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Ran an die Kartoffeln

Wenn es um die Kartoffel geht, ist Cord Lattwesen ein Purist. Sein Lieblings-Kartoffelrezept, da ist sich der stellvertretende Vorsitzende des Bauernverbandes Weserbergland ziemlich schnell sicher, sind Pellkartoffeln, am besten mit Quark. Sein Lieblings-Kartoffelrezept dürfte auch bald wieder auf seinem Teller in Hohnhorst bei Bad Nenndorf landen, wo Lattwesen wohnt. Denn die Bauern im Weserbergland stehen kurz davor, die Kartoffelernte zu beenden. Und die erste Bilanz lautet: Es lief rund.

Autor:

Robert Michalla undChristian Satorius

Insgesamt rund 10,6 Millionen Tonnen Kartoffeln ernteten Deutschlands Bauern in diesem Jahr. Dies ist zwar eine deutlich geringere Ernte als 2011. Um 10,6 Prozent seien die Erträge geschrumpft, heißt es im Bundeslandwirtschaftsministerium. Trotz einer kleineren Ernte in diesem Jahr dürften aber mehr deutsche Kartoffeln zu kaufen sein. Denn der Anteil der vermarktungsfähigen Ware falle 2012 größer aus als im vergangenen Jahr, hieß es. Grund sind weniger übergroße Kartoffeln, die sich schlecht weiterverarbeiten und deshalb nicht verkaufen lassen.

Die Ernte fiel auch deswegen geringer aus, weil die Anbaufläche schrumpfte. In ganz Deutschland gab es 238 100 Hektar Kartoffeläcker, etwa acht Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Dabei sank sie in allen Ländern, nur in Schleswig-Holstein wuchs sie. Niedersachsen ist dabei in Deutschland Kartoffelland Nummer eins. Es hat mit fast 46 Prozent den größten Anteil an der deutschen Kartoffelernte. Zwischen Harz und Nordsee fuhren die Bauern im vergangenen Jahr 4,85 Millionen Tonnen Kartoffeln ein. Mit Abstand folgten Bayern mit 1,81 Millionen Tonnen und Nordrhein-Westfalen mit 1,23 Millionen Tonnen.

Die Anbaufläche für Speisekartoffeln in Niedersachsen blieb gegenüber dem Vorjahr mit 31 837 Hektar nahezu unverändert, heißt es beim Landvolk Niedersachsen. Deutlich eingeschränkt wurde hingegen der Anbau von Industriekartoffeln. Grund ist eine Änderung der Prämien der Europäischen Union für Kartoffeln, aus denen Stärke gewonnen wird. Auf zwei Dritteln der 103 548 Hektar Kartoffelfläche in Niedersachsen werden Industriekartoffeln angebaut. Dazu zählen zum Beispiel die von Chips- oder Pommesproduzenten nachgefragten Kartoffeln.

Die Bauern im Weserbergland aber bleiben von diesen Veränderungen offenbar verschont. Nach den Worten Lattwesens vom Bauernverband jedenfalls holen seine Kollegen in der Region überwiegend Speisekartoffeln aus der Erde. Eher weniger Betriebe setzten auf Industriekartoffeln.

Aber bedeutet eine geringere Ernte am Ende auch weniger Geld für die Bauern, bedeuten weniger Knollen auch weniger Kohle? Nicht ganz. Denn der Verbraucherpreis für die Kartoffeln sei tendenziell leicht höher als 2011, erklärte das Ministerium weiter. Außerdem wollen die Bauern ihre Kartoffeln in die Niederlande und nach Belgien verkaufen. In den Nachbarländern können die Kartoffelanbauer den Bedarf im eigenen Land derzeit nicht decken, wovon die Norddeutschen profitieren wollen.

Cord Lattwesen kennt auch einen weiteren Grund, der die Bauern von Schaumburg über Hameln-Pyrmont bis Holzminden über den geringeren Ertrag hinwegtrösten dürfte: Die Qualität der Kartoffeln ist gut. Und damit wiederum liegt das Weserbergland im bundesweiten Trend.

Zwar gibt es weltweit mehrere 1000 Kartoffelarten, der Hauptmarktanteil hierzulande verteilt sich aber auf nur eine gute Handvoll Sorten. Linda etwa erfreute sich viele Jahre lang großer Beliebtheit und so ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung, als sie im Januar 2005 vom Markt der gewerblichen Pflanzgutproduktion verschwand. Viele Bauern waren damit nicht einverstanden, der Streit dauert bis heute an.

Dass es einmal soweit kommen würde, hätte sich früher wohl niemand träumen lassen, denn als die ersten Kartoffeln hierzulande eingeführt wurden, betrachtete man sie mit Argwohn. Ursprünglich kamen sie aus den Andengebieten Venezuelas bis Argentiniens. Auf der Insel Chiloé fanden Forscher die Spuren der wohl ältesten Kartoffeln überhaupt, sie waren ganze 13 000 Jahre alt. Die spanischen Entdecker und Eroberer sahen die Kartoffeln dann im 16. Jahrhundert bei den Inkas und brachten sie mit nach Europa. Von Spanien aus verbreiteten sie sich dann im Laufe der Zeit über den gesamten Kontinent.

