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Kapp-Putsch von 1920 versetzt Politiker, Geschäftsleute und Arbeiter im Schaumburger Land in Unruhe

Politischer Orkan fegt übers Land

Ein mächtiger Sturm tobte in der vergangenen Nacht, der wild über die Stadt fegte“, berichtete am Montag, 15. März 1920, die Schaumburg Zeitung über das ungemütliche Wochenendwetter in Rinteln. Erst nach stundenlangem Wüten habe sich der Wind wieder langsam beruhigt.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Wetterkapriolen vor exakt 90 Jahren waren nichts im Vergleich zu dem politischen Orkan, der zur selben Zeit über die Kreisstadt der Grafschaft Schaumburg und darüber hinaus über ganz Deutschland hinwegfegte: Mit einem handstreichartigen Umsturzversuch hatten am 13. März 1920 rechtsradikale Offiziere und Beamte versucht, den ersten deutschen, gerade mal ein Jahr zuvor aus der Taufe gehobenen Verfassungsstaat aus den Angeln zu heben. Zu den Anführern der Clique gehörte neben dem obersten Berliner Standortkommandeur von Lüttwitz der hohe Ministerialbeamte und Jurist Wolfgang Kapp. Hauptziele der Revolte waren die Ablehnung des Versailler „Schandvertrages“, die Wiedereinführung der Monarchie und der Sturz der als „Novemberverbrecher“ beschimpften linksliberalen Regierung.

Die Umstürzler durften auf breite Sympathie und Unterstützung der rechtskonservativen Organisationen hoffen. Vor allem Deutsch-Nationale Volkspartei (DNVP) und Deutsche Volkspartei (DVP) hatten sich nur halbherzig-widerwillig an der Mitgestaltung eines demokratisch-parlamentarischen Neuanfangs nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg beteiligt.

Um ein Haar hätte der „Kapp-Putsch“ Erfolg gehabt. Die Regierung wurde für entmachtet und die Nationalversammlung als aufgelöst erklärt. Das es schließlich doch nicht klappte, hatte mit dem entschlossenen Widerstand der sozialdemokratischen Arbeiterschaft und dem dilettantischen Vorgehen der Aufrührer zu tun. Nach nur vier Tagen war der Spuk vorbei. Zuvor waren bei den Auseinandersetzungen in Berlin und andernorts mehr als 2000 Menschen umgekommen. Eine Zeit lang hatte sogar die Gefahr eines Bürgerkriegs bestanden.

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Hauptakteur und Namensgeber der März-Unruhen vor 90 Jahren war der in Königsberg als leitender Ministerialbeamter tätige Jurist Wolfgang Kapp. Er starb wenig später während der Haft.

Die Nachrichten von den Vorgängen in Berlin lösten auch im Schaumburger Land heftige Turbulenzen aus. Einzelheiten darüber sind, soweit bekannt, unerforscht. Beim Blick in die zeitgenössische Zeitungsausgaben wird deutlich, dass es recht unterschiedliche Reaktionen in der damals zur preußischen Provinz Hessen-Nassau gehörenden Grafschaft Schaumburg und im benachbarten Freistaat Schaumburg-Lippe gab.

„Auf den Straßen konnte man Gruppen von Menschen beobachten, die ihre Meinungen darüber austauschen“, schilderte die Schaumburger Zeitung die Stimmungslage in Rinteln. Die Glasmacher legten aus Protest ihre Arbeit nieder. Kollegen aus anderen Branchen schlossen sich an. Eine Reihe von Geschäftsleuten der Stadt machte die Läden dicht. Bei einer eiligst einberufenen Delegiertenversammlung des SPD-Bezirks war zu hören, dass man die „alte Regierung notfalls mit der Waffe in der Hand“ verteidigen werde. Angesichts solcher Aussagen der hierzulande ohnehin mächtigen Linken blieben die heimischen Kapp-Sympathisanten vorsorglich in Deckung. Zur weiteren Beruhigung trug auch Bürgermeister Karl Wachsmuth bei. Das Stadtoberhaupt schickte in seiner Eigenschaft als Rintelner Polizeichef einen Patrouillendienst mit kommissarisch bestellten „Exekutivbeamten“ auf Streife. Darüber hinaus wurde jeglicher Alkoholausschank untersagt.

