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Rollator: Alltagshilfe oder ständige Last?

1,2 Millionen Rollatoren gibt es derzeit in Deutschland. Für manche Senioren bedeutet er die Chance, sich wieder im Freien zu bewegen, für manche ist er wie ein Stigma. Wie lebt es sich mit diesem Hilfsgerät? Der fünfte und letzte Teil unserer Serie „Leben im Alter“.

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Für mich ist es ein Wundergerät“, sagt Ilse Blaue. „Ohne meinen Rollator könnte ich die Wohnung wohl kaum verlassen.“ Sie lächelt dabei, die liebenswürdige alte Dame aus Rinteln, die gerade ihren 91. Geburtstag feierte und fast jeden Tag in Theos kleinem Supermarkt an der Rintelner Brennerstraße anzutreffen ist. Dort sitzt sie dann auf ihrem vierrädrigen Gefährt, das ihr nicht nur ermöglicht, sich langsam aber sicher fortzubewegen, sondern auch als Sitzplatz dient, wenn sie mit jemandem plaudern will.

Etwa 1,2 Millionen Rollatoren gibt es zurzeit in Deutschland, Geräte, die, wie manche andere geniale Erfindungen auch, dazu dienen, die Beschwerden des Alters ein wenig zu lindern.

Als Ilse Blaue vor zehn Jahren das Rezept für einen Rollator erhielt, was sie zunächst alles andere als begeistert. „Mir war es einfach peinlich, mit diesem klobigen Ding in der Öffentlichkeit herumzurollen. Ich kam mir plötzlich so klein und gebückt vor.“

2 Bilder
„Plötzlich ist es für mich nur noch ein Katzensprung bis in die Stadt“: Ilse Blaue mit Hund auf ihrem Rollator. Fotos: cok

Doch was wäre die Alternative gewesen? An ihren Stöcken konnte sie nicht mehr sicher gehen, da sie, wie so viele alte Frauen, an Osteoporose leidet und bei jedem kleineren Sturz fürchten musste, sich sämtliche Knochen zu brechen. Der Rollator ermöglicht es ihr, beim Gehen die schweren Beine und auch das Hüftgelenk zu entlasten, er ist zugleich Gehhilfe und Stütze, einen Unfall kann es eigentlich nur geben, wenn man vergisst, die Handbremse festzustellen.

„Mir ist es inzwischen vollkommen egal, was die Leute vielleicht denken“, sagt sie. „Der Rollator steht bei mir im Hausflur, und wenn ich es geschafft habe, die Treppe runterzukommen, dann ist es für mich plötzlich nur noch ein Katzensprung bis in die Stadt. Na ja…“ Wieder lächelt sie auf ihre umwerfende Art. „Katzensprung ist vielleicht das falsche Wort, ich bewege mich ja eher vorwärts wie eine Schnecke.“

Aber immerhin: Sie geht, auf den Rollator gestützt, noch jeden Sonntag in die Kirche, sie kauft beim Schlachter und bei Theo ein, besucht auch mal ein Café, um dort einen Kuchen zu essen. Das Einzige, worüber sie sich beschweren mag, sind die vielen Gummischläuche und Stromleitungen, die bei der Rintelner Messe überall auf dem Marktplatz zwischen den Fahrgeschäften herumliegen und ein nicht leicht zu überwindendes Hindernis darstellen. Manchmal sind es gleich zwei oder drei alte Menschen, die dann vor diesen dicken Schläuchen haltmachen, und wenn sie ein so freundliches Gemüt haben wie Ilse Blaue, dann bleiben sie dort einen Moment stehen und nutzen die Situation zur Plauderei.

„Außerdem macht es mir nichts aus, wenn jemand mir seine Hilfe anbietet“, sagt sie. „Im Gegenteil, ich nehme das gerne an. Dann hat man gleich wieder ein paar nette Worte gewechselt.“

O – da geht es zum Beispiel Marie-Luise Mira (Name von der Redaktion geändert) ganz anders. „Ich hasse den Rollator!“, sagt die 67-jährige Frau, die nach einer schweren Krankheit ihre Bewegungen nicht mehr ohne diese Gehhilfe auf Rädern koordinieren kann. „Ich komme mir damit so alt vor, ich kann es nicht ertragen, damit draußen herumzurollern.“

Marie-Luise Mira, die in Stemmen aufwuchs, dann in die Nähe von Dortmund verzog, ist zurzeit Patientin in der Burghofklinik. „Ja, stellen Sie sich vor, ich bin in der Klinik, weil man versuchen will, meine Einstellung zum Rollator zu ändern. Aber ich glaube, ich werde das Ding erst akzeptieren, wenn ich 80 Jahre alt bin.“

Trotzdem ist sie ja mit dem Rollator unterwegs und schaffte es mit dem Luxusmodell für über 400 Euro einigermaßen locker über das Katzenkopfpflaster des Kirchplatzes, um dort zusammen mit ihrer Tochter einen Kaffee zu trinken. „Ich wohne ja nicht hier, da machen mir die Blicke der Leute nicht so viel aus“, meint sie. „Aber auf meinem Dorf, da gehe ich nicht mit dem Rollator raus. Ich kann es nicht ertragen, wie eine Behinderte zu wirken.“ Die Folge ist, dass sie ihre Wohnung normalerweise gar nicht mehr verlässt, kaum noch mit anderen Menschen zu tun hat und ganz traurig geworden ist. „Denk doch“, sagt ihre Tochter, „wenn du den Rollator nicht hättest, müsstest du jetzt im Rollstuhl sitzen!“ Die Mutter zuckt mit den Schultern: „So ist es – ich habe nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera.“

