×

Pflegeheim – für viele Türken unvorstellbar

Solmaz Yalcin ist Krankenschwester. Die 43-jährige arbeitet bei den Paritätischen Diensten in Hameln in der häuslichen Krankenpflege. Sie ist in der 2. Generation in Deutschland, ihre Eltern waren Gastarbeiter – inzwischen sind sie in Rente und zurück in die Türkei gegangen. Yalcin selbst lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern in Emmerthal. „Wir hatten einmal eine ältere türkische Frau unter unseren Patienten bei den Paritäten.

Autor:

Inken Philippi

Solmaz Yalcin ist Krankenschwester. Die 43-jährige arbeitet bei den Paritätischen Diensten in Hameln in der häuslichen Krankenpflege. Sie ist in der 2. Generation in Deutschland, ihre Eltern waren Gastarbeiter – inzwischen sind sie in Rente und zurück in die Türkei gegangen. Yalcin selbst lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern in Emmerthal. „Wir hatten einmal eine ältere türkische Frau unter unseren Patienten bei den Paritäten. Das kommt aber sehr selten vor“, erzählt sie. Normalerweise pflege eine türkische Familie die Angehörigen zuhause – dass Pflegedienste in Anspruch genommen werden, komme kaum vor, Altenheime kämen gleich gar nicht infrage.

„So sind wir nicht erzogen“ erläutert die Krankenschwester. „In unserer Kultur wird erwartet, dass Kinder für die Eltern da sind.“ Zusätzlich gebe es eklatante Unterschiede, was zum Beispiel die tägliche Körperpflege bei Türken und Deutschen angeht. „Während in Deutschland gebadet wird und man die Menschen mit Waschlappen wäscht, kommt für Türken nur fließendes Wasser zur Reinigung in Betracht. Waschlappen sind dort nicht üblich.“ Das seien zwar Kleinigkeiten, die aber für die alten Leute, die in ihrer Kultur tief verwurzelt seien, eminent wichtig. Schon deshalb sei eine Auslagerung der Pflege fast nicht möglich und werde von der türkischen Gesellschaft auch nicht gern gesehen.

Allerdings, so Yalcin, sei auch zu beobachten, dass die Generation ihrer Kinder es mit dem Familienzusammengehörigkeitsgefühl nicht mehr so genau nehme. Es sei wohl nicht zu erwarten, dass diese sogenannte dritte Generation später noch das erforderliche Pflichtgefühl gegenüber den Älteren mitbringt. „Dafür sind sie einfach schon zu sehr Teil der sie umgebenden Gesellschaft.“ Die Krankenschwester kann diese Entwicklung hinnehmen – sie ist selbst in Deutschland aufgewachsen.

So gut wie nie finden sich türkischstämmige Mitbürger in deutschen Altenpflegeeinrichtungen. „Nein, auch bei uns gibt es keine Türken unter den Patienten“, berichtet Annette Fischer, Pflegedienstleiterin des Hamelner Tönebön-Stifts. Es sei erst einmal vorgekommen, dass eine ältere türkische Dame bei ihnen gewohnt habe. „Das war aber der bisher einzige mir bekannte Fall“, so Fischer. Üblich sei das keinesfalls.

Kulturell in Tradition und muslimischer Religion verhaftet, kommt es für die meisten türkischen Familien heute eben immer noch nicht infrage, ihre pflegebedürftigen älteren Angehörigen „abzuschieben“. Gerade den Alten gebührt Respekt und Ehrerbietung, das lehrt der Koran, insbesondere gegenüber den eigenen Eltern. Und bei Großfamilien konnte die Pflege bislang ohnehin auf mehrere Schultern verteilt werden, so hat es jahrelang funktioniert.

Erstaunlich viel Geduld wird für die Älteren aufgebracht, auch wenn die Betreuung für alle Familienmitglieder zum Kraftakt gerät. Denn vielfach mangelnde Ausbildung im Bereich Altenpflege macht die Sache für alle Betroffenen nicht einfacher. Trotzdem wird in den meisten Fällen auf eine Unterbringung im Familienkreis bestanden, teils aus Gründen des Respekts gegenüber den Älteren, teils aber auch, um das Gesicht zu wahren – denn auch das muslimische Umfeld akzeptiert eine Heimunterbringung von Angehörigen in der Regel nicht. „Das sieht dann so aus, als wolle man sich nicht um die eigenen Eltern kümmern“, erklärt Yalcin. Und das gilt in der islamischen Kultur als unverzeihlicher Frevel. Wer geachteter Teil innerhalb der türkisch-moslemischen Gemeinschaft bleiben will, muss also eigene Lösungen finden.

