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Silvester 1935: Bückeburg trauert um Verlust seiner Wahrzeichen / Fürst Adolf braucht dringend Geld

Raub der Sabinerinnen „versilbert“

Gesprächsthema Nr. 1 am Silvesterabend vor 75 Jahren dürfte – damals wie heute – das Wetter gewesen sein. Allerdings ging es nicht um Schneechaos, überfüllte Züge und vereiste Landebahnen. Im Gegenteil: Die Leute wunderten sich über das Ausbleiben des Winters. Weihnachten war – zu damaliger Zeit ein seltenes Erlebnis – ein „grünes Fest“ gewesen. Ein Temperatursturz war nicht in Sicht. „Bewölkt, zeitweise Regen und weiterhin mild“, so die am 31. Dezember 1935 in der Schaumburger Zeitung abgedruckte Prognose der in Hamburg sitzenden Reichswetterdienststelle.

Der von 1911 bis zu seiner Entmachtung Ende 1918 amtierende Fürst Adolf ließ vor 75 Jahre die de Vries-Kunstwerke versilbern.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Ansonsten schien alles so zu sein wie in den Jahren zuvor. Die Lebensmittelläden lockten mit speziellen Silvester-Angeboten. Heringssalat kostete 85 Pfennig das Pfund, und eine Flasche Tarragona war sogar für 75 Pfennig zu haben. Wer nicht zu Hause aufs neue Jahr anstoßen wollte, hatte die Qual der Wahl. Besonders vielversprechende Angebote machten die Gastwirtschaft Buhr in Rolfshagen und der Ratskeller sowie die beiden Café-Restaurants Laporte und Sinke in Rinteln. Alle vier „Etablissements“ kündigten neben Tanz und Konfettitrubel auch Theater- und Gesangsvorführungen an. Auch die heimischen Kinos lockten mit locker-fröhlicher Unterhaltung. Die Bückeburger Residenz-Lichtspiele zeigten „Madame Pompadour“, und im benachbarten Rathaus-Theatersaal flimmerte „Der Student von Prag“ über die Leinwand.

Worauf die Leute um Mitternacht am häufigsten und lautesten anstießen und was sie sich für das neue (Schalt-) Jahr 1936 am Sehnlichsten wünschten, ist nicht überliefert. Ein Hauptthema dürften – wenn vielleicht auch nur hinter vorgehaltener Hand - die rasanten politischen Veränderungen gewesen sein. Die nach der „Machtübernahme“ Hitlers Anfang 1933 begonnene Gleichschaltung war auch während der letzten zwölf Monate rigoros weiterbetrieben worden. Viele von denen, die sich nicht anpassen wollten, hatten das Land verlassen. Andere sahen sich zunehmender Verfolgung ausgesetzt. Im März 1935 hatte das Regime 700 Pfarrer der „bekennenden Kirche“ verhaften lassen. Durch die im September verkündeten „Nürnberger Gesetze“ waren alle Deutschen jüdischen Glaubens zu Staatsbürgern zweiter Klasse „degradiert“ worden.

Aber auch die große Masse der anpassungswilligen Volksgenossen bekam den diktatorischen Wandel immer heftiger zu spüren. Im Juni 1935 war ein sechsmonatiger „Reichsarbeitsdienst“ für alle jungen Männer zwischen 18 und 25 beschlossen worden. An Sinn und Zweck der „Ertüchtigungseinsätze“ gab es spätestens seit der viel bejubelten Rede Hitlers am 14. September in Berlin keinen Zweifel: Der deutsche Junge der Zukunft müsse „schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“, hatte der Führer die körperliche und kämpferische Einsatzbereitschaft zum Hauptziel nationalsozialistischer Erziehungsarbeit erklärt. Parallel dazu waren auch die Vorgaben in puncto Kunst und Kultur immer mehr angepasst worden. So durfte seit Oktober 1935 kein „Nigger-Jazz“ mehr gespielt werden.