Etwas anders sah die Reaktion im benachbarten Freistaat Schaumburg-Lippe aus. Sofort nach Bekanntwerden der Putsch-Meldung kamen die Repräsentanten aller im Parlament vertretenen Parteien zusammen, um über ein offizielles Statement des Landes zu beraten. Als Ergebnis wurde mit den Stimmen von SPD und DDP (Deutsche Demokratische Partei) eine Resolution verabschiedet, in der das Vorgehen von Kapp und Lüttwitz aufs schärfste verurteilt wurde. „Wir stehen einmütig hinter der alten Regierung und werden die Diktatur mit allen Mitteln bekämpfen“, so die Entschließung.

Nicht auf ein eindeutiges Pro oder Contra mochten sich die DNVP- und DVP-Vertreter festlegen. Man werde die neuen Machthaber zwar vorläufig nicht anerkennen, machten deren Sprecher Georg Schrader (DVP) und Pastor Hermann Heidkämper (DNVP) deutlich, ließen jedoch gleichzeitig durchblicken, dass das nur solange gelte, bis sie (Kapp und Co.) „die Mehrheit des Volkes hinter sich haben“. Wie Heidkämper war das Gros seiner Parteifreunde in der Ex-Fürstenresidenz Bückeburg zuhause. Vorsitzender der dortigen Ortsgruppe war der stadtbekannte Zahnarzt Mützelfeldt. Als weitere Repräsentanten traten General von Schönberg, Oberst von Pappenheim, Frau Major Donalies, ein Sekretär Stallmann und Bürgermeister Karl Wiehe in Erscheinung.

Das zögerliche Taktieren brachte der schaumburg-lippischen DNVP-Führung den Vorwurf ein, den Sturz des Verfassungsstaats zu betreiben. Als Beleg für diese These führten die Linksparteien die aggressive, im Vorfeld inszenierte Stimmungsmache der Deutschnationalen gegen das parlamentarische System ins Feld. In der Tat hatte der schaumburg-lippische DNVP-Landesverband zusammen mit den wichtigsten Ortsgruppen der Partei über Monate hinweg republikfeindliche Kundgebungen veranstaltet. Dabei wurde mehr oder weniger unverblümt die Wiedereinführung der Monarchie gefordert. Als Redner trat unter anderem der umstrittene Reichstagsabgeordnete Hugenberg auf. Jedem Deutschen müsse die Zeit vor 1918 rückblickend wie das Paradies vorkommen, rief der Verleger und spätere Hitler-Steigbügelhalter seinen jubelnden Zuhörern zu. Kein gutes Haar ließen er und die anderen Referenten auch an Sozialdemokraten, Bolschewisten und Juden. Deren „Internationalismus“ sei für das Fehlen einer starken nationalen Führung mitverantwortlich. Die Dauer-Propaganda zeigte offenbar Wirkung: Am 24. März wehrte sich die Synagogengemeinde Bückeburg per Zeitungsanzeige gegen die Folgen der öffentlich geschürten Kampagne.

Noch mehr als der Antisemitismus-Vorwürfe machten den Bückeburger DNVP-Verantwortlichen die Gerüchte über ihre Rolle bei der Vorbereitung und Ausführung des Kapp-Putsches zu schaffen. Die führenden Aktivisten seien vorab von den Plänen informiert gewesen und hätten die Umstürzler aktiv unterstützt, war hinter vorgehaltener Hand zu hören. Mehr noch: Die Bückeburger Parteiführung habe in geselliger Runde bereits auf den Erfolg des Staatsstreichs angestoßen. Die Vorwürfe setzten den heimischen Parteibossen so zu, dass sich sowohl die DNVP-Ortsgruppe als auch deren Vorsitzender Mützelfeld zu öffentlichen „Unterlassungsdrohungen“ genötigt sahen.

Per Zeitungsanzeige setzte sich die Bückeburger Synagogengemeinde am 24. März 1920 gegen antijüdische Hetze im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch zur Wehr.

Das Scheitern der Kapp-Putschisten war nicht zuletzt dem massiven Widerstand und den Massendemonstrationen von Sozialdemokraten und Gewerkschaften zu verdanken.




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