×
Theaterfestival „Zwielicht“ zieht Tausende in den Bann / Top-Acts am Abend / Wetterkapriolen am Sonntag beeinträchtigen Kinderprogramm

Poesie und Magie beim Fest der Sinne in Hamelns grüner Lunge

Hameln. Lust auf ein feuriges Spektakel voll dramatischer Effekte zu opulenten Klängen? Oder eher auf die leiseren Töne einer zauberhaften Theatercollage mit artistischen Glanzlichtern? Das Publikum des „Zwielicht“-Festivals im Bürgergarten konnte, aber musste nicht wählen, durfte, wenn es wollte beides genießen. Am Freitag noch magische Traumbilder auf einer in den Himmel ragenden skulpturalen Bühne, am Samstag dann barocke Poesie gepaart mit Akrobatik und Comedy. Beides ungemein reizvoll. Und beides ein Besuchermagnet.

Autor:

Karin Rohr

Dicht an dicht drängt sich das Publikum vor den Hauptbühnen an beiden Abenden: Lockt die avantgardistische Inszenierung des Theaters Feuervogel mit seinen pyrotechnischen Effekten überwiegend jüngere Leute, so nehmen beim „Sommerzauber“ mit acht Artisten der internationalen Varieté-Szene auch Ältere Platz. „Es hat sich gelohnt, für den unterschiedlichen Geschmack zwei ganz verschiedene Theaterformate anzubieten“, stellt Stadtmanager Stefan Schlichte fest. Dafür haben Stadtmarketing und Hamelner Theater an einem Strang gezogen und abendlichen Zauber im Bürgergarten beschert. Heike Plate-Meyer war an beiden Abenden da: „Mir hat der Sommerzauber besser gefallen als das Theater Feuervogel“, gibt sie unumwunden zu. Die magische Geschichte der Feuervögel habe sich ihr nicht erschlossen, die Theatercollage sei dagegen wunderbar eingängig.

Zwei Theaterformate sorgen für Aufsehen

So wie ihr ist es wohl einigen ergangen, die beide Inszenierungen gesehen haben. Denn: Eine greifbare Handlung war beim Feuervogel-Spektakel allenfalls zu erahnen. Arkadien wird angedeutet: ein mystischer Ort, wo fantastische Wesen leben. Fabelwesen bevölkern die Bühne – schweben, tanzen, stelzen zu sphärischen, rhythmischen Klängen, die immer peitschender und drängender werden. Spannungen werden spürbar, entladen sich in einem turbulenten Bühnengeschehen voller mythischer, symbolschwerer Bilder, die an Kraft und Dramatik zum Finale hin gewinnen. Eine Ahnung von Kampf: Gut gegen Böse. Und am Ende ein Feuerwerk wie ein Gewitter. Dramatik pur.

Völlig anders, der „Sommerzauber“ der Artistokraten auf vergleichsweise bescheidener Bühne. In weißen, ausladenden Kostümen und lockigen Allonge-Perücken feiert dort eine seltsame höfische Gesellschaft ein barockes Bankett: Wesen aus einer längst vergangenen Welt, die gespenstisch wirken würden, wenn sie nicht so komisch wären. Teller werden beim Festmahl zur Jonglier-Nummer, während sanfte Barockmusik im Hintergrund perlt. Fürst, Fürstin und Hofstaat bitten zu Tisch. Und der ist akrobatisch reich gedeckt. Komplizierte Hebefiguren, Equilibristik, Seilakrobatik, Trapezkunst – alles, was im klassischen Varieté für Staunen und Bewunderung sorgt, wird in diesen Sommerzauber virtuos eingebunden. Aktionstheater, das die Zuschauer mitnimmt: Der tuntige Fürst holt sich Markus auf die Bühne, macht ihn zur „Frühlingswiese“ für seine „Hummel“-Nummer – Equilibristik, die auch mit einem Laien funktioniert, wenn der Profi ihn im Griff hat. Immer wieder applaudiert das Publikum, werden Jubelrufe laut. Kontorsion, die Kunst der extremen Körperverbiegung, die ästhetisch sonst nicht jedermanns Sache ist, wird hier zu poetischer Bewegungsanmut.

