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Hunderte Zuschauer applaudieren Gysi, und der Landesvorsitzende verteilt als Moderator Geschenke

Politische Unterhaltungsshow mit den Linken

Hameln. Die imaginäre Revue auf der Bühne ist beeindruckend: Che Guevara neben Berthold Brecht und Rosa Luxemburg, dazu die Musiker Pete Seeger, Cat Stevens und John Lennon spielen mit bei der Wahlkampfveranstaltung der Linken. Zumindest deren sozialistischer und regimekritischer Kampfgeist schwebt mittels Musikeinlagen und in den Reden über dem Publikum: Junge, Alte, Schlipsträger, erkennbare Indies – alle da, um Gregor Gysi zu sehen, der immerhin schon als Plakat am Bühnengerüst hängt. Für das politische Infotainment vorab läuft der Landesvorsitzende der Linken in Niedersachsen Diether Dehm als Moderator und Wahlkämpfer hin und her, verteilt Geschenke für richtige Antworten.

Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

„Is’ ne Frechheit, dass Gysi noch nicht da ist“

„Mit wie viel muss ein Hartz-IV-Empfänger täglich auskommen?“ „Unter zwölf Euro“, ruft einer aus dem Publikum. Und bekommt ein Buch über Brecht. „Was bekommt ein Milchbauer pro Liter Milch?“, fragt Dehm; „21 Cent“, antwortet jemand. Die CD gehört ihm. Dehm wirbt um Mitglieder, zeigt die Ungerechtigkeiten des Wirtschaftssystems aus Sicht der Linken auf, indem er „Renner“ von gegenüber mit BMW und DaimlerChrysler beziehungsweise deren Steuerzahlungen an den Staat vergleicht. Die Kleinen zahlen, die anderen nicht. Auch die Zeitungskonzerne, die – wie alle Konzerne – zur „natürlichen Gegnerschaft“ zählen, kriegen ihr Fett weg, nachdem Jutta Krellmann die Bühne wieder verlassen hat. Die Bundestagskandidatin des Wahlkreises hatte Zahlen sprechen lassen: drei Millionen arme Kinder, 60 000 Alleinerziehende, 80 000 Jugendliche ohne Schulabschluss. Dazu Frauen, die noch immer schlechter bezahlt werden als Männer. „Sauerei!“, kommentiert eine Zuhörerin. Applaus für die Kritik und Krellmanns Kampf für „soziale Gerechtigkeit“ spenden aber auch die Männer. Was mit Griff in der Hand nicht leicht ist. Es schüttet wie aus Eimern, als die Sprache auf die Rettungsschirme für Banken kommt. „Wir wollen nicht für eure Krise zahlen!“, ruft Krellmann. Klatschend antworten die Zuschauer, die dicht gedrängt unter ihren Regenschirmen sitzen und stehen oder sich schutzlos nass regnen lassen. „Bei Andrea Nahles war es trocken, und sie hatte 200 Zuschauer; heute schüttet es, und wir haben 300! Ich bin stolz auf die Hamelner“, hält Dehm die Menge bei Laune. Die weitgehend geduldig ist, es sei denn, am Wahlstand gibt es keine Kulis mehr als Geschenk. Und die immer unruhiger wird, je länger das Vorprogramm dauert. „Is’ ne Frechheit, dass Gysi noch nicht da ist“, schimpft eine Dame.

„Da fühlt sich der Ingenieur doch verarscht“

Mit einer halben Stunde Verspätung kommt der Fraktionschef der Linken im Bundestag von rechts die Stufen hoch. Etliche erheben sich von den Holzbänken, um Gregor Gysis Ankunft zu feiern, einige schwenken Die-Linke-Fahnen, fast alle klatschen. 12.43 Uhr: Gysi startet durch. Rhetorisch gewohnt gewandt setzt er an und hört erst wieder auf, als die Kernpunkte des Wahlprogramms und die Kritik an den anderen Parteien an den Mann gebracht sind. Der Rechtsanwalt beginnt mit dem Rühren in der „Konsenssoße“, in der alle außer der Linken derzeit im Bundestag steckten. Er macht weiter mit dem Abzug aus Afghanistan („Kanada hat sich auch so entschieden!“), fährt fort mit der Rente („Wir brauchen keine Rentenkürzung!“), erntet den bis dato größten Applaus mit der Forderung, dass uneingeschränkt alle in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlen müssten, erntet aber Schweigen, als er verlangt, die Beitragsbemessungsgrenze zu streichen.

Gysi beherrscht die galante Gangart ebenso wie die markige. So wird gejohlt, als er mutmaßt, dass „sich der Ingenieur verarscht fühlen muss“ bei der FDP-Devise „Leistung muss sich lohnen“, wenn er nach 30 Jahren Einzahlen in die Arbeitslosenversicherung nur ein Jahr lang Arbeitslosengeld I und dann gleich AlgII erhielte. Gysis „Raus aus der Atomenergie“ wird honoriert; dann wird er vertraulich und äußert ein „privates Anliegen“: Er hätte nichts dagegen, wenn die Wähler seinen ganzen Wahlkampfstress jetzt auch honorierten, damit er am 27. lächelnd und „mit leicht arroganten Gesichtszügen“ in Berlin durch die Gänge laufen könnte. Dieser Gysi kommt bei den Zuschauern an: das gelöste Lachen in den Reihen, als sei es der Krise zum Trotz, und ein kräftiger Applaus sind ihm sicher. Außer von denen, die mit dem Kritiker sympathisieren, der Gysi auf einem Plakat als „Giftzwerg“ und „Demagogen“ bezeichnete. Nach 40 Minuten verlässt Gysi die Bühne, die Menge strömt auseinander, und mit ihnen entschwebt auch der Geist Che Guevaras wieder in alle Himmelsrichtungen.

Interview Seite 14




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