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Verzweifelter Mitarbeiter äußert sich anonym

Offener Brief an Klinik-Chef in voller Länge

Im neuen Agaplesion-Klinikum Schaumburg rumort es gewaltig. Viele Mitarbeiter klagen über einen "Personalnotstand" (wir berichteten). Die Geschäftsführung betonte bisher immer, "alle Planstellen sind besetzt." Nun kursiert unter den Mitarbeitern ein anonymer Brief eines verzweifelten Pflegers. Er liegt der SZ/LZ vor, die ihn hier ungekürzt veröffentlicht.

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Autor

Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
Der anonyme offene Brief im Originalwortlaut: 

"Sehr geehrter Herr Dr. Rogge,

sehr geehrter Herr Gaartz,

 

ich möchte Sie bitten, dieses Schreiben mit Ernsthaftigkeit und Interesse zu lesen. 

Auch wenn Sie meiner Bitte aller Voraussicht nach nicht nachkommen werden, möchte ich Sie bitten, auf jeder Station einmal mitzuarbeiten, um den tatsächlichen Arbeitsalltag mit all ihren Facetten zu erleben. Sie haben keine Vorstellung von alledem, was wir auf den Stationen mit 4 Examinierten und 1 Schülerin (oder sogar nur 3 Examinierten und 1 Schülerin) bewältigen müssen. Nicht zu vergessen die Nachtwachen, die alleine für 36 bzw. 2 Nachtwachen für 70 bis 72 Patienten zuständig sind.

Wie Sie wissen sollten, arbeiten wir mit kranken bis schwerkranken Menschen. Ihrer Meinung nach ist ja das vorhandene Personal ausreichend. Dass wir Bedienstete körperlich und psychisch allerdings an unsere Grenzen kommen, scheint Sie - laut öffentlichen Bekundungen - nicht zu interessieren. Ihre Sichtweise ist offensichtlich eine andere. Doch scheinen Sie zu vergessen, dass Sie die Verantwortung als Führungsperson für unser Unternehmen übernehmen. Ihrer Vorstellung nach ist ein ausreichendes Betreuen kranker Menschen (optimale Arbeitsbedingungen?) mit 4-5 Mitarbeitern auf 36-40 Patienten angemessen. 

Derzeit haben ca. 30 Mitarbeiter gekündigt (es werden bestimmt noch mehr, wenn sich nicht bald was ändert). Diese werden sicherlich irgendwann ersetzt, jedoch steigt die Mitarbeiterzahl auf den Stationen nicht.

Sie scheinen nicht im Ansatz zu wissen, welche Arbeit in welcher Zeit zu leisten sein muss! Daher wäre es wünschenswert, wenn Sie sich PRAKTISCH selbst ein Bild von dem derzeitigen Zustand machen würden und aktiv mitarbeiten!

Sollten Sie und Herr Gaartz dann immer noch der Meinung sein, dass mit aktueller Besetzung alles "spielend" zu bewältigen ist, müssen wir wohl an unseren bisherigen Kompetenzen/Umsetzungen zweifeln, diese infrage stellen und überlegen, ob wir diesen Beruf weiter ausüben können/sollten! Bisher waren wir jedoch der festen Überzeugung, dass wir uns sehr gut organisieren und planen können. 

Noch einmal möchte ich mit Ausdruck klar machen, dass wir einen Beruf ausüben und Mitarbeiter sind, die es mit kranken Menschen (und keinem Blatt Papier) zu tun haben! Diese Menschen (jeder von uns könnte an ihrer Stelle sein) benötigen unsere volle Aufmerksamkeit, Hilfe, Betreuung und Beobachtung! Fakt ist: mit vorhandenem Personal fehlt uns dafür die Zeit!

Wie Sie wissen sollten, gestaltet sich die Versorgung eines Patienten von Station zu Station unterschiedlich.

