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Vor allem die eigenen Väter sind für viele Homosexuelle ein Grund gewesen, sich nicht zu outen

Papas schlimmster Alptraum

Es gibt Gesetze, bei denen es kaum zu glauben ist, wie lange sie in der Bundesrepublik noch Gültigkeit hatten. Bis zum Jahr 1977 zum Beispiel durften Ehemänner eine Berufstätigkeit ihrer Frau verhindern; vor dem Jahr 1997 galt eine Vergewaltigung innerhalb der Ehe als straffrei, und schließlich: Erst 1994 wurde der Paragraf 175 ersatzlos gestrichen, der sogenannte „Schwulenparagraf“, in welchem homosexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe gestellt waren. Der morgige „Internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie“ erinnert daran, dass Homosexualität bis zum 17. Mai 1990 bei der Weltgesundheitsorganisation WHO noch als Krankheit aufgelistet war.

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

„Frauenfeindlichkeit und die Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen, das gehört, meine ich, fast untrennbar zusammen“, sagt Iris Hartwig (Name von der Redaktion geändert), ehemalige Rintelnerin, jetzt Journalistin in Hannover. „Dass der Paragraph 175 ausschließlich das Ausleben männlicher Homosexualität verbot und Lesben gar nicht erwähnt, also, man könnte glatt beleidigt sein. Grundsätzlich galt jede Art der Homosexualität als ‚widernatürlich‘. Aber ein Mann, der andere Männer, so sah man es ja, wie unterlegene Frauen behandelt oder der sich wie eine Frau benahm – das war, das ist ja oft noch der eigentliche Affront.“

Ihre eigene Geschichte als lesbische Frau ist allerdings ebenso von der Erfahrung einer überwiegend „homophoben“ Umwelt geprägt wie diejenige unzähliger schwuler Männer, die aufwuchsen, als Anti-Homosexualitätsgesetze noch galten. Bis heute hat die Fünfzigjährige nicht gewagt, ihren Eltern zu sagen, dass sie Frauen liebt. „Wie sollte ich das tun?“, sagt sie. „In den Augen meines Vaters war Homosexualität tatsächlich ein Verbrechen, nicht anders, als zu stehlen oder vielleicht sogar zu morden, punktum, es hatte nicht den geringsten Sinn, über dieses Thema auch nur abstrakt zu reden. Meine Mutter denkt sicherlich anders darüber. Aber wie es in so vielen Ehen meiner Elterngeneration der Fall ist: Meine Mutter hatte zu Hause nichts zu sagen. Bei uns war es wirklich so, dass mein Vater ihr damals verboten hat, ihren Beruf als Kindergärtnerin auszuüben. Sie wäre einfach nur geschockt und voller Panik gewesen, wenn ich ihr ‚gestanden‘ hätte, dass ich lesbisch bin.“

Die Väter. So oft sind es die Väter, an denen bei Menschen, die um 1960 herum geboren sind, ein „Coming-out“ vor der Familie scheiterte oder jedenfalls sich zu einem konfliktreichen Drama entwickelte. Thomas Behring (Name von der Redaktion geändert) aus Bückeburg kann davon erzählen. „Ich weiß nicht, wie oft es bei uns Thema war, dass ich mit 17, 18 Jahren noch keine Freundin hatte, oft sogar, wenn Freunde meiner Eltern zu Besuch waren“, sagt er. „Der Verdacht, dass ich schwul sein könnte, machte meinen Vater richtig verrückt. Das lag auch daran, dass er selbst ständig damit konfrontiert worden war, er könnte schwul sein und darum alles tat, um sich als wahrer Mann zu erweisen.“

Thomas Behrings Vater hatte das Pech, an einem 17. Mai geboren worden zu sein, am 17. 5., sprich 175, wie die Nummer des „Schwulen“-Paragrafen. In seiner Jugend machten sich Freunde und Klassenkameraden den Spaß, ihn mit diesem Geburtsdatum aufzuziehen, immer wieder und erst recht, als er eine Lehre als Schneider begann, in einer Werkstatt, von deren Meister gemunkelt wurde, er sei wahrscheinlich schwul. „Die Erzählungen davon gehören zu meiner Kindheit, es muss ihn sehr belastet haben“, so Thomas Behring. „Mein Vater war einerseits dominant bis hin zur echten Gewalttätigkeit, andererseits hatte er auch eine sensible und künstlerische Seite. Er wäre so gerne Schneider und dann Mode-Designer geworden.“

Stattdessen brach er wegen der ständigen Hänseleien die Schneiderlehre ab, wurde Kfz-Mechaniker und außerdem ein durchaus erfolgreicher Amateurboxer. Er bekam drei Kinder, darunter den einzigen Sohn Thomas, der immer noch keine Freundin hatte. „Ich sollte Fußball im Verein spielen und zum Geburtstag bekam ich Boxhandschuhe geschenkt, alles Dinge, die mich nicht im Geringsten interessierten. Irgendwie machte es ihm einen verzweifelten Spaß, mich als schwul zu bezeichnen, als ‚weibisch‘ und ‚Memme‘, immer in der Hoffnung, dass ich ihm umso schneller das Gegenteil beweisen würde.“