Stimmungswechsel nach der Pause: Die Gestalten aus der Vergangenheit machen modernen Figuren Platz: Rock statt Barock. Kevin Mozart statt Amadeus. Das Spiel der Artisten wird schneller und quirliger. Comedy bricht sich Bahn. Der weiße Fürst mutiert zur schrillen Tunte. Die Medien halten Einzug: Zeitung, Fernsehen, Radio. Durchgeknallte Typen haben ihren Auftritt. Es gibt Miss-Wahlen, Flossen-Ballett, Travestie. Und einen Mann, der als Ballerina den sterbenden Schwan mit seinem Schatten tanzt, dabei kifft, bis er zusammenklappt. Und noch mehr Akrobatik: Bälle, Keulen, Reifen kommen ins Spiel. Das wird immer burlesker, schriller und robuster. Auch die Zuschauer werden nicht verschont. Am Ende: brandender Applaus vom restlos begeisterten Publikum, das gerne spendet, als die Künstler mit der Sammelbüchse herumgehen.

Tagsüber kommen die Kinder zum Zug

Die Abendveranstaltungen sind die Quotenhits beim „Zwielicht“-Festival im Bürgergarten: Gut 6000 Menschen, schätzt Stefan Schlichte, besuchen die Top-Acts am Freitag und Samstag. Die Altstadt-Illumination, die von Studenten der Detmolder Hochschule für Architektur und Innenarchitektur in Szene gesetzt wurde und bei der es zu kleinen Pannen kommt, verzeichnet zwar zwischenzeitlich auch reges Publikumsinteresse, die meisten Besucher aber bleiben im Bürgergarten. Dort haben Gosch und Stiller aufgetischt, gibt’s Meeresfrüchte oder Köstlichkeiten zum Thema Mittelalter.

Andrea Beck versteht es am Samstag auch noch zu später Stunde ein großes Publikum mit ihren Künsten am Vertikaltuch zu begeistern. Wie die Artistokraten setzt auch sie ihre kleinen Geschichten akrobatisch um, erzählt von Peter, ihrer ersten Liebe, holt sich Mitspieler aus dem Publikum, fesselt mit spannungsvoller Seilakrobatik.

Tagsüber kommen die Kinder zum Zug – bei Mitmach-Jonglage, Marionettentheater, Schattenspiel, Tanz und Musical. Alles soll eigentlich open-air über die Bühne gehen. Das aber funktioniert nur, wenn der Wettergott mitspielt. Kann am Samstagnachmittag Jongleur Jan Ehlers viele Kinder und Erwachsenen noch bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen zum Mitmachen animieren, so muss er am Sonntag ins Theater umziehen: Es schüttet. Immer wieder öffnet der Himmel seine Schleusen, müssen Große und Kleine im Bürgergarten unter Schirme flüchten.

Trotzdem zieht es die Besucher in Scharen nach Hameln. „Die Parkhäuser sind zwar nicht ganz voll, aber die Stadt ist am verkaufsoffenen Sonntag doch recht gut besucht“, zeigt sich der Stadtmanager zufrieden. Stadt-Galerie, Geschäfte und Cafés werden für Regenflüchtlinge zum willkommenen Unterschlupf.

Als der Himmel zwischenzeitlich aufreißt, geht’s in Hamelns grüner Lunge weiter mit dem Kinderprogramm. „Pepinos Reise in die kleine Welt“ ist schon am Samstag ein Renner: Die Kleinen lieben Thomas Zürns Marionettentheater. Und auch das Kindermusical „König der Löwen“ zieht am Sonntagnachmittag die Kids in den Bann.

„Mein Traumziel von 30 000 Besuchern wurde zwar nicht erreicht“, bilanziert Stefan Schlichte, trotzdem ist der Stadtmanager zufrieden: „Die Hauptveranstaltungen im Bürgergarten sind sehr gut angenommen worden.“ Der verkaufsoffene Sonntag habe hingegen als entscheidender Tag für die Besucherfrequenz aus dem Umland stark unter dem wechselhaften Wetter gelitten.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt