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Pillendrehen ist eine Handwerkskunst

BAD MÜNDER. „Was haben Coca Cola, Streichhölzer, Backpulver und Raufasertapete gemeinsam?“ Michael Regel spannt seine Zuhörer nicht lange auf die Folter: „Sie alle wurden von Apothekern erfunden.“ Unter dem Titel „Vom Pillendrehen und Salbenrühren“ stellte der 53-jährige Pharmazeut, der seit 25 Jahren die St. Annen-Apotheke leitet, jetzt seinen Zuhörern in der Sonderausstellung des Museums das traditionelle Apothekerhandwerk vor.

Töpfe, Tiegel, Pillendosen – Michael Regel hat eine ganze Reihe Exponate dabei und stellt den Besuchern der Sonderausstellung vor, wie Pillen gedreht und Kapseln gefüllt werden. Foto: Huppert

Autor

Christoph Huppert Reporter

1211 sei die erste Apotheke in Trier gegründet worden, erfuhren die Zuhörer, und der Stauferkaiser Friedrich II. habe die Trennung der Berufe von Apotheker und Arzt verfügt. Genügte zum Erlernen des Apothekerhandwerks im Mittelalter eine drei- bis vierjährige Lehre und ab 1815 in Preußen ein zweisemestriges Studium, so sind heute zehn Semester, ein Praktikum und drei Prüfungen gefordert.

Regels 92-jähriger Vater, der die St. Annen-Apotheke seit 1966 führte, erinnerte sich noch gut an seine eigene Ausbildungszeit im thüringischen Gotha Ende der 1940er Jahre, in der er Jodpillen drehen musste. „Dabei kommt es auf das richtige Gewicht an, und darauf dass die Pillenmasse nicht zu trocken oder zu feucht ist“, so Regel, der mit einer „Pillendreh- und einer Kapselmaschine“ den Vorgang für die Museumsbesucher an einigen „schokoladigen“ Beispielen demonstrierte.

„Das ist eine Tätigkeit, die heute im Apothekeralltag eigentlich nicht mehr vorkommt, aber im Studium lernen wir ein Semester lang Zäpfchen zu gießen, Tinkturen anzusetzen oder Suspensionen herzustellen“, so der Pharmazeut.

Da Apotheker sich mit Physik, Chemie und Biologie auskannten, galten sie schon früh als Gelehrte, deren Geschäftserfolg aber immer stark davon abhing, ob es in der jeweiligen Gegend ausreichend Ärzte gab.

„Notfalls mussten sie sich ein Ersatzgeschäft suchen“, so Dr. Kai Witthinrich vom Museum. Im Begleitband zur Sonderausstellung stellt Witthinrich dar, dass sich dabei vor allem der Branntweinverkauf sich als lukrativer Nebenerwerb erwies. Bis zu 1500 Liter habe etwa ein münderscher Apotheker seinerzeit in einem Jahr nebenbei verkauft, was ihm die massiven Beschwerden anderer Händler einbrachte.

„Heute ist auch das Verhältnis zu den Ärzten ein anderes“, so Michael Regel. Stand früher die Herstellung von Medikamenten und individuellen Rezepturen im Mittelpunkt, so liege der Hauptakzent des Apothekergeschäftes heute auf der fachlichen Kundenberatung. „In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Apotheken außerdem um zehn Prozent zurückgegangen und der Trend geht zu immer größeren Geschäften“, beklagt Regel. Dennoch bleibe angesichts des demografischen Wandels gerade im ländlichen und kleinstädtischen Bereich die Vor-Ort-Beratung für die Kunden unverzichtbar.



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