Heutiger Standort der Kunstwerke ist das renommierte, auf der Museumsinsel gelegene und zur staatlichen Museumslandschaft gehöre
  • Heutiger Standort der Kunstwerke ist das renommierte, auf der Museumsinsel gelegene und zur staatlichen Museumslandschaft gehörende Bode-Museum. Foto/Repros: gp
Gesprächsthemen der Leute am Jahreswechsel vor 75 Jahren: Reichsarbeitsdienst (Bild links) und Verbot der „Nigger-Musik&ld
  • Gesprächsthemen der Leute am Jahreswechsel vor 75 Jahren: Reichsarbeitsdienst (Bild links) und Verbot der „Nigger-Musik“.
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Heutiger Standort der Kunstwerke ist das renommierte, auf der Museumsinsel gelegene und zur staatlichen Museumslandschaft gehöre
Gesprächsthemen der Leute am Jahreswechsel vor 75 Jahren: Reichsarbeitsdienst (Bild links) und Verbot der „Nigger-Musik&ld
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Wie man in Schaumburg über diese und andere Neuerungen dachte, lässt sich nur erahnen. In den Jahresrückblicken der hiesigen Parteifunktionäre war von überschäumender Begeisterung für die Bewegung und vom unerschütterlichen Glauben der Menschen an die Zukunft einer großdeutschen Nation die Rede. Aufregung und Ärger hatte es in den Tagen vor dem Jahreswechsel nur in Bückeburg gegeben. Allerdings richtete sich die Unzufriedenheit der Einwohner nicht gegen den bevorstehenden Rauswurf des verdienten Bürgermeisters Karl Wiehe oder gegen andere Willkürmaßnahmen der örtlichen NSDAP-Anhänger. Die Verbitterung galt dem Verschwinden der Kunstwerke „Venus mit Adonis“ und „Raub der Sabinerinnen“. Die beiden Anfang des 17. Jahrhunderts vom berühmten holländischen Bildhauer Adrian de Vries geformten Bronzeskulpturen waren längst zu städtischen Wahrzeichen geworden. Die Figur „Raub der Sabinerinnen“ hatte mehr als 350 Jahre lang auf dem Marktplatz gestanden. Venus und Adonis zierten währenddessen den Schlossgarten. 1896 waren beide Kunstwerke – nach Abschluss der umfangreichen Neu- und Umbauten von Schloss und Park – auf der neuen Schlossbrücke „vereint“ worden.

Nach ihrem plötzlichen Verschwinden im Morgengrauen des 22. Oktober 1935 wusste zunächst keiner, wo die beiden Standbilder geblieben waren. Die Bückeburger seien von „großer Beunruhigung erfasst“, schilderte die Zeitung „Schaumburg“ die Gemütslage der Einwohner. „Seitdem steht das Telefon in der Redaktion nicht mehr still“.

Was viele anfangs nicht wussten oder auch nicht wahrhaben wollten: Die Kunstwerke waren von Schlossherr Adolf „versilbert“ worden. Der letzte amtierende, Ende 1918 entmachtete Spross der heimischen Grafen- und Fürstendynastie hatte viel Geld fürs Bauen ausgegeben – nach überschlägiger Schätzung mindestens 20 Millionen Reichsmark (mehr als 80 Millionen Euro). Noch kostspieliger soll der aufwendige Lebensstil des Ex-Landesherrn gewesen sein. Insider wussten zu berichten, dass Adolf und seine skandalumwitterte Ehefrau Elisabeth bei ihren Besuchen im Spielcasino Monte Carlo nicht selten bis zu zehn Millionen pro Nacht verzockten. So viel Großzügigkeit konnte auf Dauer selbst die zuvor prall gefüllte Familienschatulle nicht verkraften. Um die Löcher zu stopfen, ließ Adolf einen Teil des Tafelsilbers verkaufen. Die beiden De-Vries-Skulpturen riss sich das Berliner Bode-Museum unter den Nagel.

Den Bückeburgern blieb und bleibt der Trost, dass sich die Berliner zur Herstellung und Lieferung von Kopien der beiden Skulpturen verpflichtet hatten. „Auch wenn sich nun – und das hoffentlich recht bald – auf den Podesten die Nachfolger befinden werden, können uns diese Kopien nicht über den schmerzlichen Verlust, den die alte Kulturstadt Bückeburg erleidet, hinwegtrösten“ kommentierte die „Schaumburg“ die Vorgänge vor 75 Jahren.

Bis heute gehören die beiden Skulpturen „Venus und Adonis“ (auf dem Foto rechts) und „Raub der Sabinerinnen“ zu den bekanntesten heimischen Sehenswürdigkeiten. Vor 75 Jahren wurden die Anfang des 17. Jahrhunderts vom kunstsinnigen Fürsten Ernst zur Ausgestaltung seiner neuen Residenz in Auftrag gegebenen und 1620 nach Bückeburg transportierten Originale durch Nachbildungen ersetzt.

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