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Mensch statt Maus: Juweliere und Goldschmiede setzen auf Service, den das Internet nicht bieten kann

„Ringe muss man ausprobieren“

Hameln. Ein Paar betritt das Juweliergeschäft, ganz offenkundig auf der Suche nach Trauringen, will aber vom Fachhändler „nur mal eben die Ringgrößen messen lassen“. Gekauft wird im Internet. Jens Horstmannshoff sagt in einem solchen Fall klipp und klar Nein. Keine alltägliche Situation, aber sie komme durchaus vor. Sein Geschäft an der Bäckerstraße existiert seit 143 Jahren, Horstmannshoff junior ist im Alter von 26 Jahren in den Familienbetrieb, den er in der vierten Generation führt, eingestiegen.

Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Ressortleiterin zur Autorenseite
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Hameln. Ein Paar betritt das Juweliergeschäft, ganz offenkundig auf der Suche nach Trauringen, will aber vom Fachhändler „nur mal eben die Ringgrößen messen lassen“. Gekauft wird im Internet. Jens Horstmannshoff sagt in einem solchen Fall klipp und klar Nein. Keine alltägliche Situation, aber sie komme durchaus vor. Sein Geschäft an der Bäckerstraße existiert seit 143 Jahren, Horstmannshoff junior ist im Alter von 26 Jahren in den Familienbetrieb, den er in der vierten Generation führt, eingestiegen.

Kunden, die sich ausführlich beraten lassen und dann mit den Worten „wir überlegen dann mal“ ab ins Netz verschwinden, weil es die Ware dort zehn Prozent billiger gibt, sind Horstmannshoff ein Dorn im Auge. Oder solche, die mit einer im Internet bestellten Uhr zu ihm kommen, um das Armband kürzen zu lassen – und dafür nicht einmal bezahlen wollen. „Ich bin ein Dienstleister, ich muss meine Pacht auch bezahlen“, stellt der Einzelhandelskaufmann klar.

Der Internethandel werde den Handel am Menschen gleichwohl nicht kaputtkriegen. Horstmannshoff bringt es auf die Formel „Mensch statt Maus“ und ergänzt: „Irgendwann werden die Leute kapieren, dass es mehr Spaß macht, mit den Menschen zu sprechen, als mit der Maus zu spielen.“ Das sei gerade im Kleinsteinzelhandel durchaus ein Pfund, mit dem man wuchern könne. „Zu mir kommen oft Kunden, die dann sagen: ,Ich kannte Ihren Vater noch.‘ Das ist eine ganz andere, persönliche Ebene.“ Doch die ist heute offenbar immer weniger gefragt: „Die Generation, die in den Laden geht, stirbt aus“, ist sich Uhrmachermeister Uwe Schlecker sicher. Gegen die Internetpreise könnten die heimischen Händler nicht ankommen. Früher habe die Konkurrenz Karstadt geheißen: „Die konnten die gleichen Uhren, die ich hatte, rund 30 Prozent billiger einkaufen. Selbst wenn sich die Einzelhändler zusammenschließen würden, könnten sie da nicht mithalten“, sagt Schlecker, der das Geschäft, das an der Bahnhofstraße ansässig ist, in der dritten Generation führt – Zukunft ungewiss. Seine Kinder hätten bei der Berufswahl andere Richtungen eingeschlagen. Den Trend hin zum Internet könne man nicht umdrehen. „Wir können nur mit Service punkten.“ Über mangelnde Aufträge kann sich der Uhrmachermeister nicht beschweren: „Ich repariere alles, was möglich ist.“ Vor zehn Jahren habe es schon einmal einen Umsatzeinbruch gegeben, da habe er weniger zu tun gehabt. Damals wurde die Stadt-Galerie geplant. Mittlerweile hat Schlecker in seiner Werkstatt wieder alle Hände voll zu tun. „Uhrmacher ist ein Beruf, der sehr nachgefragt ist. In Deutschland gibt es keine Manufakturen mehr“, so Schlecker. Wer als Uhrmacher in die Schweiz kommt, habe quasi ausgesorgt.

Der Internethandel sei verstärkt seit drei oder vier Jahren zu spüren, und wenn er ehrlich sei, ist er auch selbst verleitet, im Internet zu bestellen – schon aus Zeitgründen oder weil bestimmte Dinge vor Ort nicht erhältlich sind. So gebe es in Hameln kein einziges Porzellanfachgeschäft mehr. Sucht man für ein bestimmtes Service Teile zum Nachkaufen, bleibe einem nur der Weg ins Netz.

Beim Schmuck oder bei Uhren zählt für die Händler aber ein ganz anderer Aspekt: Der Einkauf sei mit einem haptischen Erlebnis verbunden. Den Ring müsse man an den Finger stecken, man müsse ihn ausprobieren und mit anderen vergleichen, die Armbanduhr einmal umbinden, um zu sehen, ob sie gefällt.

Da er als Goldschmied ohnehin auf Individualität setzt, stelle das Internet nicht unmittelbar eine Konkurrenz für ihn dar, sagt Rainer Herrmann von der Schmuckgalerie Perspektive an der Baustraße. „Wir fertigen viel selbst an“, das zwangsläufig nicht woanders zu bekommen ist, und selbst bei den Manufakturen, von denen er kleine Serien führt, achtet er darauf, dass es „das nicht im Internet 20 Prozent billiger gibt“. Als Goldschmied arbeite er vor allem handwerklich, und im Gegensatz dazu stehe der allgemeine Juwelier, der nur handele – „da geht der Kunde sicherlich eher nach dem Preis“. Wie andere Händler betreibt Herrmann keinen E-Commerce, verkauft also nicht über das Internet, überlegt aber, diese Form des Handels auszubauen. „Wenn, dann nur gezielt mit eigenen Stücken und sehr übersichtlich“, so Herrmann.

Nicht nur die Größe beim Ring muss stimmen. Wie er am Finger aussieht, sollte man am besten ausprobieren, raten die Einzelhändler.

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