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Unerwartet stand es auf dem Hof

Rehkitz „Hans im Glück“ ist Hermann Meier ans Herz gewachsen

FRIEDRICHSBURG. Bei Hans im Glück handelt es sich in diesem Fall nicht um das Märchen der Brüder Grimm, sondern es geht um die Geschichte eines Kitzes, das munter im Garten von Hermann Meier im kleinen Sonnentaldorf Friedrichsburg herumspringt, die Besucher freundlich begrüßt und sich Streicheleinheiten abholt.

Autor

Peter Jahn Reporter

Das Besondere: Hans, wie der passionierte Jäger Meier den kleinen braunen Wusel mit den hellen Flecken liebevoll ruft, wenn er Richtung Garten geht, hat sich sein Zuhause selbst ausgesucht.

Und so beginnt die Geschichte. An einem Sonntagmorgen im Juni ist eine Frau mit ihrem Auto zwischen Friedrichswald und Heßlingen unterwegs. Auf einer Wiese zwischen dem Ober- und Unterdorf von Friedrichsburg sieht sie ein Kitz. Im Unterdorf hält sie bei Hermann Meier an, um ihm mitzuteilen, was sie gerade gesehen hat. Unverzüglich macht sich der 77-Jährige auf den Weg. Finden kann er das Rehkitz auch nach längerer Suche nicht. Er macht sich wieder auf und Gedanken darüber, was wohl der Ricke passiert sein kann? Auf der Straße findet Meier keinen Anhaltspunkt für einen Wildunfall.

So in Gedanken versunken sitzt der erfahrene Jäger in seiner Küche als „auf einmal die Hühner im Garten ein großes Spektakel machen. Ich sehe aus dem Fenster und da steht das Kitz auf dem Hof.“ Noch wackelig auf den kleinen dünnen Beinen. Meier geht runter und sagt spontan, „du bist ja wohl ein Hans im Glück“, nimmt ihn auf den Arm, bringt den Kitzbock in die Waschküche, wo er Hans, wie er ihn heute noch ruft, in einen Maurerkübel legt. Diesen polstert er mit Heu und Stroh aus, Hans im Glück soll es bequem und warm haben.

Doch damit ist es nicht getan, wenn das Tier überleben soll. Hermann Meier weiß Rat. „Ich habe in Heßlingen bei der Schäferei Stock angerufen und die Seniorin hat gesagt, ich soll zu ihr kommen. Sie hat mir Pulver gegeben mit dem verwaiste Lämmer aufgezogen werden, dazu einen Nuckel und eine Flasche.“ Wieder zu Hause wird das Aufzuchtpulver mit Wasser verdünnt und in der Mikrowelle in der Flasche erwärmt. „Schnell hat Hans genuckelt.“

Behalten will Meier das zugelaufenen Wildtier zunächst nicht. Doch der Anruf in der Wildtierstation lässt ihm keine Wahl. „Wir nehmen keine Frischlinge, Waschbären oder Kitze hat man mir gesagt.“ Damit ist klar, Hans im Glück bleibt in Friedrichsburg. Nach einiger Zeit springt das Kitz in der Waschküche aus dem Kübel. Es folgt der Umzug in den Garten. Zwischen bunten Zwerghühnern und Bienen fühlt sich Hans auf Anhieb wohl. Kleine Bocksprünge und Spurts legt er dort hin.

Kommt Hermann Meier mit der Flasche verlässt er seine Deckung unter den Büschen des Gartens und flitzt auf seinen Pflegevater zu. Trinken und streicheln, das gefällt dem Findelkind sichtlich. Auch wenn Besuch kommt, das sind meist die fünf Enkelkinder aus Hameln und Wolfsburg und natürlich die Mädchen und Jungen aus dem Dorf stupst Hans diese an, damit sie ein kraulen.

Die ersten Wochen hat Meier das Kitz alle drei Stunden gefüttert. Heute gibt es dreimal am Tag die Flasche. Gras und Blätter, auch mal einen weichen Stängel von einer Pflanze, verschmäht das Reh inzwischen auch nicht. Sehr selektiv wird nach Fressbarem gesucht, so wie es Rehen eigen ist.

Wie die fernere Zukunft von Hans im Glück aussieht, weiß Hermann Meier nicht. Bis zu seiner Geschlechtsreife wird es keine Probleme geben. Ist Hans ein Jährling und nach einem weiteren Jahr ein Bock, wird er Ricken nachstellen wollen. Dann kommt es zu dem, was Verkehrsteilnehmer in diesen Tagen erleben. In der Zeit der Fortpflanzung, beim Rehwild Blattzeit genannt, kommt es häufiger zu Unfällen.

Ab Mitte Juli bis Mitte August sind die Rehbock am Treiben. Mit hohem Tempo sind sie hinter den Ricken im Feld oder auf hohen Wiesen hinterher. Liebesblind werden dabei auch Straßen überquert. Hans im Glück kennt diese Gefahr für Mensch und Tier nicht, unbelastet davon genießt er in Friedrichsburg Kindheit und Jugend und macht Ziehvater Hermann Meier, dem er „längst ans Herz gewachsen“ ist und allen Gästen im großen Garten des Jägers und Imkers viel Freude.




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