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Thie und Anger sind öffentliche historische und dörfliche Versammlungsplätze

Oftmals Tummelplatz für fremde Kriegsvölker

VON HERMANN KRÜGER

Thie und Anger gehören zu den ältesten dörflichen Kulturdenkmälern. Die große historische Bedeutung dieser Plätze ist vielen bis heute nicht bewusst. Thie und Anger sind öffentlich, das heißt, stets im Gemeindebesitz befindliche Plätze, die sich in aller Regel im historischen Mittelpunkt der Siedlungen befinden. Am nachfolgenden Beispiel der Ortschaft Tündern sollen die hier geltenden Unterschiede deutlich gemacht werden.

Von dem früher hier vorhandenen ummauerten Thie mit Thietisch und vier Linden als Mittelpunkt des Dorfes ist nach einer Straßenumbaumaßnahme nur ein kleines Dreieck mit zwei Linden übrig geblieben. Man sollte denken, dass sich auf diesem Thie niemand mehr versammeln kann, aber dies geschieht dennoch: Hier ist zum Beispiel der Treffpunkt für die alle zehn Jahre stattfindenden Grenzbeziehungen. Bei der 1000-Jahr-Feier Tünderns im Jahre 2004 wurden am Thie Ansprachen gehalten. Das Bewusstsein daran, dass hier einmal der Dorfmittelpunkt war, lebt also auch ohne begehbaren Thie fort.

Während die Thie- und Angerplätze in aller Regel in unserer Region den Dorfmittelpunkt bildeten, besteht in Tündern eine wesentliche Ausnahme: Die Anger-Plätze lagen und liegen noch heute allesamt außerhalb des Dorfmittelpunktes. Bis heute noch sind die nachfolgenden Angerplätze bekannt:

Die heutige Situation des ehemaligen Schlachtfeldes bei Hastenbeck.

Der Tünderanger, Sammelplatz und Richtstätte, ist von größter historischer Bedeutung: Nach dem Tode des Herzogs Erich d. Jüngeren 1584 fiel das Fürstentum Calenberg an Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel. Am 15. Juli 1585 huldigten ihm auf dem Tünderanger die Untertanen aus den Ämtern Aerzen, Grohnde, Polle, Ohsen, Springe und aus der Stadt Münder. Die Huldigung war ein geleisteter Eid, gehorsam zu sein und seine Dienste in den Dienst des Herzogs zu stellen. Dieser Eid galt besonders für einen eventuellen Kriegseinsatz.

In der Calenbergische Musterungsrolle von 1585 finden wir die wehrfähigen Männer der einzelnen Ämter mit Namen, Alter und Art der Bewaffnung.

Der Tünderanger, an der Landstraße vom Bahnhof nach Hameln gelegen, ist oftmals der Tummelplatz für fremde Kriegsvölker gewesen, worauf auch die vielen in der Umgebung im Laufe der Jahrhunderte stattgefundenen Schlachten, wie auch die Schlacht bei Sedemünder, am Ohrberg, bei Grohnde, am Blutbach bei Hessisch Oldendorf und endlich die Schlacht bei Hastenbeck im Siebenjährigen Krieg hinweisen. Selbst Germanicus und seine römischen Truppen sollen zu Beginn unserer Zeitrechnung auf dem Tünderanger, auf dem Bückeberg, gelagert haben. Besonders im Dreißigjährigen Krieg durchzogen fremde Truppen oftmals das Tal in Richtung Hameln und verwüsteten das Land. Während der Schlacht bei Hastenbeck hatte Tündern sehr schwer unter der Willkür fremder Besatzung zu leiden (Schilderung des Pfarrers Hobbe in der „Niedersächsischen Tageszeitung“ (NTZ) vom 17. Oktober 1940). Unter der Überschrift „Die Schäfersfrau aus Tündern“ berichtet Lehrer W. Meissel, Hameln, in seinem Buch „Geschichten und Sagen des Kreises Hameln“ vom Benehmen der Franzosen in den Tagen der Besetzung. Besonders groß wurde infolge der dauernden Requisition die Lebens- und Futtermittelnot. Dazu rissen Krankheit, Seuchen und Tod bedeutende Lücken in Tünderns Einwohnerzahl.

Erwähnt wird in einer alten Urkunde der Tünderanger als Richtstätte des Amtes Ohsen. Mancher Sünder, der im peinlichen Halsgericht seinen Kopf verwirkt hatte, ließ hier sein Leben. Und dass diese nicht wenige waren, beweisen die mittelalterlichen Gerichtsmethoden. Hier sei nur an die Hexenprozesse erinnert. In einem Ohsener Kirchenbuch sollen zwei solcher Fälle aufgezeichnet sein. Als letzter wurde 1763 auf dem Tün-

deranger ein Pferdedieb hingerichtet. Der in der Nähe des Tünderangers gelegene Feldplan „Auf dem Galgen“ bestätigt die Annahme der Richtstätte.

Die nachfolgenden Angerplätze sind historisch weniger belastet, sollen aber nicht unerwähnt bleiben, da immerhin auch eine friedliche Nutzung zu mehr Wohlstand im Dorf führte:

Der Kuh-Anger war ein gemeinsamer Weideplatz für Kühe innerhalb der Gemarkung Tünderns. Hier wurden die Kühe der Bauern zusammengetrieben und von einem Kuhhirten gehütet.

Der Schweine-Anger war ein Sammelplatz für alle Schweine aller Bauern des Dorfes. Von hier aus führte der Schweinehirt die Schweine in den nahegelegenen Hute-Wald (heute tündernsche Kiesteiche).

Ein gesunder Viehbestand war neben auskömmlichem Landbesitz der Bauern, Kötner und Kleinbauern eine notwendige Voraussetzung für angemessene Lebenshaltung. Bei nicht ausreichender Hutefläche (Hüteland) wurde der Viehbestand begrenzt.

Der Viehbestand in Tündern 1672: 44 Pferde, 19 Fohlen, 175 Kühe, 102 Rinder, 230 Schweine.

Während der Kuhanger als Fläche im Zuge der Flurbereinigung an die einzelnen Berechtigten aufgeteilt wurde, ist der Schweine-Anger nicht aufgeteilt worden, sondern befindet sich bis heute in Gemeindebesitz und wird auch heute noch von der Allgemeinheit genutzt. Bei größeren Veranstaltungen im Dorf als Festplatz. Darüber hinaus dient er als „Sammelplatz“ für alle möglichen Gegebenheiten, wie etwa Sammelplatz für Altpapier, Weihnachtsbäume und ähnliche der Allgemeinheit dienliche Notwendigkeiten etwas zu sammeln.




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