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Vom Leben und Wirken des Bückeburger Schulmeisters Wilhelm Burchard

Ohne Frust ging es damals nicht

Bückeburg. Die Festvorbereitungen laufen. 2014 wird dasBückeburger Gymnasium Adolfinum 400 Jahre alt. Es soll eine Vielzahl von Veranstaltungen geben.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Für ihren Rückblick auf die Gründungs- und Entwicklungsgeschichte können die Jubiläumsmacher auf eine ganze Reihe von Schulchroniken und andere historischen Aufarbeitungen zurückgreifen. Darin wird auch und vor allem das höchst unterschiedliche Wirken der Schulleiter beschrieben. Davon hat es während der zurückliegenden vier Jahrhunderte an die 50 gegeben – bis auf eine Ausnahme allesamt Männer. Die mit 35 Jahren längste und bei Weitem stressigste Dienstzeit absolvierte Wilhelm Burchard. Der von 1840 bis 1875 amtierende Rektor brachte – wie kein(e) andere(r) vor und nach ihm – die höhere Bildungseinrichtung auf Vordermann. Darüber hinaus setzte er, gegen den Widerstand seiner zahlreichen Kritiker und Neider, den Bau eines neuen Schulhauses durch.

Der in den 1870er Jahren an der Ulmenallee hochgezogene Vorgängerbau des heutigen Gebäudes war der krönende Abschluss eines herausragenden und für die Gesamtentwicklung der Stadt höchst verdienstvollen Pädagogen-Lebens. Anders gesagt: Das Adolfinum könnte mit Fug und Recht auch den Namen „Burchard-Gymnasium“ tragen. Ohnehin scheint eine höhere Wertschätzung des Schulprofessors in seiner Heimatstadt mehr als überfällig. Schließlich hat sich – neben ihm – noch ein weiteres Mitglied der Familie um Bückeburg verdient gemacht: Wilhelm Burchards Sohn Max war 21 Jahre lang von 1871 bis 1892 (Ober-)Bürgermeister der Stadt.

Burchard Senior stammte aus Berlin. Ende der 1820er Jahre verschlug es den studierten Philologen auf einen Oberlehrerposten in der preußischen Provinzmetropole Minden. Seine vorbildliche Dienstauffassung sprach sich schon bald auch im nahen Schaumburg-Lippe herum. Als 1839 die Stelle des Leiters der Bückeburger „Lateinschule“ frei wurde, überredete man den 35-Jährigen zu einem Umzug ins Fürstentum. „Hätte ich gewusst, was ich hier finden sollte, so würde ich mich ganz bestimmt nicht habe bewegen lassen“, beschrieb er später seinen Frust. „Es gibt nur wenig, dass uns Leben und Verkehr hier angenehm macht und mir mein arbeitsvolles Amt versüßt.“

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Max Burchard, ältester Sohn des Rektors, war mehr als zwei Jahrzehnte lang Bückeburgs Stadtoberhaupt.

Die Lateinschule sei kein Gymnasium, sondern eine „lateinische Hauptschule“, so Burchards vernichtendes Anfangsfazit. „Sie bestand dem Namen nach aus vier Klassen, nämlich Prima, Secunda sowie Groß- und Klein-Tertia, im Ganzen 76 Schüler enthaltend.“ Die Klein-Tertia sei aber nur eine Unterabteilung von Groß-Tertia gewesen, „worin die schwächeren Schüler von einem geist-und altersschwachen Kantor in wenigen lateinischen und deutschen Stunden unterrichtet wurden und ihren Leistungen nach kaum jetzigen Quintanern entsprachen“. Auch mit den anderen acht Mitgliedern des Lehrkörpers war laut Burchard keine zeitgemäße Bildungsarbeit möglich. Der Mathematikunterricht wurde von einem Mechanikus erteilt. Die anderen waren Pastoren.

