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"Die Schätze des Rintelner Stadtarchivs": Ausstellung in der Eulenburg / Akten aus Hexenprozess, Truhe als Stadtkasse

Projekt 1912: Terrassencafé mit Tanzfläche und Theater

Rinteln (wm). Wer die aktuelle Ausstellung in der Eulenburg, "Die Schätze des Rintelner Stadtarchivs", besucht, tritt unvermittelt aus dem Sonnenschein in geradezu mystisches Dunkel. Nur mit Spots sind die Urkunden, Bücher und Dokumente in den Vitrinen beleuchtet.

Vor allem die beiden wertvollsten Schriftstücke, das Original des Messeprivilegs, ausgestellt 1392 von Graf Otto I., und das Stadtrechtsprivileg aus dem Jahr 1239 von Graf Adolf IV. sind nur schemenhaft zu erkennen. Doch dieser Eindruck genügt, wenn man sich vergegenwärtigt, wie alt die Dokumente sind, dass beide die Kriegszeiten der Jahrhunderte unbeschädigt überstanden haben. Lesen könnte man sie ohnehin nicht - ebenso wenig wie die meisten anderen ausgestellten Schriftstücke, die aufgeschrieben sind in einem Deutsch und einer Schrift, vor der die meisten heute ratlos wie vor ägyptischen Hieroglyphen stehen. Gut, dass Museumsleiter Dr. Stefan Meyer und sein Team jedes Ausstellungsstück erläutert haben und damit auch dem Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts zugänglich machen. So kann man mit einigem Schaudern lesen, dass man in einer Vitrine die Prozessakten der Lucie Kunschopper vor sich hat, die 1668 als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden ist. Selbstverständlich nicht, ohne vorher gefoltert worden zu sein - die Seite des aufgeschlagenen Buches ist praktisch die Spesenrechnung für Scharfrichter und Henkersknechte, die während der Folter Hunger und Durst verspürt hatten. Staunend steht man vor der Stadtkasse aus dem Jahr 1600, die wegzutragen es wohl vier starker Männer bedurft hat. Zwei mussten es sein, um die eisenbeschlagene Truhe aufzuschließen, gesichert mit gegenläufigen Schlössern und Riegeln. Ein Verfahren, das noch heute in der Verwaltung unter "Vier-Augen-Prinzip" bekannt ist. Auf einer Informationstafel wird der Besucher darauf hingewiesen, dass schriftlich festgehaltenes Wissen Macht bedeutete. Mit Dokumenten konnte man im Mittelalter seine Rechte glaubhaft einfordern. Museumsleiter Meyer weist die Besucher allerdings auch darauf hin, dass alle Schriftstücke zu einem bestimmten Zweck verfasst worden sind und damit nur die Macht-, aber nicht die objektiven Verhältnisse der damaligen Zeit widerspiegeln können. Eine Etage höher wird die Ausstellung durch Karten ergänzt. Aufschlussreich ein Bebauungsplan aus dem Jahr 1912: Danach sollte am Weserufer ein Terrassencafé mit Tanzfläche und Theatersaal errichtet werden - es wurde so nie gebaut. Ein ähnliches Projekt ist erst 1975 realisiert worden - das Brückentor. Das Museum ist dienstags bis sonntags, 14 bis 17 Uhr, geöffnet. Für Gruppen nach Anmeldung auch vormittags oder abends, (05751) 41197.




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