×

Osteopathie – auch bei Tieren ein Thema

Der elfjährige Schimmel Jalinero stand lange Zeit beim Pferdehändler. Niemand kam mit ihm zurecht, da er sich kaum reiten ließ. Vor fünf Wochen fand der Hengst der Rasse „Pura raza Espanola“, und damit Vertreter der edelsten spanischen Pferderasse, schließlich einen neuen Besitzer. Dieser brachte ihn in die fürstliche Hofreitschule Bückeburg, wo er von Pferdeosteopath Klaus Steffan untersucht wurde. Und schnell war klar: Jalinero war nicht böse oder gefährlich. Er hatte starke Schmerzen, das Tragen eines Reiters war eine Qual für ihn.

Autor:

Jessica Janson

„Jalinero hatte Blockaden im Rücken, Muskeln an den falschen Stellen und fehlende Muskeln dort, wo sie notwendig sind“, umreißt Steffan die Krankheitsgeschichte des Pferdes. Grund dafür können ein schlecht passender Sattel oder auch falsches Reiten gewesen sein. Dass sich der Hengst deshalb kaum noch reiten ließ ist ein schwerwiegender, aber dennoch typischer Fall für den Osteopathen. „Ein Tier, dem etwas wehtut, bewegt sich nicht mehr gern. Das ist wie bei uns Menschen“, erklärt der Diplom Pferde- und Hundeosteopath.

Schon eine einmalige Behandlung vor vier Wochen brachte sichtbare Fortschritte. „Das Pferd konnte vor dieser Therapie überhaupt nicht seitwärts gehen“, versichert Wolfgang Krischke, Leiter der Hofreitschule und mit dem Training des Hengstes beauftragt. Bereits nach der ersten Behandlung konnte Jalinero diese Bewegungen ausführen, auch wenn es ihm noch sichtlich schwer fiel. „Die Blockaden sind beseitigt, aber ihm fehlen einfach noch die benötigten Muskeln“, erklärt Steffan vier Wochen später, beim zweiten Behandlungstermin.

Während seiner Arbeit strahlt der Tierosteopath eine unglaubliche Ruhe aus, die auch das Tier spüren kann. Der Hengst scheint zu wissen, dass ihm die Übungen gut tun. Selbst als Steffan das linke Hinterbein des Tieres aufnimmt und es kreuzend auf die rechte Körperseite zieht, steht er still. Keine Gegenwehr, kein Protest, obwohl ihm der Therapeut fremd ist. Der Grund für die Kooperation des Tieres ist offensichtlich: Steffan arbeitet niemals ruckartig oder mit Gewalt. Ein gewaltsames „Einrenken“ gibt es nicht. „Ich zwinge das Pferd zu keiner Bewegung, die ihm nicht möglich oder sogar schmerzhaft ist“, sagt er, während er sich langsam am Körper des Pferdes entlang arbeitet. Körperteil für Körperteil wird abgetastet und betrachtet. „Segment für Segment“ nennt der Osteopath das.

Tierostheopathie ist Teamarbeit: Während Klaus Steffan Jalineros Bein hebt, bringt Wolfgang Krischke den Hengst dazu, den Kopf zu senken. Das fordert die Wirbelsäule. Fotos: jaj

„Das Ziel ist es, jedes Gelenk im Körper des Tieres in jede physiologisch mögliche Richtung durchzubewegen“, erklärt er seine Vorgehensweise. So können Verspannungen und Blockaden gelöst werden. Darüber hinaus wird das Pferd angeregt, Bewegungen zu machen, die es sonst vermeidet. „Das ist wie bei uns Menschen auch. Wenn uns die Schulter wehtut, bewegen wir den ganzen Oberkörper, um den Schmerz in der Schulter zu vermeiden“, verdeutlicht er. Dadurch wird jedoch bewirkt, dass sich die Muskeln immer weiter zurück bilden und eine Bewegung zukünftig immer schwieriger wird.

So war es auch bei Jalinero. Die Blockaden im Rücken bewirkten, dass das Aufrichten der Wirbelsäule schmerzhaft war. Also vermied er diese Bewegung, was ein Zurückgehen der Bauchmuskulatur nach sich zog. „Auch wenn die Blockaden jetzt beseitigt sind, fällt ihm das Aufrichten des Rückens durch die zu gering ausgeprägten Bauchmuskeln immer noch schwer“, erklärt Steffan.

