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Ruhestand - und plötzlich ist da ganz viel Zeit...

Stadthagen. Die Zeit ist schon Thema, sobald Schaumburgs Landrat a. D. die Haustür öffnet: Der Besucher ist ein paar Minuten zu spät, doch Heinz-Gerhard Schöttelndreier lächelt nur und sagt: „Macht nichts, ich habe ja Zeit.“

Autor:

Marie Denecke

Im Vergleich zu seinem Lebenswandel vor dem Ruhestand, in den er am 1. März dieses Jahres gewechselt ist, müsste er davon nun wirklich eine Menge haben: Kaum ein Lokalpolitiker war für die Sache wohl so sehr unterwegs wie Schöttelndreier – und das jahrelang. Meist um acht Uhr saß der Stadthäger am Schreibtisch, vor 22 Uhr war er selten zu Hause, Wochenende? „Gab es fast nie“, sagt der heute 68-Jährige.

Und dann plötzlich Ruhestand. Obwohl: Knall auf Fall kam der nicht. „Ich hatte ja Zeit, mich darauf vorzubereiten“, sagt Schöttelndreier. Doch das, was der eine oder andere ihm geraten hatte, nämlich erst einmal in Urlaub zu fahren, habe er gerade nicht machen wollen: „Ich wollte nicht flüchten. Ich wollte zu Hause sein und mich mit meinem Ruhestand beschäftigen.“

Und sich an so viel Zeit zu gewöhnen, das sei eine „große intellektuelle Aufgabe“, so Schöttelndreier, „ein langsamer Prozess“. Ein Beispiel: An einem Montagmorgen im März, als die ersten Sonnenstrahlen herauskamen, habe er sich auf die Terrasse gesetzt. „Aber ich musste mich anstrengen, nach fünf Minuten keine Panik zu bekommen“, gibt Schöttelndreier zu. Denn sofort seien die Gedanken gekommen, was er sich für diesen Vormittag alles vorgenommen hatte: ein Buch fertig lesen, einen PC einrichten, ein Telefonat führen. „Ich musste mich zwingen, den Augenblick zu genießen und mir zu sagen: ,Jetzt hast du die Zeit, um in der Sonne zu sitzen.‘“

Ganz hinter sich lassen kann Schöttelndreier seinen alten Arbeitsplatz jedoch nicht, hin und wieder ist er noch in der Schaumburger Kreisverwaltung zu sehen.

„Die Nabelschnur ist noch nicht abgewickelt“, nennt Schöttelndreier das. Doch wenn es einen Termin gebe und dazu der Dienstwagen vorgefahren komme, dann bestehe er darauf, hinten zu sitzen – anders als zu seiner Zeit als Landrat. Mit der Rolle des ehemaligen Entscheiders, der aber immer noch um Rat gefragt wird und den auch gerne gibt, „habe ich mich abgefunden“, so Schöttelndreier.

Auch für die Zeit zu Hause bedeutet der Ruhestand eine große Umstellung: Seine beruflichen Sorgen habe er nie nach Hause getragen zu Margitta, seiner Ehefrau seit inzwischen 45 Jahren. Auch daran, Sorgen und Pläne jetzt miteinander zu teilen, schon am Frühstückstisch, müsse er sich gewöhnen. Auch Sohn Jan merke, dass der Vater jetzt im Ruhestand ist: „Der ruft jetzt öfter tagsüber an. Das ist auch eine Umstellung.“

Ganz ohne Pläne und Strukturen kann der Landrat a. D. aber nicht sein, im Gegenteil: „Die Zeit verrinnt doch, wenn man sie nicht nutzt“, sagt der Stadthäger. Momentan gebe es einige feste Termine, Familie und Freunde betreffend oder einige Urlaube etwa, um die sich die Tagesplanung rankt. „Ich könnte mich gehenlassen, sicher“, überlegt Schöttelndreier. „Aber das ginge nicht gut.“

Seine Ehefrau und er haben jeweils einen Kalender, gemeinsam planen sie ihren Tag, wissen voneinander, wer was vorhat. Der Tagesrhythmus im Hause Schöttelndreier sei der gleiche geblieben wie zu Arbeitszeiten.

Zwischen Arbeit und Freizeit unterscheidet Schöttelndreier derzeit allerdings nicht, „vielleicht kommt das ja noch“.

Mittlerweile bekomme er zu vielen Dingen ein anderes Verhältnis, mit der Zeit, die er nun hat, bekämen die Dinge eine andere Bedeutung, so der SPD-Politiker: Rasenmähen zum Beispiel habe er früher schnell zwischen zwei Terminen erledigt, heute könne er sich mehr Zeit nehmen und den Sinn seines Tuns auch wahrnehmen. „Nicht, dass ich jetzt leidenschaftlicher Hobby-Gärtner würde“, sagt Schöttelndreier lachend. „Aber ich sehe jetzt, dass in so einem Grundstück wirklich Arbeit steckt!“

Kann er jetzt Dinge tun, für die er während seiner Jahre als Landrat keine Zeit hatte? „Klar“, sagt Schöttelndreier: Er beschäftige sich derzeit mit Bilder-Bearbeitungsprogrammen, stelle Fotobücher zusammen, habe zahlreiche Bücher, die er lesen möchte, mache mehr Sport, überlege, ob er sich wieder aktiv in einen Verein einbringen möchte, auch sei die Kultur in den letzten Jahren zu kurz gekommen und bald wolle er eine ehrenamtliche Arbeit aufnehmen. Eine lange Liste.

„Früher war meine Zeit fremd getaktet, heute bestimme ich diesen Takt selber“, formuliert es der Neu-Ruheständler. „Ich sehe, dass die Zeit vorangeht. Aber davon bin ich nicht beunruhigt.“

Zeit für sich und seine Familie hatte Heinz-Gerhard Schöttelndreier als Schaumburger Landrat kaum, freie Wochenenden waren selten. Jetzt ist er im Ruhestand. Sich an so viel freie Zeit zu gewöhnen, nennt der 68-Jährige selbst „eine große intellektuelle Aufgabe“.

Zeit für sich und seine Familie hatte Heinz-Gerhard Schöttelndreier als Schaumburger Landrat kaum. Jetzt ist er im Ruhestand. Eine Umstellung, an die sich auch Sohn Jan, hier auf einem Bild in Schöttelndreiers Arbeitszimmer zu sehen, erst gewöhnen muss.

Foto: mld




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