Würde sich Marie-Luise Mira mit offenem Blick umsehen, dann könnte sie entdecken, dass sie bei Weitem nicht die Einzige, ja auch nicht die Jüngste ist, die einen Rollator nutzt. Der Anblick von Menschen mit Rollator ist seit ihrer Einführung im Jahr 1990 längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Überall auf dem Marktplatz sitzen Rollator-Besitzer in den Cafés, sie kaufen in den Geschäften ein und verstauen die Dinge in dem praktischen, direkt am Gerät befestigten Drahtkorb.

Die großen Discounter haben immer wieder Rollatoren in ihrem Angebot, etwa zwei Dutzend deutsche Firmen produzieren für den expandierenden Seniorenmarkt. Wer über die von den Krankenkassen übernommene Selbstbeteiligung von 70 Euro hinaus in die Gehhilfe investiert, findet eine breite Auswahl Rollatoren vor, die besonders leicht sind, sich zusammenklappen lassen, über Rückspiegel und Licht verfügen, leichtgängige Gummiräder haben und neben den Feststellbremsen auch rechts und links je eine Handbremse besitzen. Sogar auf Flohmärkten sind Rollatoren keine Seltenheit mehr.

Erna Apenbrink (84), die ebenfalls in der Weserstadt lebt, sie macht ihre täglichen Rollator-Spaziergänge zusammen mit ihrem Hund Susi, dessen Leine sie am Griff des Gefährtes befestigt. „Natürlich nutze ich den Rollator“, sagt sie. „Sonst wäre ich ja an meine Wohnung gefesselt, kommt gar nicht in Frage.“

Selbst in der Wohnung verlässt sie sich auf die Gehhilfe. Im Gegensatz zu Ilse Blaue, die sich zu Hause auf ihren Gehstock stützt, da der Rollator viel zu sperrig ist für ihre beiden kleinen Zimmer, lebt Erna Apenbrink in einer seniorengerecht ungebauten Wohnung. Bei ihr sind die Türrahmen breiter, es gibt keine Schwellen zwischen den Räumen und sie kann mit dem Rollator sogar ins Badezimmer und unter die Dusche rollen. „Was bin ich froh, dass ich schon relativ früh darüber nachgedacht habe, wie ich das Alter besser überstehe.“

Als der Rollator vor zwei Jahrzehnten der Schwedin Aina Wifalk erfunden wurde – sie litt unter Kinderlähmung und tüftelte an einer Lösung für ihre Geh-Schwierigkeiten – wollten deutsche Händler erst gar nicht darauf einsteigen, weil sie bezweifelten, dass irgendjemand mit so einem Ding durch die Gegend rollen wollen würde. Inzwischen steigern sich die Absatzzahlen von Jahr zu Jahr. So bequem ist der Rollator für viele Senioren, dass Ärzte oder auch Gesundheitstrainer wie zum Beispiel Jochen Siekmann des Fitnessstudios „Go Sports“ aus Rinteln, sich eher darum bemühen, alte Leute wieder vom Rollator loszueisen.

„Natürlich ist ein Rollator sehr gut für Menschen, die sich anders gar nicht mehr vorwärts bewegen können“, sagt er. „Doch oft war er nur als Übergangslösung nach einer Krankheit oder Operation gedacht. Man darf nicht übersehen, dass die leicht gebückte Haltung, die man trotz guter Einstellung der Handgriffe kaum vermeiden kann, auf die Dauer zu Problemen in Rücken und Schulter führen kann.“ Wie einige andere Fitnesscenter im Landkreis auch bietet er spezielle Kurse für Senioren an, in denen es oft auch darum geht, sich wieder vom Rollator unabhängig zu machen.

Die alte Frau Blaue allerdings macht sich um solche Dinge keine Gedanken mehr. „Der Rollator gehört zu meinem Leben“, sagt sie. „Genau so, wie der Pflegedienst, der mir jeden Tag hilft, oder die Medikamente, die ich einnehmen muss.“ Ihre Sorge ist, dass sie vielleicht eines Tages nicht mehr in der Lage sein könnte, die 18 Stufen von ihrer Wohnung hinab zum Stellplatz des Rollators zu bewältigen. Sie weiß, dass es gut wäre, diese Situation nicht unvorbereitet auf sich zukommen zu lassen. „Aber im Moment denke ich höchstens so weit in die Zukunft, dass ich mir vorstelle, ob ich es im Winter wohl wieder durch Eis und Schnee schaffe.“

Informationen: Wer Fragen hat zur Vorbereitung auf eine Lebensphase, in der man auf die Hilfe von Menschen und Geräten angewiesen ist, kann sich als erste Instanz an den Fachdienst Altenpflege in Stadthagen oder den Außenstellen in den Städten des Landkreises wenden. Erfahrene Mitarbeiter beraten hier kostenlos, neutral und vertraulich. Kontakt unter (0 57 21) 703-789.




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