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Die letzten Häuser vorm Kanal: Leben in der Siedlung Baum / Junge Leute bauen nicht selten neben ihrem Elternhaus

Ruhe - nette Menschen - jede Menge sattes Grün

Siedlung Baum (gus). In Schaumburg und Umgebung existieren sie noch, die Oasen beschaulichen Landlebens. Die Idealtypen des Idylls. Heute sagen die Bewohner der Siedlung Baum bei Stemmen, warum es sich trotzdem lohnt, dort zu leben.

Nachdem die letzten Schierneichener Häuser passiert sind, müsste doch eigentlich langsam der Mittellandkanal die Autofahrt beenden. Doch bevor das Gewässer erreicht ist, taucht nochmals eine Ansammlung von Häusern auf. Kein ganzer Ort, nur eine Siedlung. Die Siedlung Baum, benannt nach der Gemarkung, die auch dem Schloss Baum zum Namen verhalf. 25 Häuser stehen hier. Als das Mini-Dorf gegründet wurde, waren es 18 Häuser, eigentlich Kleinsthöfe. Denn die Siedlung Baum wurde 1951 für Flüchtlingsfamilien vorwiegend aus Schlesien gegründet. Jeder Hof umfasste etwa sechs Morgen Ackerland, damit sich die Vertriebenen als Landwirte eine neue Existenz aufbauen konnten. Hartes Brot, erinnert sich Else Achilles, die 1951 mit ihren Eltern in die Siedlung Baum gezogen ist. Der gesamte Bereich seiÖdland gewesen, das urbar gemacht werden musste. Dieser Prozess sei mitverantwortlich dafür, dass sich die Bewohner eng mit dem Siedlung verbunden fühlen. Ehemann Georg nickt. Er habe seinerzeit mitgeholfen, die Siedlung aufzubauen, sagt er nicht ganz ohne Stolz. Von dort wegziehen? Nein, das ist den Achilles' nie in den Sinn gekommen. Eine Abwanderungstendenz sei ohnehin kaum festzustellen. Im Gegenteil. "Die meisten, die wegziehen, kommen irgendwann wieder", sagt Georg Achilles. So wie sein Sohn Wilfried, der vor einigen Jahren das 23. Haus der Siedlung gebaut habe. Zwischenzeitlich wohnte er in Stemmen.Ähnliches scheint sich bei Ralf Krischak abzuzeichnen. Er wohnt in Kirchhorsten und besucht gern und so oft es geht seine Mutter Ursula Krischak. Irgendwann wolle er wieder dauerhaft dorthin zurück. Ursula Krischak ist eine weitere "Ureinwohnerin" der Siedlung. Sie wäre nur dann bereit, anderswo zu leben, wenn beispielsweise gesundheitliche Gründe dies bedingen würden. Ansonsten sei sie dort, wo sie ist, glücklich. Kein Wunder, Krischak dürfte Besitzerin eines der größten "Hinterhöfe" des Landkreises sein. Ihre sechs Morgen Ackerland verpachtet sie an Landwirte von außerhalb, denn Ackerbau betreibt in der Siedlung Baum niemand mehr professionell. Einen Zaun zwischen Acker und Rasen auf Krischaks Grundstück sucht man vergebens. Das hat den Vorteil, dass morgens ab und zu Rehe und Wildschweine bis ans Haus kommen. "Da möchte man sich dann stundenlang nicht vom Fleck rühren", schwärmt Krischak. Was ihr außerdem am Leben in der Siedlung gefällt, sei, dass mehrere Generationen einer Familie eng beieinander wohnen. Denn dass die Kinder wie bei den Achilles' neben dem Elternhaus bauen, ist keine Seltenheit. Inge Klein, seit 25 Jahren Bewohnerin der Siedlung Baum, freut sich auchüber solche Nachbarschaft. "Meine Enkelkinder wohnen direkt gegenüber. Für Kinder ist es toll hier, weil sie naturverbunden aufwachsen", betont sie. Gleiches sagt Gabriele Becker. Ihre beiden Kinder wachsen gerade in der Siedlung auf. "Hier gibt es wenig Verkehr, da können die Kinder ruhig herumlaufen", sagt sie. Das Ufer des Mittellandkanals eigne sich ebenfalls zum Spielen. Gefährlich sei dies nicht, betont Klein, weil die Böschung lang und flach sei. In den Kanal ist dort noch nie ein Kind gefallen, sagt sie. Motorisiert sind alle Siedlungs-Einwohner. Jede Familie hat mindestens ein Auto. Die Schüler können mit dem Bus fahren - sogar bis nach Stadthagen zum Gymnasium. Schließlich bringt die Abgeschiedenheit schon einige Erschwernisse mit sich. Die nächste Einkaufsmöglichkeit befindet sich in Stemmen, gut zwei Kilometer entfernt. Inge Klein findet daran nichts Schlimmes, zumal da es zuÄrzten und Apotheken nur etwas weiter ist. Diese sind in Helpsen zu finden. Die Nachteile nehmen die Bewohner der Siedlung am Kanal gern auf sich. Ruhe, nette Menschen und jede Menge sattes Grün entschädigen voll und ganz, meint Else Achilles. Becker verweist auf das gute Verhältnis der Menschen in der Siedlung zueinander. Wenn es mal nötig sei, könne sie ihre Kinder kurzfristig bei einem der Nachbarn abgeben. Und beim Ausüben von Hobbys müsse man nicht so sehr auf den Lärm achten. Krischak bringt es auf den Punkt: "Hier können wir machen, was wir wollen." Und das auf ausgesprochen weitem Terrain. Marita Kirchner kann ihr Hobby - Gartenarbeit - auf rund 5000 Quadratmetern voll ausleben. So große Grundstücke gibt es eben in keiner Stadt. "Nicht mal auf dem Dorf", fügt Kirchner hinzu.




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