einer anderen Fassung ist von 25 mit Gold befüllten englischen Automobilen die Rede, und in einer weiteren Version wird das Irreguläre dieses Vorgangs dadurch gesteigert, dass es Frauen sind, die am Steuer sitzen: „Mehrere Autos mit Geld, für Rußland bestimmt, unter deren Insassen auch Damen waren, sind in der Richtung nach Rußland unterwegs. Die Autos sind anzuhalten und sofort der nächsten Behörde zu melden.“

Mit dem Satz „Ich bin gezwungen, zur Abwehr eines durch nichts gerechtfertigten Angriffs das Schwert zu ziehen“, kündigt Kaiser Wilhelm II. den Kriegsbettag an. Im Hamelner Münster geißelt Pastor W. mit auffallend ähnlichen Worten „die Ruchlosigkeit des durch nichts gerechtfertigten gemeinen Angriffs auf Deutschland“. Anschließend marschieren die Reservisten durch die Stadt, in ihren patriotischen Liedern erkennt der Berichterstatter den „Geist einmütiger, todesmutiger Entschlossenheit und opferbereiter Vaterlandsliebe“.

Donnerstag, 6. August 1914

„Krieg auch mit England!“ – die Empörung darüber, dass England mit Russland paktiert und sich „auf die Seite des schlimmsten, heimtückischen Feindes germanischer Kultur“ schlägt, kennt kaum Grenzen. Ebenso grenzenlos scheint die Reichweite französischer „Bomben“-Flugzeuge zu sein: Bis nach Hannover oder Chemnitz sollen sie geflogen sein. Auch die Furcht vor Spionen nimmt groteske Züge an. So hätten französische Spione eine Wasserleitung vergiften wollen. Erste Ermittlungserfolge in der Phantomjagd auf die Goldautos gibt es aus Naumburg: „Eines der Automobile, die Geld nach Rußland schaffen sollen und die mit Damen besetzt sind, führt die Nummer 12386.“ Allerdings besagt eine zweite Meldung aus Naumburg, dass der Goldschatz das Transportmittel gewechselt habe: „Die Insassen der Automobile, die Geld nach Rußland schaffen, sollen das Geld jetzt Radfahrern übergeben haben, die Maurerkleidung tragen.“ Die Rechnung, wie viele Radfahrer nötig gewesen wären, um 25 goldbefüllte Autos zu ersetzen, stellt offenbar niemand an. Und wen stört es, dass in Stuttgart bereits Goldmünzen im Wert von „80 Millionen Franc“ beschlagnahmt worden sein sollen? Alles ist in diesen Tagen irgendwie vorstellbar, nichts erscheint unmöglich.

Die „Spionitis“ erreicht auch Hameln. Zwei Familien geraten in Verdacht, „mit dem russischen oder französischen Kundschaftdienst“ in Verbindung zu stehen. Eine Untersuchung des Landrats entkräftet die Vorwürfe aber als haltlos. Aus Furcht vor dem „Netz ausgedehnter Spionage“ verpflichtet sich die Dewezet, über militärische Vorgänge wie den Ausmarsch der Garnison „wie ein Grab zu schweigen“. Der Generalstab werde die Lokalpresse in dieser Hinsicht „besonders aufmerksam überwachen“. Völlig unüberwacht steht dagegen der Feind vor der eigenen Haustür: „Russen sind sogar schon bis Hameln vorgedrungen und versuchen uns die Verkehrslinien zu zerstören“, ist allen Ernstes in der Dewezet zu lesen – verbunden mit dem „dringenden Mahnruf“, die Wachsamkeit nicht durch Alkohol zu trüben. Was patriotisch ist und was nicht, wird in dieser Zeit streng definiert: „Selter und Obstsäfte! So dient ihr dem Vaterlande.“

Landrat Schäfer mobilisiert derweil den Landsturm. Die noch nicht ausgebildeten Landsturmpflichtigen müssen sich im Magistratsbüro melden.




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