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Am Fuß der rheinhessischen Rheinterrassen liegt Alsheim auf Lössboden

Reben, Routen, Knoblauchsrauken: Ein Maientag im Hohlwegeparadies

Von Jens Meyer

Alsheim. In Alsheim fließen weder Milch noch Honig, aber auf seinen Feldern rundherum reifen Trauben für gehaltvolle Rieslinge, frisch-fruchtige Silvaner und Cabernet Sauvignons mit ungeniert französischer Note. Ob solch guten Geschmacks wird man Milch und Honig hier nicht missen, am Fuß der rheinhessischen Rheinterrassen zwischen Mainz und Worms, wo rund 700 Hektar Land unter Reben stehen, die Lagen Namen wie Goldberg, Frühmesse und Fischerpfad tragen und Sonne gemeinhin mehr saufen als trinken. Winzer, die in dieser von Bacchus gesegneten Gegend Wein anbauen, haben allermeistens Grund zur Freude.

Einer von ihnen ist Dr. Herbert Balzhäuser. „Probieren Sie mal. Das ist eine Knoblauchsrauke.“ Balzhäuser kennt sich nicht nur mit guten Tropfen aus, sondern auch mit dem, was da sonst noch so wächst an den Wegen, die zu den Weinfeldern führen. Ein weiß blühendes Pflänzchen hält er in der Hand, hat es vom Wegesrand gerupft, was nicht weiter schlimm ist, weil es hier wächst wie Unkraut. Genau genommen ist es eines. „Die Knoblauchsrauke wächst hier überall. Für Salat wie gemacht, nicht so forsch wie Knoblauch, sondern milder, aber im Geschmack ähnlich“, führt der Winzer während einer Wanderung durch das Hohlwegeparadies rund um seine Heimat aus. Etwa 30 Gäste folgen ihm und seiner Familie an diesem schönen Maientag. Von Hohlwegen haben die wenigsten von ihnen bislang gehört. Mag die Vorfreude auf die nachmittägliche Vesper mit guten Tropfen noch so groß sein, so bleiben sie doch trotzdem oft stehen, um erst einmal zu riechen, zu sehen, zu staunen.

Zum Beispiel darüber, warum die Hohlwege mit Natursteinen gepflastert sind. Glatter Luxus, oder? Wer pflastert schon Feldwege? Und darüber, dass an den Rändern dieser guten Routen wilder Majoran, wilder Rucola, Seifenkraut und Knoblauchsrauke wachsen, gewissermaßen zig Portionen Salat, einfach so. Und Löwenzahn darf zwischen den Rebzeilen das tun, woran er in privaten Gärten für gewöhnlich mit chemischer Keule gehindert wird: wachsen, blühen, als Pusteblume vergehen und wieder auferstehen.

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Da geht’s lang: Wanderung durch die Weinberge bei Alsheim.

„Hier wächst der Silvaner. Der hier“, sagt Julia Balzhäuser und zeigt auf eine Flasche, die Sohn Johannes just entkorkt hat. Leichter Sommerwein. Sommer ist noch nicht, schmecken tut er schon. Was dem Kellermeister zu danken ist, aber auch den Lössböden, auf denen die Rebstöcke wachsen. Im Löss liegt das Wohl und Wehe der Hohlwege. Ohne ihn gäbe es sie nicht. Bis zu einer Mächtigkeit von 40 Metern ist Löss in Rheinhessen zu finden; die Winde der letzten Eiszeit haben ihn hierher getragen. Für den Anbau von Wein ideal, für den Bau von Wegen nicht. Ein gutes Fünftel des Lössbodens ist Kalk und daher instabil. Das Befahren der Wege führte in den Jahrhunderten zum Absacken des Bodens, während die Seitenwände einigermaßen stehen blieben. In Verbindung mit Regen sackte das Erdreich immer mehr ab; so entstanden sie, die Hohlwege um Alsheim. Rund zehn Kilometer sind erhalten. Ein von Jahrhunderten geprägtes „Bauwerk“, geschaffen von Natur und Mensch.

„Das konnte nicht so weitergehen. Daher wurden in den zwanziger Jahren und später Hohlwege mit Pflastersteinen versehen, damit die Fuhrwerke noch zu den Rebzeilen kamen“, sagt Herbert Balzhäuser. Die Rosenbergshohl, die Münzelhohl, die Krummsteigshohl – allein und in der Dunkelheit hier zu schlendern, ist kein Spaß. Tagsüber in der Gruppe ist es das sehr wohl. Gästen wie Arno Bluhm aus Mönchengladbach hat es jedenfalls sehr gut gefallen. „So etwas gibt es ja nur hier. Nächstes Jahr bin ich wieder dabei.“

Nach vier Stunden Naturkundewanderung lädt die Winzerfamilie Balzhäuser dann in den Weinkeller ein. Holzfässer gibt es dort unten nicht, nur Stahltanks, in denen noch Spät- und Auslesen des 2009er Jahrgangs darauf warten, bald auf Flasche gefüllt zu werden. „Nordlichter“ aus Hameln, Goslar oder Mönchengladbach hatten sich das irgendwie anders vorgestellt, urtümlicher, Fass auf Fass eben, aber doch keinen blanken Stahl. Balzhäuser weiß Rat und führt seine Gäste dann noch ganz tief hinein in die Katakomben des Wein- und Sektgutes an der Mittelgasse. „Das ist der ,Touri-Keller‘“, sagt er verschmitzt. Pilzbefall an feuchten Wänden, flackerndes Licht, dicke, alte Holzfässer. Die Welt ist wieder in Ordnung. Wie dort draußen auf den Hohlwegen.

Vesper im Weinberg: Am schönen Maientag gibt’s schon den Sommerwein und einen Riesling zur Stärkung.

Im Weinkeller: moderne Stahltanks. Aber danach geht’s auch noch in den „Touri-Keller“ mit Holzfässern und flackerndem Licht.




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