In einem Vortrag vor dem Frankfurter Verband Behinderten- und Altenhilfe e.V. im Februar des vergangenen Jahres erläuterte der türkische Prof. Dr. M. Emin Kökta, der an der Universität „Neunzehnter Mai“ in Samsun in der Türkei Sozial- und Politikwissenschaften unterrichtet, das Dilemma, in dem sich gerade modern ausgerichtet türkische Familien heute häufig befinden: „…die heutigen Familienstrukturen, familieninternen Beziehungen sowie die Größe der Wohnungen sind meist nicht mehr für ein gedeihliches Zusammenleben von jüngeren und älteren Familienmitgliedern geeignet. In vielen heutigen Familien muss sowohl der Ehemann als auch die Ehefrau beruflicher Tätigkeit nachgehen. Dies ist bekanntlich in der Regel der Normalzustand. Das einseitige Beharren auf häusliche Pflege ist für solche Familien, in denen beide Ehepartner berufstätig sind, nicht sinnvoll und dient auch nicht dem Wohl der Alten.“

Während die Tradition also die Familienpflege vorsieht, die im Regelfall Sache der Frau ist, lässt die Realität gerade in Deutschland oft wenig Raum für deren Umsetzung. Kleinere Familien, berufstätige Ehefrauen und beengte Wohnverhältnisse bieten oft nicht den idealen Rahmen für eine häusliche Pflege. Was aber ist zu tun, wenn die Betreuung der Älteren in Eigenleistung einfach nicht mehr geschafft wird? Möglichkeiten bietet die häusliche Krankenpflege verschiedener Dienstleister – aber hier stoßen türkische Familien schnell an ihre Grenzen. Und das gilt nicht nur im Zusammenhang mit den kulturellen Unterschieden in Sachen Körperpflege. Oft spricht die „erste Gastarbeitergeneration“, die es heute zu betreuen gilt, nur mangelhaft Deutsch, sodass schon bei der Kommunikation Probleme auftreten. Hinzu kommt die Tatsache, dass es Schwierigkeiten gibt, wenn männliche Pfleger türkische Seniorinnen betreuen, Geschlechter übergreifende Pflege ist in den seltensten Fällen akzeptiert.

Und auch die Ernährung ist ein Problem. Gläubigen Moslems ist deutsches Essen nicht geheuer – und dabei geht es nicht nur um den Verzicht auf Schweinefleisch. Auch die Zubereitung der Mahlzeiten unterliegt in der islamischen Kultur bestimmten Regeln. Essen auf Rädern ist also keine Lösung für pflegebedürftige Türken.

Natürlich kann man den Senioren vorwerfen, dass nach jahrzehntelangem Aufenthalt in Deutschland eine Integration kaum stattgefunden hat. Festzuhalten bleibt aber auch, dass diese in den 60er Jahren ebenso von deutscher Seite kaum gewünscht war, denn die deutsche Gesellschaft betrachtete die „Gastarbeiter“ als vorübergehende Erscheinung und rechnete fest mit deren Rückkehr in ihre Heimatländer.

Verpasste Chancen auf beiden Seiten, so bleibt allen Beteiligten nur die Aufgabe, mit der Situation zurechtzukommen. Denn auf den letzten Metern Integrationsbemühungen anzustreben, dürfte realistisch betrachtet wohl für niemanden mehr Sinn machen. Den Bedarf erkannt hat bundesweit als erstes Unternehmen die private Marseille-Kliniken AG in Berlin. Mit dem „Türk Huzur Evi“, dem „Haus zum Wohlfühlen“ hat sie in Deutschland 2006 das erste Alten- und Pflegezentrum für türkische Senioren im Berliner Stadtteil Kreuzberg eröffnet und trägt damit einem Trend Rechnung, der sich auch unter türkischen Migranten wohl langfristig durchsetzen wird – nämlich Hilfe bei der Betreuung älterer Angehöriger in Anspruch zu nehmen.

Das Personal im „Türk Huzur Evi“ spricht durchgängig türkisch. Einrichtung, Essen, Betreuung und Pflege orientieren sich an landesüblichen Traditionen und auch der Religionsausübung wird hier genug Raum gegeben. Immer mehr Türken in der Hauptstadt machen von der Betreuung Gebrauch. Westliche Notwendigkeiten halten so Einzug in traditionelle Vorstellungen der arabischen Welt.

In Emmerthal kommen Solmaz Yalcins Eltern ab und an zu Besuch aus der Türkei. „Immer dann, wenn sie Sehnsucht nach ihren Kindern und Enkelkindern bekommen“, erzählt die Krankenschwester lachend. Noch erfreuen sie sich bester Gesundheit. Und was, wenn sie pflegebedürftig werden? „Dann würde ich sie hierher holen und mich um sie kümmern.“ Altenpflegeheim kommt nicht infrage? „Auf gar keinen Fall!“, antwortet die 43-jährige halb entsetzt halb entrüstet und setzt unmissverständlich nach: „Das sind doch meine Eltern!“




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt