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Wie Fußballer Frank Illge von Chemie Leipzig den Weg nach Hameln fand

Preußen als Sprungbrett in den Westen

Hameln. „Schäämie, Schäämie“, die Fangesänge der BSG Chemie Leipzig, die bis 1991 durch den Leipziger Georg-Schwarz-Sportpark schallten, klingen Frank Illge heute noch wie Musik in den Ohren. Lang, lang ist’s her, und der Mauerfall vor 25 Jahren stellte sein Leben auf den Kopf. Die Duelle im „Leutzscher Holz“, wo Illge und seine „Chemiker“ die Fans in der Oberliga, der höchsten DDR-Spielklasse, mit packenden Spielen gegen Dynamo Dresden, FC Magdeburg, Carl Zeiss Jena oder Dynamo Berlin begeisterten, gehören längst der Vergangenheit an.

Als in der Saison 1990/91 Chemie Leipzig und Chemie Böhlen zum FC Sachsen Leipzig fusionierten, merkte Frank Illge schnell, dass die Zukunft keinesfalls rosig aussah und der Osten auch fußballerisch „blühende Landschaften“ kaum zu bieten hatte. Sein neuer Trainer William „Jimmy“ Hartwig, der mit den Böhlenern in die Messestadt kam, hatte vor allem flotte Sprüche drauf. Das erkannte Frank Illge, der bei Hartwig nur noch zweite Wahl war, schnell und orientierte sich bereits während der Saison Richtung Westen. Gemeinsam mit seinem Schwager Michael Reimer, den der neue Trainer schon zum Saisonstart aussortiert hatte, machte er sich auf den Weg, um einen neuen Verein und vor allem Arbeit zu finden. Denn für Illge war klar, dass man mit 31 Jahren im harten Profigeschäft kaum noch eine Chance bekam: „Für mich kam die Wende zehn Jahre zu früh oder zehn Jahre zu spät. Mit 21 hätte ich als Profi weiterspielen, mit 41 als Trainer Fuß fassen können.“ So aber führte ihn und seinen Schwager der erste Weg nach Bayern. In Freising, wo im Erdinger Moos gerade der neue Flughafen gebaut wurde, hätten die beiden „Chemiker“ zwar sofort Fußball spielen können, doch mit einer Arbeitsstelle ließen die Bayern auf sich warten. Grund genug, ganz schnell neue Möglichkeiten auszuloten.

So führte der Weg ins Weserbergland. Frank Illge hatte mit dem FC Sachsen schon mal in Hildesheim gespielt und da auch einen Kurztrip nach Hameln unternommen. Nicht nur deshalb war ihm die Rattenfängerstadt in guter Erinnerung geblieben: „Da kaufte ich bei Helmut Dreier mein erstes Westauto.“ Und Helmut, heute Manager beim MTSV Aerzen, hatte den „Ossi“ bei dessen ersten West-Deal nicht über den Tisch gezogen. Den doppelten „Ost-West-Transfer“ aus der höchsten DDR-Liga zum BRD- Viertligisten SpVgg. Preußen Hameln 07 fädelten im Frühjahr 1991 übrigens der damalige Preußen-Vorsitzende Heinrich Fockenbrock und Manager Siegfried Knoche ein. Der Wechsel ins Preußen-Trikot war für das sächsische Familien-Duo Illge/Reimer nicht unbedingt entscheidend. Den beiden Ost-Kickern hatte das Vorstandsduo der Preußen viel mehr zu bieten. Sie öffneten ihnen die Tür zum BHW.

Hier startete Illge, der ehemalige Mittelfeld-Akteur mit fast 60 Einsätzen in der DDR-Topliga, als 31-Jähriger beruflich noch einmal völlig neu durch. Der gelernte Maschinenbauer und an der DHfK in Leipzig zum Fußball-Lehrer ausgebildete typische „Staatsamateur“ begann eine Ausbildung zum Bankkaufmann. „Alles richtig gemacht“, sagt Illge heute, wenn er an die Jahre nach dem Fall der Mauer zurückblickt. Die ersten Wochen lebte er in Hameln noch in einem Einzimmer-Appartment. „Ich musste ja erst einmal schauen, wie sich hier alles entwickelt“, erinnert er sich zurück. Doch schon im August 1991 zogen seine Ehefrau Kathrin und die beiden Söhne Patrick und Robin ins Weserbergland – in die erste West-Wohnung nach Aerzen.

2 Bilder
Frank Illge, in der Saison 1991/92 erstmals im Preußen-Trikot,

Sportlich hielt Illge den Preußen, erst als Spieler, danach als Trainer, lange Jahre die Treue. Der MTSV Aerzen, TuS Sonneborn und derzeit TuS WE Lügde waren die nächsten Trainerstationen des vom Fußball-Lehrer zum Bankkaufmann umgeschulten Ex-Profis. Die Kontakte in seine Heimatstadt Leipzig, wo er schon als Sechsjähriger das Chemie-Trikot überstreifte, sind nach fast 25 Jahren nicht abgerissen. Für Frank Illge gilt immer noch „Mein Leipzig lob ich mir....“




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