Hier nun ein paar Details (nicht im Ansatz alle)

  • Vitalzeichen messen
  • waschen, anziehen, mobilisieren, BDK entleeren
  • Medikamente verabreichen
  • Infusionen anhängen
  • Essen verteilen und anreichen
  • zur Toilette begleiten / Schieber oder Toilettenstuhl
  • Verordnungen, Verbände, Versorgung von großen offenen Wunden, die mit zwei Pflegepersonen verrichtet werden müssen; Inhalationen; Einreibungen usw.)
  • Visite begleiten, Ausarbeitung
  • das Klingeln nicht vergessen
  • Wünsche von Patienten erfüllen (wenn es überhaupt möglich ist)
  • Dokumentieren
  • zu zweit(!) Tabletten stellen
  • ... und dann noch möglichst viele PKMS - Fälle, die zu zweit versorgt werden müssen, damit diese für Sie viel Geld einbringen
  • demente Patienten, die eine besondere Aufmerksamkeit benötigen, da folgende Beispiele keine Seltenheit sind: "Blutbad" aufgrund Herausziehen der Kanülen, Fliesen mit Kot beschmieren, in den Mülleimer urinieren, von der Station weglaufen...
  • etc  

Ja, mir ist bewusst, dass all das zu unserem Aufgabengebiet gehört und meinen/unseren Beruf ausmachen. Jedoch unter anderen Bedingungen! Für all das Jetzige habe ich diesen Beruf nicht gewählt. Gedankliche Simulation: ein Angehöriger von Ihnen wird auf einer der Stationen "abgefertigt".
Würden Sie das auch so hinnehmen? "Es dann eben, wie es ist"? Ich glaube nicht...! Vor der Zusammenführung und Übernahme durch "Agaplesion" war eine angemessene Betreuung der Patienten gewährleistet (weniger Patienten und mehr Personal) Jetzt nicht mehr!

Wir kommen alle an unsere Grenzen!

Sie sehen es anhand der Kündigungen und Krankmeldungen! Welchen Beweis benötigen Sie noch? Keine Pausen - "Essen und Trinken wird überbewertet" - Einspringen für Krankmeldungen usw... Schauen Sie sich Ihre Mitarbeiter doch mal genau ? (nicht wegschauen) an. Wie viele von ihnen sind einem Burn-out nahe? Ist es das, was Sie wollen? Das kann doch nicht das Leitbild von "Agaplesion“  sein?! Soweit uns bekannt ist, verläuft es in anderen Kliniken von "Agaplesion" besser. Woran mag es dann hier nur liegen? (rhetorische Frage). Folgender Satz ist nicht unbekannt: Wenn Menschen überfordert sind, machen sie Fehler! Hinzukommend hinterfrage ich gerade "Gesundheitsmanagement". Die Definition ist schnell zu ergoogeln ... die Praxis sieht anders aus!

"Gesundheitsmanagement ist die planvolle Organisation mehr oder weniger komplexer gesellschafts- und sozialpolitischer Maßnahmen und Institutionen zum Zweck der Erhaltung und zur Förderung der Gesundheit der Bevölkerung.

Qualifikationen: Die Kernkompetenzen beziehen sich erstens auf die Analyse historischer, soziologischer und volkswirtschaftlicher Dimensionen der Gesundheitssicherung. Hierbei gewinnt die Soziale Sicherheit, einschließlich der Konflikte in diesem System, eine große Bedeutung. Weitere Kernkompetenzen beinhalten zweitens die soziale Fähigkeit, sich in den Interessen- und Problemlagen gesundheitsbezogener Dienstleistungen auszukennen. Denn die Begründung und Bewertung von Zukunftsoptionen für die systemische und wirtschaftliche Gestaltung der Gesundheitsdienstleistungen ist eine wichtige Zielrichtung.  Neben den Kernkompetenzen werden weitere Fertigkeiten aufgezeigt 

1. konzeptionelle und organisatorische Fertigkeiten

2. soziale Kompetenz bei der Führung personaler Dienstleistungen

3. Beherrschung personal- und betriebswirtschaftlicher Prozesse

4. Kenntnis der Rechtsgrundlagen"

Egal was bei dieser theoretischen Suchoption gefunden wird, es entspricht nicht der Praxis! Damit Sie nachvollziehen können, wo es "hakt", wäre eine Arbeit an der Basis von Vorteil (von Ihnen!). Erst dann ist eine Beurteilung/Einschätzung möglich! Was "ausreichend" bedeutet, muss ich nicht definieren ... Das reicht unserer Meinung nach im Gesundheitswesen jedoch nicht aus.  Zeigen Sie uns doch, wie die WIRKLICHKEIT der momentanen Situation zu bewältigen ist, damit wir von Ihnen lernen können!"

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