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Vereinssprecher Matthias Hinse redet über zehn Jahre „Wir für soziale Gerechtigkeit“

„Oft sieht man die Armut gar nicht“

Lindhorst. Im März 2005 wurde mit einem Solidaritätslauf der Grundstein für die Initiative „Wir für soziale Gerechtigkeit“ gelegt. Zehn Jahre später ist daraus ein gemeinnütziger Verein geworden, der sich vor allem dem Thema Kinderarmut in der Samtgemeinde Lindhorst angenommen hat. Vereinssprecher Matthias Hinse spricht im SN-Interview über Ziele und Erfolge des kleinen Vereins.

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Zehn Jahre „Wir für soziale Gerechtigkeit“ in Lindhorst: Ein Grund zur Freude?

Für die, denen wir helfen, ist es ein Grund zur Freude. Auf der anderen Seite: Wenn alles toll laufen würde, müsste es uns ja nicht geben. Also andersrum: Scheiße, dass es uns geben muss.

Was war der Anstoß für die Gründung des Vereins?

Es war zu der Zeit, als hier Otis und Kabel Metall zugemacht haben. Da waren in der Nachbarschaft viele auf einen Schlag arbeitslos, und die ganze Familie geriet in Not. Als Gewerkschaftler bei Volkswagen in Hannover wollte ich irgendetwas tun. Da ich selbst gerne laufe, kam mir die Idee eines Solidaritätslaufes. Und dann kam alles ins Rollen.

Wie ging es dann weiter?

Beim Soli-Lauf haben wir einen ganzen Schwung Geld eingenommen und uns gefragt: Was machen wir jetzt damit? Zusammen mit der Grundschule entstand die Idee, einen Schulfonds für bedürftige Kinder einzurichten. So haben wir uns dann konkret mit dem Thema auseinandergesetzt. Kinderarmut, was bedeutet das eigentlich?

Manch einer denkt vielleicht: Kinderarmut, das gibt’s doch in Lindhorst gar nicht.

Absolute Armut wie in der Dritten Welt nicht. Relative Armut aber schon, nur die sieht man oft gar nicht. Erst mit der Zeit kriegt man dafür ein Auge, welchen Kindern es schlecht geht. Ist ein Schüler der Witterung entsprechend angezogen? Kann sich jemand die Klassenfahrt nicht leisten, und sind die Bauchschmerzen nur vorgetäuscht? An all solchen Dingen sieht man schnell, wo Armut ist.

Unterstützung von Klassenfahrten, sollten solche Dinge nicht die Kommunen leisten?

Oft gibt es da Unklarheiten über die Zuständigkeiten. Und uns geht es in erster Linie eben nicht um Zuständigkeiten, sondern darum, dass es aktuell offenbar ein Problem gibt. Wir reagieren dann so schnell wie möglich. Auf solche Möglichkeiten wie das Bildungspaket gucken wir aber auch.

Wie hat sich der Bedarf an Unterstützung entwickelt?

Die Nachfrage an Hilfen ist so groß geworden, dass ich das schon fast hauptberuflich machen könnte. Anfragen kommen mittlerweile nicht nur von der Grundschule, sondern auch von der Oberschule und dem Kindergarten.

Wofür haben sie besonders stark kämpfen müssen?

Vor sieben Jahren waren wir mal bei der Kinderkommission zu Besuch. Da haben wir uns gedacht: Das könnten wir in Niedersachsen und in der Samtgemeinde auch gebrauchen. Jahrelang haben wir dann beim Landtag genervt, und jetzt soll die Kiko tatsächlich umgesetzt werden.

Was ist aus der Idee geworden, einen Jugendtreff in Lindhorst zu gründen?

Der steht immer noch auf unserer Liste. Aber bei vielen Politikern ist der Jugendtreff auf der Prioritätenliste ganz unten angesiedelt. Das ist ein dickes Brett, aber bei der Kinderkommission mussten wir ja auch sieben Jahre dran bleiben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Da kommen wir wieder zur Ausgangsfrage: dass es uns irgendwann nicht mehr geben muss.

Interview: Kirsten Elschner



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