Die Rintelnerin Beate Sieber (Name geändert), auch aus dem Jahrgang um 1960, ist mit dem Thema dieser innerfamiliären Homophobie ebenfalls vertraut. „Meine Geschwister und ich habe ganze Nächte durch mit meinem Vater darüber diskutiert, dass Schwule und Lesben ganz normale Menschen sind“, erzählt sie. „Keiner von uns war homosexuell. Aber mein Bruder machte sich gern einen Zopf aus seinen langen Locken, ein ewiger Streitpunkt zwischen ihm und meinem Vater. Als mein Bruder plante, sich auch noch einen Ohrring einsetzen zu lassen, gab es so ein Theater, dass er doch lieber darauf verzichtete. Nichts war schrecklicher für meinen Vater als die Vorstellung, andere Leute könnten meinen, sein Sohn sei schwul.“

Der zweite Aufhänger für die langen Diskussionen ergab sich aus der Tatsache, dass Beate Siebers beste Freundin lesbisch, ihr bester Freund schwul war. „Ich selbst fand das von Beginn an total selbstverständlich, ein bisschen aufregend schon, aber das war auch alles.“ Als sie aber ihren Eltern davon erzählte, guckte die Mutter ratlos, während ihr Vater so reagierte, als habe er gehört, die beiden säßen wegen schwerer Straftaten im Gefängnis. „In Bezug auf meine Freundin ging es noch. Von ihr dachte er, sie würde schon noch den nötigen Entwicklungsschritt hin zu den Männern tun. Aber meinem Freund gab er von da an nicht mehr die Hand. Wenn ich Homosexualität als Lebensform verteidigte, hieß es schließlich: Du bist wohl auch lesbisch. Ich weiß wirklich nicht, was ich getan hätte, wäre ich lesbisch.“

Wie anders dagegen spricht der Rintelner Redakteur Felix Hau über sein Leben als homosexueller Mann. „Tut mir leid“, sagt er lächelnd, „ich kann keine Leidensgeschichte erzählen. Ich bin tatsächlich noch nie konkret jemandem begegnet, der mir gegenüber wegen meiner Homosexualität feindlich eingestellt gewesen wäre.“ Es mag daran liegen, dass er etwa zehn Jahre jünger ist als die vorher Befragten, oder auch daran, dass er in einer von starken Frauenpersönlichkeiten geprägten Familie aufwuchs. „Ja, schon, ich zögerte etwas damit, meiner Mutter zu erzählen, dass ich mich in einen Mann verliebt hatte. Ich wusste zwar, es würde kein ernsthaftes Problem geben, aber immerhin war es das erste Mal, dass ich von einer Norm entscheidend abwich.“

Bis er mit seinem Lebensgefährten zusammenkam, habe er weder gewusst, dass er schwul sei, noch überhaupt darüber nachgedacht. „Vorher, in der Schulzeit, hatte ich Freundinnen, und nun eben einen Freund.“ Natürlich kenne er homosexuelle Menschen, deren Coming-out zu jeder Menge Konflikte führte. „Ich glaube, wenn die Familie und Freunde zu einem stehen, dann bemerkt man so was wie Homophobie gar nicht, man achtet nicht auf sie, also, mal abgesehen natürlich von gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten.“ Allerdings: Als er zusammen mit seinem Lebensgefährten vor 14 Jahren aus der Großstadt nach Rinteln zog, da hätten sie schon eine gewisse Sorge gehabt, wie man in der Provinz auf das neue schwule Paar denn reagieren würde.

„Es lief aber alles prima!“, sagt er. „Wir haben Rinteln in dieser Beziehung als ungeheuer offen empfunden. Manchmal glaube ich, der schwule Friseur Thomas Fricke hat sehr viel dazu beigetragen. Für ihn war die Homosexualität ja geradezu sein Markenzeichen, er hatte überhaupt keine Angst, irgendwelchen Klischees zu entsprechen. Das hat, meine ich, in dieser Stadt die Grundstimmung gegenüber Homosexualität als etwas Selbstverständliches stark beeinflusst.“

Eine Umfrage der Friedrich-Schiller-Universität von 2013 ergab für Deutschland, dass 29 Prozent der Teilnehmer homosexuelle Beziehung für „unnatürlich“ halten. Bezeichnend dabei: Nur 14 Prozent der 18 bis 24-Jährigen stimmten dieser Aussage zu, während es bei den über 60-Jährigen noch 41 Prozent waren, wobei sich die Männer deutlich homophober äußerten als die Frauen.

In über 70 Ländern ist Homosexualität bis heute verboten, bis 1990 sah die Weltgesundheitsorganisation WHO sie noch als Krankheit. Früher war es oft die Angst vor dem Vater, die ein „Coming-out“ verhinderte. Der „Internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie erinnert an den

Leidensweg vieler Menschen.



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