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Im Westen ein Ladenhüter, im Osten äußerst erfolgreich: Am Lada Granta scheiden sich die Geister

Putins Liebling

Autor:

Gerd PiPer

Er wird seit dem Jahr 2011 in Deutschland angeboten und verkauft sich so gut wie gar nicht – der Lada Granta. Dabei gilt die viertürige Stufenhecklimousine derzeit nicht nur als das billigste Angebot im hiesigen Markt, sondern zählt auch zu den erfolgreichsten Autos in Russland. Wladimir Putin hat den Wagen höchstpersönlich getestet und für gut befunden. Wie aber geht das: auf der einen Seite Ladenhüter, auf der anderen Erfolgsstory? Wir haben uns den Wagen einmal näher angesehen.

Design, das ist inzwischen bekannt, gehört zu den wichtigsten Gründen beim Erwerb eines Neuwagens. Seitdem man herausfand, dass Frauen zu einem erheblichen Teil die Kaufentscheidungen ihrer Männer beeinflussen, legen sich die Designer mächtig ins Zeug. Zweitrangig, was unter der Motorhaube passiert, Hauptsache eine flotte Linie. Bestes Beispiel dafür sind die Modelle von Dacia. Die inzwischen hübsch gestylten Billigautos der Renault-Tochter gehen weg wie geschnitten Brot. Warum klappt das beim Granta nicht? Die Antwort ist einfach: Der Wagen ist hässlich.

Was haben sich die Designer gedacht? Wir wissen nicht, was sich die Designer gedacht haben, als sie den Granta entwarfen. Sollte es eine klare Distanz zum westlichen Geschmack gewesen sein, so haben sie einen Volltreffer gelandet: Der Lada ist ziemlich hochbeinig, hat eine vergleichsweise niedrige Schulterlinie, dafür aber ein ausladendes Hinterteil. Das entspricht so gar nicht dem Zeitgeschmack eines hippen Westeuropäers.

Auch im Innern geht es eher einfach zu. Hartplastik, ein etwas grober Instrumententräger und so gar nichts, was nach Luxus aussieht. Aber da das etwas Grobe im Innenraum augenscheinlich gut verarbeitet ist, bekommt der Lada ganz plötzlich einen sympathischen Zug. Ein hässliches, aber ehrliches Entlein.

Ein vollwertiges Auto: Die wenigen, die sich hierzulande für dieses Fahrzeug entschieden haben, dürften so gar nicht ins Raster der Marketingstrategen in der Automobilindustrie passen: Design? Egal. Image? Wen schert es! Möglichkeiten, das Auto zu individualisieren? So gut wie nicht vorhanden. Dafür dürfte sich mit der Zeit ein grundlegender Wertewandel vollziehen: Besitzer berichten, dass ihnen jetzt Menschen, vorwiegend aus dem Osten Europas, freundlich zuwinken. Die eigenen Landsleute quittieren die Begegnung dagegen häufig mit einem mitleidigen Lächeln. Nach dem Motto: Zu mehr Auto hat’s wohl nicht gereicht. Und genau das hat der Russe nicht verdient. Denn der Granta ist ein einfaches, aber vollwertiges Auto. Zugegeben: Die ersten Kilometer sind etwas seltsam, weil die Lenkung direkter sein könnte und die Räder leiser abrollen sollten. Aber daran gewöhnt man sich schnell. Die großen Fensterflächen sorgen für viel Licht im Innern und eine gute Sicht nach draußen, die Heizung bollert bei den gerade kälter werdenden Tagen wohlig drauflos und die 87 PS des 1,6-Liter-Vierzylinders versprechen zwar keine Leistungsexplosion, sie sind aber da, wenn man sie braucht.

Auch die fünf Gänge lassen sich sauber durch die Schaltbox führen. Dass die Bremsen (vorne Scheiben, hinten Trommel) unseres Testwagens manchmal aufquietschten, kann mehrere Gründe haben und sollte unbedingt beim nächsten Werkstattcheck untersucht werden.

Dafür sind ABS und das elektronische Stabilitätsprogramm genauso Standard wie zwei Airbags, zwei elektrische Fensterheber vorne und ein kleiner Bordcomputer. Die Außenspiegel muss man zwar über einen kleinen Hebel an der A-Säule in die richtige Stellung bringen, aber irgendwo musste man ja sparen. Das Hebelchen war vor noch gar nicht allzu vielen Jahren auch im Westen gang und gäbe.

Wenn man jetzt bedenkt, dass die Sonderlackierung Silbermatt im neuen Audi Supersport-Luxusschlitten S8 plus mit 5390 Euro in der Liste steht, der ganze Granta in der Basisversion aber lediglich 6750 Euro kostet, so stellt sich spätestens hier die Frage, was wohl schiefläuft in dieser Welt.

Vorne hui, hinten pfui: Der Granta ist vom Design

her keine Meisterleistung.

Dafür funktioniert der kleine

Russe im Alltag ganz ordentlich. Wem das Image egal ist, bekommt eine ganze Menge Auto für kleines Geld.Foto: Hersteller




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