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Ein Streifzug durch die Geschichte der heimischen Papiermühlen / Die erste stand in Buchholz

Papierne Kunst aus alten Lumpen

Ohne Papier geht es nicht. Allein zur Unterbringung aller Beiträge und Bilder in unserer heutigen Wochenendausgabe waren an die 19 Quadratmeter Zeitungsdruckfläche nötig.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Herstellung des von den alten Griechen „papyros“ getauften Materials ist seit Menschengedenken bekannt. Hauptrohstoff waren faserige Pflanzenteile. Dann stieg man, wenn möglich, auf Lumpen („Hadern“) um. Damit ließen sich haltbarere und buntere Blätter herstellen.

Bis ins späte Mittelalter hinein war Papiermachen reine Handarbeit. Das Rohmaterial musste gesäubert, zerrissen, zerschnitten, zerstampft und zu einem (faulig-übel riechenden) Brei verrührt werden. Danach wurde die durch Kochen aufgeweichte und in einem Bottich („Bütte“) schwimmende Masse mithilfe eines (Papier-) Siebs abgeschöpft, getrocknet und lagenweise glatt gepresst. Die Qualität des Endprodukts hing von der Mixtur und vom Können des Papiermachers ab. Die besten ihrer Zunft markierten ihre Qualitätsprodukte während des Schöpfens durch kunstvolle, als Schmuckmuster ins Sieb eingearbeitete („Wasser-) Zeichen“. Gut gelungene Bögen kamen als „Büttenpapier“ in Umlauf.

Wann, wo und von wem das erste (hand-) „made in Schaumburg-Papier“ hergestellt wurde, ist nicht bekannt. Schriftliche Aufzeichnungen über die heimische Papierfabrikation liegen erst seit der Mechanisierung des Handwerks durch Nutzung von Wasserkrafttechnik vor. Grund: Bau und Betrieb der zu diesem Zweck neu angelegten „Papiermühlen“ waren genehmigungspflichtig. Der größte Teil des dabei produzierten „Schriftkrams“ wird heute im Staatsarchiv in Bückeburg aufbewahrt.

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Nach den bisher ausgewerteten Unterlagen waren im Schaumburger Land zwischen Anfang des 17. und Ende des 19. Jahrhunderts vier Papiermühlen in Betrieb. Die erste wurde zwischen 1602 und 1604 in Buchholz (heute Samtgemeinde Eilsen) errichtet. Auftraggeber war Graf Ernst zu Holstein-Schaumburg. Der ebenso ehrgeizige wie weitsichtige Renaissance-Fürst hatte sofort nach seinem Dienstantritt mit der Modernisierung seines kleinen Landes begonnen. Das machte sich auch in puncto Größe und Aufgabenfülle des Regierungs- und Verwaltungsapparats bemerkbar. Zur Abdeckung des Mehrbedarfs an Papier musste eine eigene Produktionsstätte her. Als Standort guckte Ernst ein Grundstück am Aue-Ufer im damaligen Amtsbezirk Arensburg aus. Die als „Arensburger Papiermühle“ bekannt gewordene Anlage war bis in die 1870er Jahre hinein in Betrieb.

Die drei anderen heimischen Papiermühlen wurden nach der Teilung des alten Schaumburger Territoriums in dem seit 1648 zu Hessen gehörenden Südteil der Grafschaft gebaut. Sie dienten anfangs vor allem zur Versorgung der fernab vom Regierungssitz Kassel in Rinteln eingerichteten Provinzialverwaltungsbehörden. Bei der Suche nach geeigneten Standorten gerieten die Bäche und heutigen dörflichen Stadtteile rund um (Hessisch-) Oldendorf ins Visier. Die erste, mittels Wasserrad angetriebene Produktionsstätte entstand um 1660 im südlich der Weser gelegenen Heßlingen. Sie war als eine Art „Nebenerwerbsbetrieb“ des inzwischen längst „wüst gefallenen“ Augustinerinnen-Klosters Egestorf ausgelegt. Anfangs hatte man vor, den neuen Betrieb nicht am Heßlinger Bach, sondern am Exterufer hochzuziehen. Doch dann überlegte man es sich anders, „weilen der Exterflus bei regen-wetters allzu groß und stark zu steigen“ pflege.

Rund 35 Jahre später ging eine weitere Papiermühle in Rohden an den Start. Der Papiermacher Henrich Adam Becker „zur Arnsburg im Bückeburgischen“ hatte im August 1695 „ernstlich Anfrage gethan, ob Ihme nicht von gnediger Herrschaft eine Papier Mühle im hiesigen Ampte vergönnet werden“ könne. Einen Platz hatte Becker bereits ausgesucht. Die „Beamten zu Schaumburg“ waren einverstanden, „weilen der grundt von keiner sonderlichen gütigkeit“ sei und „zudem auff dem quaestionierten Platze schon vorhin eine Schleiffmühle gestanden“ habe.

Der vierte und letzte mit Mühlentechnik arbeitende schaumburgische Betrieb öffnete in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Segelhorst seine Pforten. Um die beiden in der Grafschaft bereits vorhandenen Mühlen nicht zu gefährden, grenzte die Kriegs- und Domänenkammer Kassel ihre 1783 erteile Zustimmung ausdrücklich auf die Produktion von „Pappenpapier aus Spänen“ ein. Mehr als diese Einschränkung machte dem Unternehmen jedoch der Zustand der Segelhorster Beeke zu schaffen. 1836 sah sich der damalige Betreiber gezwungen, einen Antrag auf Zustimmung zu einem Standortwechsels zu stellen, weil „das Wasser, daß die Mühle treibt, bei der Sommerzeit beinahe ganz austrocknet und bei starkem Frostwetter des Winters wegfrieret“. Nach langem Hin und Her durfte er Mühle fünf Jahre später mit seiner Mühle ins benachbarte Zersen umziehen (heute Gasthaus und Hotel „Papp-Mühle“).

Über Geschäftserfolg und Kundenkreis der laut Aktenlage bis Ende des 19. Jahrhunderts andauernden Pappenproduktion ist wenig bekannt. Umso mehr kann man über den ersten Pappmüller, einen Papiermachergesellen namens Johann Justus Beckel, erfahren. Beckel hatte nach 15-jähriger Ehe seine Frau Anna Elisabeth „durch die Colik“ verloren. Drei Monate später heiratete er wieder. Was dann in der Mühle passierte, wurde von den Rintelner Behörden später als ein „nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit äußerst seltener Fall“ beschrieben. Die „Neue“, eine Witwe aus Obernkirchen, brachte kurz hintereinander „8 Knaben, ohne daß ein Mägdlein dazwischen geboren wurde“, zur Welt. Das sei „in der Grafschaft Schaumburg bey Menschen Gedenken der einzige Fall“, ist in einem Bericht an die kurhessische Regierung in Kassel zu lesen.

Quellenhinweis: Wer tiefer in die Geschichte der heimischen Papiermühlen einsteigen will, dem sei der Beitrag „Die Schaumburger Papiermühlen und ihre Wasserzeichen“ von Eberhard Tacke (Bände 13/1965 und 14/1966 der Reihe „Schaumburger Studien“) empfohlen. Zur Geschichte der Papiermühle Arensburg wird in Kürze eine gesonderte Veröffentlichung des ausgewiesenen Buchholzer Heimatkundlers Ralf-Markus Lehmann erscheinen.

Postkartenabbildung einer Papiermühle aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts.



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