Die Gründe für das Hinzuziehen eines Osteopathen können sehr vielfältig sein: ständige Lahmheit, Unwilligkeit beim Beine aufnehmen, Taktfehler, Schmerzanzeichen, schlechte Kopf-, Hals- oder Schweifhaltung sowie Gegenwehr gegen die Reiterhilfen können Anzeichen für eine schmerzhafte Beeinträchtigung des Bewegungsapparates sein, verursacht zum Beispiel durch einen Sturz, Blockaden, Gelenkverklebungen oder Muskelverkürzungen. In allen diesen Fällen kann die Osteopathie helfen.

Die Heilmethode ist dabei keinesfalls eine Erfindung der Neuzeit. Schon in der Antike waren die Grundlagen bekannt, worauf auch der Name hinweist. „Os“ steht im Griechischen für Knochen, „pathos“ für Leiden. Doch anders als es der Name vermuten lässt, werden neben den Knochen auch umliegende Strukturen wie Bänder, Muskeln, Sehnen und Faszien in die Behandlung einbezogen. Das wichtigste Merkmal der Osteopathie ist, dass der Therapeut ausschließlich seine Hände verwendet. Allein durch ihren Einsatz versucht er, Blockaden und Verspannungen zu lösen. „Zur Stimulation verwende ich bei Pferden zusätzlich ein kleines Holzstäbchen, weil ich mit meinem Finger bei den dicken Muskeln kaum durchkomme“, sagt Steffan.

In der Osteopathie wird der Körper als Einheit verstanden, bei der die Störung eines Einzelbereichs Auswirkungen auf den gesamten Organismus haben kann. So kann eine Behandlung auch Wirkung auf Atmung, Stoffwechsel und Herz-Kreislaufsystem haben.

Durch eine osteopathische Behandlung können natürlich keine Muskeln aufgebaut werden. „Deshalb arbeitet ein Osteopath immer im Team“, erklärt Steffan. Dazu gehören auch Tierarzt und Tierzahnarzt. „Jeder hat sein Fachgebiet, die beste Behandlung ist gewährleistet, wenn alle zusammenarbeiten und sich absprechen.“ Ein unverzichtbarer Bestandteil dieses Teams ist auch der Reiter. Denn im Anschluss an eine Behandlung muss das Pferd „gesund geritten“ werden. Tägliche zielgerichtete und abgesprochene Übungen haben dabei denselben Effekt wie Krankengymnastik beim Menschen. Muskeln werden aufgebaut. Eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie.

„Wenn ein Pferd durch falsches Reiten Verspannungen im Rücken hat, kann ich zwar die Gelenke lösen, wenn es aber weiter falsch geritten wird, kann keine Besserung erzielt werden“, erklärt der Experte. Genauso verhält es sich, wenn das Tier einer schmerzhaften Blockade über lange Zeit auswich, indem es bestimmte Bewegungen vermied. „Dann müssen die Muskeln erst wieder aufgebaut werden.“

Dies ist allerdings vor allem bei chronischen Erkrankungen der Fall. Sollte ein Pferd sich aber, zum Beispiel nach einem Sturz, ganz plötzlich nicht mehr richtig bewegen können, kann dies an einem blockierten Gelenk liegen. Hier kann schon ein einmaliger Besuch des Osteopathen Abhilfe schaffen.

Ein weiteres Einsatzgebiet der Osteopathie ist die Prophylaxe. Dazu kommt Steffan etwa alle sechs Monate zu Raisulih El Hadi, dem Star der fürstlichen Hofreitschule. Der Berber-Hengst ist mittlerweile 18 Jahre alt. „Langsam werden bei ihm die Gelenke etwas unbeweglicher“, sagt Steffan. Wolfgang Krischke, Leiter der Hofreitschule, hat sich schon lange für die prophylaktischen Behandlungen des Hengstes entschieden. „Das Pferd ist ein Hochleistungssportler, und genauso wie bei menschlichen Profisportlern der Physiotherapeut dazu gehört, ist es für mich bei den Pferden der Osteopath“, erklärt er seine Entscheidung.

