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Kritik an noch mehr verkaufsoffenen Sonntagen in Rinteln von Kirchen und Gewerkschaften

"Ohne Sonntag gibt's nur noch Werktage"

Rinteln (ur). Nicht ohne Widerspruch bleibt offenbar die Absicht, analog zum "Ausflugsort Bückeburg" die Förderung des Tourismus auch in Rinteln durchzusetzen, dass künftig fast an jedem Sonntag alle Geschäfte öffnen können, solange man nur irgendwie darstellen kann, dass es sich bei dem Angebot um "Reisebedarf" handelt.

Für die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, die sich insbesondere den Beschäftigten des Einzelhandels verpflichtet fühlt, meint etwa der Rintelner Vorsitzende Hans-Jürgen Niemeier : "Es kann nicht in unserem Interesse sein, die ohnehin schon breit gefächerten Öffnungszeiten infolge des liberalen Ladenöffnungsgesetzes über eine Spezialvorschrift nochmals exzessiv zu erweitern." Erfreut habe man bei Ver.di zur Kenntnis genommen, dass es zumindest in der Rintelner Geschäftswelt erhebliche Vorbehalte gegen eine Ausweitung der Öffnungszeiten gebe. Allerdings liege es auch am Verhalten der Konsumenten, ihr Einkaufsverhalten so auszurichten, dass die Mitarbeiter im Einzelhandel nicht durch immer mehr Öffnungszeiten belastet werden und dadurch am Ende immer mehr "prekäre Beschäftigungsverhältnisse" mit Minijobs und unbezahlter Arbeitszeit entstehen. Auch bei den christlichen Kirchen ist die in Niedersachsen forcierte Liberalisierung des bisherigen Ladenöffnungsgesetzes nicht unumstritten, zumal da sie mit den bisher gültigen Bestimmungen zum Schutz von Sonn- und Feiertag bricht. Superintendent Andreas Kühne-Glaser spricht von der Gefahr einer Sogwirkung: "Im Grunde trifft nicht mehr der einzelne Geschäftsmann die Entscheidung, sondern bei einer Freigabe ziehen letzten Endes die meisten nach, unabhängig von der persönlichen Meinung oder der Wirtschaftlichkeit." Die Kirchen würden dies in erster Linie nicht problematisieren, weil es ihre eigenen Veranstaltungen am Sonntag beeinträchtigt, sondern weil der Gesellschaft insgesamt mit dem Verlust von gemeinsamen Fest- und Feiertagen etwas verloren geht: "Gemeinsame Zeit zum Feiern und Entspannen, für Verabredungen und Unternehmungen mit Freunden und in der Familie, das ist ein wichtiges soziales Gut, das bei einer solchen Entwicklung zunehmend verloren geht - und dieser Verlust trifft nicht nur die Menschen im Einzelhandel!" Für Rinteln setze er allerdings darauf, dass Bürgermeister Buchholz und dieüberwiegende Zahl der Ratsmitglieder dieses Risiko erkennen und sich gegen eine ungebremste Ausweitung der Ladenöffnungszeiten wenden werden. Auch Pastor Heiko Buitkamp von der reformierten Gemeinde sieht die Pläne kritisch: "Ich stelle diese Entwicklung unter den Begriff Maßlosigkeit. Alles muss nach diesem Zeitgeist jederzeit und ohne Verzögerung erreichbar sein. Im Grunde ist das wieder mal ein Beleg dafür, dass die Zehn Gebote für die Menschen keine Beschränkung durch Gott darstellen, sondern ihrem Schutze dienen." Leider habe die kirchliche Kampagne unter dem Motto "Ohne Sonntag gibt's nur noch Werktage" bislang kein ausreichendes Echo gefunden. Pfarrer Michael Nettusch von der katholischen Gemeinde erinnert daran, dass bis vor wenigen Monaten in Rinteln noch galt, dass die Kirchen für verkaufsoffene Sonntage von der Stadt im Einzelfall um ihre Zustimmung gebeten wurden: "Die aktuelle Entwicklung geht über alle bisherigen Regelungen zum Feiertagsschutz völlig hinweg." Man habe dieses Thema wegen seiner Brisanz eigens auf die Tagesordnung des Pfarrgemeinderats gesetzt und dabei festgestellt: "Die Heiligung des Sonntags ist biblisches Gebot und dient dem Menschen, dass er zur Ruhe kommt und mit seiner Familie zusammen ist. Wir bezweifeln, dass gemeinsames Einkaufen Sinn dieses Ruhetages ist. Eine klare Trennung Ruhe-Arbeit ist anzustreben. Wir vermissen eine Absprache im Vorfeld der Beschlüsse und sehen auch für die Geschäftsinhaber eine zeitliche Überforderung."




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