Noch schlechter war es um die Raumsituation bestellt. Burchard beschrieb die Zustände in dem 1614 an der heutigen Schulstraße errichteten Gemäuer so: „Klassenzimmer waren nur 3 vorhanden, 2 ausreichend große und 1 so kleines einfenstriges, daß neben den Schultischen für den Lehrer nur ein schmaler Weg übrig blieb, der zugleich der alleinige Durchgang für etwa 120 Kinder der Bürgerschule ist, die bei schlechtem, namentlich Schneewetter sich hier die Nässe von den Füßen abtraten, so daß der Lehrer bisweilen buchstäblich im Wasser stand.“

Die Schockstarre des neuen Schulmeisters dauerte nur kurz. Dann legte er sich mit Energie und Ausdauer ins Zeug. Es wurde ein Jahrzehnte andauernder, von zahllosen Anträgen, Auseinandersetzungen, Rückschlägen und Ränkespielen begleiteter Kampf. Hauptgegner war das für das Unterrichtswesen im Fürstentum zuständige Konsistorium. Da Burchards Anregungen in dem stockkonservativen Honoratiorenclub kaum Gehör fanden, setzte er viele Vorhaben kurzerhand in „Eigenregie“ um.

So führte er eine Art „Gleitunterricht“ ein und mietete Privatklassenzimmer an. Die Primaner bestellte er zum Üben zu sich nach Haus. Wenn es brenzlig wurde und/oder nichts mehr lief, ging Burchard zum Fürsten. Der als äußerst streng und extrem knauserig geltende Schlossherr Georg Wilhelm gab sich anfangs meist ablehnend-knurrig, ließ dann aber die oft nicht ganz „astreinen“ Aktionen durchgehen.

Dem Landesherrn war längst klar geworden, dass es seit Burchards Dienstantritt mit der Schule stetig bergauf gegangen war und immer mehr Auswärtige ihre Kinder zwecks „Maturitätsprüfung“ in Bückeburg anmeldeten. So nickte Georg Wilhelm im Nachhinein sogar eine mehr als „eigenwillige“ Aktion seines umtriebigen Schulmeisters ab. Der hatte – ohne Rückendeckung von oben – drei begabte Abiturienten zum Philologie-Studium überredet und sie anschließend mit selbst unterschriebenen Arbeitsverträgen versorgt.

Zu guter Letzt ging auch noch Burchards größter und bis dato erfolglos betriebener Traum in Erfüllung. 1873 wurde der Bau einer neuen Lateinschule beschlossen. Der inzwischen 71-jährige Rektor reichte sein Pensionierungsgesuch ein. Neben der Freude über das Erreichte waren dabei auch Erschöpfung und Frust im Spiel. Der Dauerstress hatte ihm gesundheitlich schwer zugesetzt und müde gemacht. Außerdem fühlte er sich seit dem Tode Georg Wilhelms im Jahre 1860 immer öfter im Stich gelassen. Der Draht zu Nachfolger Adolf Georg war längst nicht so gut wie zu dessen Vater.

Die Einweihung des an der Ulmenallee hochgezogenen Schulneubaus ging Ostern 1876 über die Bühne. Wenige Monate vorher hatte man Burchard dessen Zurruhesetzungsurkunde in die Hand gedrückt. Seine Hoffnung, dass sein 35-jähriges Wirken im Rahmen des Festaktes nochmals öffentlich gewürdigt werden würde, erfüllte sich nicht. Mehr noch. Burchard bekam noch nicht einmal eine Einladung.

Als er trotzdem erschien, ließ ihn der Landesherr demonstrativ links liegen. Der Fürst wolle als alleiniger Initiator der neuen Unterrichtsstätte in die Geschichte eingehen, war hinter vorgehaltener Hand zu hören. Darüber hinaus wussten Insider zu berichten, dass Adolf Georg den ursprünglich vorgesehenen Namen „Ernestinum“ abgelehnt und auf sich selbst als Namensgeber des Bauwerks bestanden habe.

Wie dem auch sei – die Enttäuschung Burchards legte sich schnell. Noch am selben Tage wurden ihm bei einer von der Stadt veranstalteten Feier die Bückeburger Ehrenbürgerrechte verliehen. Die Urkunde händigte Sohn und Bürgermeister Max Burchard aus.

So wurde früher gelehrt und gelernt: Zu sehen ist eine historische Aufnahme einer Adolfinum-Schulklasse.

gp

Dieses Bild zeigt den 1886 an der Ulmenallee fertiggestellten Neubau des Bückeburger Gymnasiums.




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