Schon 1596 tauchten sie im Katalog des Londoner Botanischen Gartens auf, wo man sie als Zierpflanze beziehungsweise botanische Rarität aufgrund des üppigen Wuchses und der schönen Blüten hielt. Bis heute erzählt man sich in England die Legende, Sir Francis Drake habe Kartoffelpflanzen als Beutegut bei seinem Sieg über die Spanische Armada mit nach England gebracht, was Wissenschaftler aber bezweifeln. In Italien und auch in den Niederlanden wurde die Kartoffel ebenfalls bereits noch im 16. Jahrhundert erstmals erwähnt. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts baute man sie dann in Irland schon als Nahrungsmittel an.

Im Gegensatz zum Getreide ist die Kartoffel leichter zu ernten. Sie muss nicht erst aufwendig aus den Ähren gedroschen werden und auch der Flächenertrag liegt deutlich höher als beim Getreide. Nach Deutschland kam sie in größeren Mengen wohl erst etwa Mitte des 17. Jahrhunderts – und dort einigen Historikern zufolge wohl zuerst nach Bayern. Bis nach Sachsen drang sie 1716 vor, bis Preußen gar erst 1738.

Der Alte Fritz, Friedrich II. von Preußen, erkannte das Potenzial der Kartoffel als Nahrungsmittel recht schnell und erließ am 24. März 1756 die „Circular-Ordre“, die als „Kartoffelbefehl“ bekannt geworden ist und in der der großflächige Kartoffelanbau angeordnet wurde: „Wo nur ein leerer Platz zu finden ist, soll die Kartoffel angebaut werden.“ Die preußischen Untertanen konnten dem neuen Nahrungsmittel zuerst gar nichts abgewinnen. Vorurteile und sogar Aberglauben behinderten den Siegeszug des Nachtschattengewächses so sehr, dass Saatkartoffeln sogar kostenlos verteilt werden mussten. Lange galten Kartoffeln als Arme-Leute-Essen. Aus dieser Zeit stammen die heute noch bekannten Aussprüche: „Jetzt müssen wir erst einmal eine Zeit lang Kartoffeln essen“ oder „Kartoffeln machen dumm“.

Anfang des 19. Jahrhunderts griffen in Europa die eingeschleppten Kartoffelkrankheiten um sich. Der Coloradokäfer, besser bekannt als Kartoffelkäfer, lebte in seiner Heimat Colorado in den USA, ursprünglich auf dem Stachel-Nachtschatten, fühlte sich dann aber zur Kartoffel hingezogen, die ja auch zu den Nachtschattengewächsen zählt. 1877 tauchte er in Deutschland erstmals in Mülheim an der Ruhr auf. Trotz aller Vorbehalte und Misserfolge erfreut sich die Kartoffel in Deutschland heute großer Beliebtheit, wenn auch der Verbrauch sich seit der Nachkriegszeit etwa halbiert hat und auch die Anbaufläche nur noch etwa halb so groß ist wie 1990.

Dennoch kommt Deutschland aktuell auf einen Selbstversorgungsgrad von mehr als 100 Prozent. Weltweit gesehen werden heute laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO in Rom über 300 Millionen Tonnen Kartoffeln angebaut, wovon weit über 70 Millionen Tonnen auf China entfallen. Deutschland folgt mit seinen rund 10,6 Millionen Tonnen der aktuellen Ernte auf Platz sieben der Weltrangliste, hinter Russland, Indien und den USA. Verwendung finden die Kartoffeln als Nahrungsmittel, Saatgut, Futtermittel oder auch als Ausgangsstoff für die Ethanolgewinnung.

Gesund sind die Knollen auf jeden Fall, enthalten sie doch nur rund 68 Kalorien und neben 75 Prozent Wasser sowie 17 Prozent Stärke auch die Vitamine A, B1, B6, C, Folsäure beziehungsweise Spurenelemente. Das weiß sicher auch Cord Lattwesen. Würde er sie sonst so gern essen? Ganz so einfach gestrickt ist der Vize-Chef der heimischen Bauern übrigens nicht. Zu den Pellkartoffeln mit Quark isst er nämlich sehr gern noch eine zweite Zutat: Hering. „Da könnte ich mich reinsetzen“, sagt Lattwesen.

Niedersachsen ist das Kartoffelland Nummer eins in Deutschland. Statistisch fast jede zweite Knolle stammt aus dem Boden zwischen Nordsee und Harz. Allein 4,85 Millionen Tonnen Kartoffeln fuhren die niedersächsischen Bauern im vergangenen Jahr ein. Die Ernte in diesem Jahr befindet sich derzeit auf der Zielgeraden. Laut Bauernverband lief die Ernte, wen überrascht es, rund.

„Da könnte ich mich reinsetzen.“




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