Obgleich Raisulih im Gegensatz zu Jalinero keine akuten Probleme hat, ist der Ablauf der Behandlung in etwa derselbe. „Ich schaue mir bei jeder Behandlung jedes Gelenk an“, erzählt Steffan. Denn nicht immer könne man sicher sein, dass die Ursache eines Schmerzes in dem Gelenk zu finden ist, wo er sich zeigt. „Gerade bei Pferden ist es oft so, dass sie in der Diagonale kompensieren“, erläutert Steffan. Das bedeutet, dass ein Problem, das am rechten Hinterbein zu finden ist, sich am linken Vorderbein äußert. „Hier bringt es dann nichts, wenn man allein das Bein untersucht, an dem sich die Symptome zeigen. Denn die Ursache wird man hier nicht finden.“

Um sich ein genaues Bild über die Bewegungsabläufe des Pferdes zu machen, lässt sich Steffan den Schimmel „vorführen“. Dabei führt Krischke das Pferd einmal von dem Osteopathen weg, und dann wieder auf ihn zu. „So kann ich gut erkennen, ob das Pferd beide Körperseiten gleichmäßig belastet“, erklärt er dieses Vorgehen. Und auch bei Raisulih, der gut im Training steht, fällt dem Experten etwas auf: „Der lässt sein Becken nicht richtig fallen“ lautet die Diagnose. Grund dafür ist die Bequemlichkeit des Tieres. „Genau wie wir Menschen machen sich Pferde das Laufen im Alter möglichst einfach.“ Bei Raisulih bedeutet dies: Laufen mit den Beinen, ohne große Anstrengung der Hüften. Doch genau diese Hüftbewegung will Steffan forcieren, und so beugt und streckt er die Hinterläufe des Pferdes, um das Hüftgelenk zu lockern.

Direkt nach der halbstündigen Behandlung ist ein deutlicher Unterschied zu erkennen. Die Schritte des Pferdes klingen viel kräftiger. Wolfgang Krischke wird den Unterschied beim nächsten Reiten deutlich spüren, auch wenn ihm das Problem zuvor gar nicht bewusst war. „Negative Veränderungen im Bewegungsablauf kommen so schleichend, dass sie dem Reiter nicht auffallen, wenn er täglich mit dem Pferd arbeitet“, erklärt der Leiter der Hofreitschule. Und hier liegt ein entscheidender Grund für die prophylaktischen Maßnahmen. „Ein Osteopath erkennt die kleinsten Anzeichen für Störungen des Bewegungsapparates und kann sie behandeln, bevor sie zu einem ernsthaften und schmerzhaften Problem werden“, erklärt Steffan.

Auch die Tiere spüren die Veränderung durch die Behandlung auf vielfältige Weise. „Zum Einen können sie sich einfacher bewegen, zum Anderen haben sie am nächsten Tag Muskelkater“, weiß Steffan. Und auch der Umgang mit den Tieren wird einfacher. „Das störrische ist völlig verschwunden“, hat Krischke schon oft beobachtet. Denn auch bei Tieren schlägt ein schlechter Gesundheitszustand aufs Gemüt.

Das deutsche Institut für Pferdeosteopathie (DIPO), an dem auch Steffan seine zweijährige Ausbildung gemacht hat, verzeichnet lediglich sechs anerkannte Pferdeosteopathen im Umkreis von 50 Kilometern. Das liegt vor allem an der jungen Geschichte dieser Fachrichtung in Deutschland. Die Osteopathie, einst für den Menschen entwickelt, wurde erst in den siebziger Jahren auf das Pferd übertragen. 1997 wurde das DIPO in Dülmen gegründet und die ersten Pferdeosteopathen in Deutschland ausgebildet. Im Jahr 2005 wurde der erste Hundeosteopathiekurs angeboten. Hundebehandlungen nimmt Steffan, der einzige anerkannte Tierosteopath in Schaumburg, auf seinem gleichnamigen Therapiehof im Stadthäger Ortsteil Hobbensen vor. Dort hilft er Hunden, die Probleme nach einer Operation oder Arthrose haben.

Doch auch Katzen und andere Kleintiere gehören zu seinem Patientenkreis. „Ich habe sogar schon ein Meerschweinchen behandelt, das wegen einem blockierten Kiefergelenk nicht mehr richtig fressen konnte“, erinnert er sich lächelnd. Erfolgreich. Seither schmeckt es dem kleinen Patienten wieder.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt