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Prozess: Nurretin B. gesteht schriftlich, Kader K. sagt aus

EIMBECKHAUSEN/HAMELN. Prozessauftakt mit ein paar Minuten Verspätung: Nurretin B. wird in Handschellen in den Saal geführt. Das Medieninteresse ist hoch, rund 100 Besucher sitzen im Gerichtssaal, als das Geständnis von Nurretin B. verlesen wird und kurze Zeit später das Opfer, Kader K. aus Hameln, aussagt.

Nurretin B. (Mitte) äußerte sich nur schriftlich. Verlesen wurde das Geständnis von seinen Verteidigern Bastian Quilitz (links) und Matthias Waldraff. Fotos: Dittrich
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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Der wegen versuchten Mordes an seiner Ex-Frau Kader K. (28) angeklagte Nurettin B. (39) hat am ersten Prozesstag vor dem Schwurgericht in Hannover ein umfangreiches Geständnis abgelegt. Er äußerte sich nicht selbst, ließ seine beiden Verteidiger Matthias Waldraff und Bastian Quilitz in der Ich-Form vortragen. Er habe auf „grausame Weise“ versucht, Kader K. zu töten, ließ er ausrichten. „Ich bekenne meine Schuld, habe die grauenvolle, widerliche und abscheuliche Tat begangen.“ Er habe niemals für möglich gehalten, „dass ich dazu fähig“ sein könnte. „Für das, was sich getan habe, gibt es keine Vergebung.“ An seine Ex-Frau, mit der er nach islamischen Recht verheiratet war, und an seinen heute dreijährigen Sohn Cudi gerichtet, sagte der Angeklagte: „Es tut mir unendlich leid, was ich euch angetan habe.“ Er danke Gott dafür, dass Kader K. „das furchtbare Geschehen überlebt hat und unser Sohn seine Mutter behält“.

Während Nurretin B. zu Beginn ein Geständnis von seinem Verteidiger verlesen lässt, äußert sich Kader K. als Nebenklägerin danach selbst. Sie spricht laut und deutlich, auch wenn sich ihre Stimme immer wieder überschlägt, sie den Faden verliert, sich wiederholt. Da sie schon zu Beginn der Vernehmung erklärt hatte, dass sie sich kaum erinnern kann, wie auf sie eingestochen, eingeprügelt oder sie an einem Seil gefesselt hinter einem Auto hergeschleift wurde, konzentriert sich Richter Wolfgang Rosenbusch auf das Verhältnis von Kader K. zu Nurretin B.

Während Rosenbusch Kader K. im Zeugenstand vernimmt, zeigt das Gesicht von Nurretin B. keine Regung. Er sitzt ruhig auf der Anklagebank, Anwalt Waldraff sucht vor allem in den Pausen den Kontakt zu seinem Mandanten, redet kurz auf ihn ein. Mit Nicken oder kurzen Sätzen reagiert der auf die Äußerungen von Waldraff – seine Ex-Frau blickt er während des gesamten Vormittags nicht an. Stattdessen fixiert er den Richter, blickt ins Leere.

Selten geht sein Kopf in Richtung der Besucher, einmal nickt er leicht seinen Angehörigen zu – Eltern und Geschwister sitzen dort.

Kader K. berichtet, wie „der Horror“ schon nach der Heirat angefangen habe. All die Versprechungen, dass er ihr die Welt zu Füßen legen würde, sie respektieren, lieben und als gleichberechtigt ansehen würde, hätten sich schon nach kurzer Zeit als Lügen herausgestellt. „Er ist einer der besten Lügner“, sagt sie.

Das habe sich auch nicht geändert, als der Sohn zur Welt kam, auch wenn sie das immer gehofft habe, sagt Kader K. „Das ist sein Charakter“, habe sie irgendwann festgestellt. „Er wird sich nicht ändern, er liebt meinen Sohn nicht.“ Von ihrem Ex-Mann spricht sie nur noch als „der Täter“, nennt ihn nicht beim Namen.

Ihre Schilderungen muss Kader K. immer wieder unterbrechen. Sie ringt nach Worten, klagt über starke Kopfschmerzen und Konzentrationsschwächen. Richter Rosenbusch, aber auch die Staatsanwaltschaft, ihre eigenen Verteidiger und die von Nurretin B. müssen ihre Fragen oft wiederholen, neu stellen, Kader K. driftet immer wieder ab.

Vor dem Richter sitzt die Hamelnerin mit einem dunkelblauen Kopftuch. „Aus Respekt vor dem Richter“, erklärt sie auf Nachfrage, „sonst trage ich seit der Tat immer eine Cap.“ An einigen Stellen, an denen Nurretin B. auf sie eingeschlagen haben soll, wachsen keine Haare, sagt sie. Ihre Kopfhaut brenne; ihr Rücken sei schief. Narben von den Verletzungen und Operationen ziehen sich nach Aussage von Kader K. von Kopf bis zum Fuß. Ihr Sohn habe geheult, als er sie im Dezember erstmals im Krankenhaus besucht habe. „Er hat mich erst gar nicht erkannt.“ Hinzu kommen Schlafstörungen und Albträume.

Schon zu Prozessbeginn wird deutlich: Dass Nurretin B. die grausame Tat begangen hat, ist eindeutig. Sein Geständnis und auch die Äußerungen von Verteidiger Matthias Waldraff lassen keinen Zweifel daran. Die Frage ist: Handelte der Eimbeckhäuser gezielt, hatte er die Tat gar geplant oder war es eine Kurzschlusshandlung, ausgelöst von Hass, Wut oder einer gestörten Psyche?

Waldraff versucht, mit seinen Nachfragen diesen Eindruck zu erwecken und knüpft damit an die Erklärung von Nurretin B. an. Das Messer als Selbstschutz, Axt und Seil aufgrund von Grünschnitt-Arbeiten im Auto. Kader K. habe ihn ebenso als „Bastard“ und „Hurensohn“ beleidigt, verweist Waldraff auf die Handy-Kommunikation der beiden. „Irgendwann kann man nicht mehr dagegenhalten“, rechtfertigt sich Kader K.. Dass Nurretin B. Selbstmordgedanken gehabt haben soll, wie er behauptet, verneint K. Dass ihr Ex-Mann hin und wieder im Krankenhaus gewesen sei, Suizidgedanken geäußert oder Tabletten geschluckt habe, bestreitet die Nebenklägerin vehement. Auch deswegen sagt der Verteidiger von Kader K., Roman von Alvensleben, dass er eine Affekthandlung für nicht nachvollziehbar hält. „Die Axt, das Seil, das lag alles bereit.“

Die Zeugen, die in Hannover aussagen, berichten von einem Täter, der am Abend des 20. November auf eine am Boden liegende Frau eingeschlagen hat. „Sie hat nur noch gewimmert“, erinnert sich eine Anwohnerin, die vom ersten Stock aus das Verbrechen beobachtet hat. Als sie den Täter anschrie und mit der Polizei drohte, habe der nur hochgeblickt und geantwortet: „Mach doch.“ Sekunden später habe er ein Seil geholt, es um den Hals der Frau und die Anhängerkupplung gelegt, sei ins Auto gestiegen und habe Gas gegeben.

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