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Opfer will doch aussagen

Bad Münder/Hannover. Ein schwerer Vorwurf steht im Raum: Der 26-jährige Angeklagte soll im Juni 2011 eine damals 15-Jährige auf einem Spielplatz in Bad Münder vergewaltigt haben. Gestern wurde am Landgericht Hannover das Verfahren eröffnet – und gleich wieder ausgesetzt. Das vermeintliche Opfer, das bisher nicht hatte aussagen wollen, erklärte sich nun doch bereit, sich einem Glaubwürdigkeitsgutachten zu unterziehen.

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Um 9 Uhr betraten Richterin Gerhild Wiegand-Gundlach, die Berichterstatterin sowie die beiden Schöffen den Saal H 2 des Landgerichts. Alle erhoben sich – auch der Angeklagte. Der junge Mann ist knapp 1,80 Meter groß, hat seine kurzen schwarzen Haare leicht nach oben gegelt. Der 26-Jährige wurde vorgeführt, sitzt derzeit wegen einer anderen Straftat in Haft. Die Richterin begrüßte ihn: „Wir kennen uns noch von der letzten Verhandlung.“

Sein Pflichtverteidiger Christian Rosse war sauer, weil sein Mandant hinter ihm Platz nehmen musste – das sei im Landgericht aus Sicherheitsgründen üblich, wenn der Angeklagte in Haft sitzt, erklärte der Wachmann. Rosse ließ das nicht gelten: „Ich habe das Recht, meinen Mandanten während der Verhandlung ansehen zu können.“

Darauf folgte eine kurze Unterbrechung. Verteidiger Rosse unterhielt sich derweil mit Thomas Klinge. Der Oberstaatsanwalt befürchtete ein schwieriges Verfahren, weil die Zeugin, das vermeintliche Opfer, nicht aussagen wollte. Noch im Sommer habe die Mutter erklärt, ihre Tochter wolle mit der Sache nichts mehr zu tun haben, sie sei nun schon zwei Jahre her – sie wolle endlich vergessen.

Der Angeklagte hatte sich über das Geländer gelehnt, um mit seinem Verteidiger sprechen zu können. Als die Sprache auf die heute 17-Jährige kam, wurde er wütend: „Ich hoffe, dass sie endlich mal die Wahrheit sagt, es reicht langsam.“

Die Zeugin und ihre Mutter waren für 9.30 Uhr geladen, verspäteten sich jedoch einige Minuten. Staatsanwalt Klinge sprach auf allgemeinen Wunsch vor dem Saal mit der Heranwachsenden. „Das Gespräch war sehr schwierig, sie hat viel geweint und erzählt, wie sehr sie unter der Tat gelitten habe“, erklärte er. Sie habe sich aber nun doch dafür entschieden, auszusagen. Dafür soll eine Diplom-Psychologin ein Gutachten von der 17-Jährigen erstellen – bisher hatte sich das Mädchen diesem verweigert.

„Grundsätzlich kann man einen Zeugen mit Ordnungsgeld oder Ordnungshaft zwingen, vor Gericht auszusagen“, erklärte Klinge im Gespräch mit der NDZ, „aber in so einer Situation tut man sich damit natürlich schwer.“ Außerdem habe er ihr erklärt, dass das Verfahren ohne sie wahrscheinlich gar nicht weitergehen könne.

Nach dem Termin mit der Gutachterin im Oktober müssen – so die Regularien – mindestens drei Monate bis zur nächsten Zeugenaussage liegen. „Damit soll eine Konstanz in der Aussage sichergestellt werden“, sagte Klinge. Sonst könne man sich auch an eine falsche Aussage noch zu gut erinnern. Außerdem wurde dem Mädchen und seiner Mutter geraten, sich einen Zeugenbeistand zu nehmen. „Es tut immer gut, einen professionellen Beistand an seiner Seite zu haben“, sagte Richterin Wiegand-Gundlach.col

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