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Vor 50 Jahren wurde die letzte einer ganzen Reihe von Kalkbrennereien in der Region stillgelegt

Ofen aus

Er war der Letzte. Vor 50 Jahren, Anfang des Jahres 1964, dampfte in einer Kette von ehemals einem Dutzend Kalköfen zwischen Luhden und Nettelstedt Timmerbergs Kalkofen am Nammer Berge das letzte Mal, danach wurde er nicht mehr mit Kalkgestein und Koks beschickt. Er wurde abgebrochen, nachdem der Status des Industriedenkmals aufgegeben worden war. Der Kalkofen ohne Betrieb hatte sich in fünf Jahrzehnten in seiner Bausubstanz praktisch selbst zerstört.

Autor:

Kurt Römming

Alle anderen Kalkbrennereien am Nordhang von Weser- und Wiehengebirge waren schon früher stillgelegt worden. Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt starb damals ein Gewerbezweig aus, der eineinhalb Jahrhunderte lang das Leben vieler Einwohner in den Bergdörfern an den Nordhängen der Weserberge zwischen der schaumburg-lippischen Westgrenze und dem Westen des Mühlenkreises Minden-Lübbecke wesentlich geprägt hatte und vielen Familien Brot und Arbeit gab.

Während der Kalkofen Timmerberg, als Industriedenkmal von öffentlicher Hand gefördert, Mitte der neunziger Jahre noch einmal aufwändig saniert und Besuchern zugänglich gemacht wurde, ließ Kalkbrenner Heinrich Kohlmeier seinen optisch beeindruckenden Ofen im Nammer Westen 1971 abreißen. Die dicken Gemäuer des bulligen Doppelschachtofens verschwanden in Neesen in der Auffahrt der Südbrücke (B 65).

Bereits Friedrich der Große (1746-1786) hatte den Wert des gebrannten „blauen Steines“ zu Baukalk und Landkalk für die Düngung erkannt und gefördert. In ihrer Blütezeit „rauchten“ im heimischen Raum in Luhden eine Kalkbrennerei, in Kleinenbremen drei, in Nammen zwei, die beide schon vorher in Lerbeck bestanden hatten , in der Porta, in Häverstädt, in Dützen, in Oberlübbe-Elfte und in Nettelstedt je eine Kalkbrennerei.

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Am 26. Januar 1867 beantragte Friedrich Römming, Ururgroßonkel des Verfassers, über das Amt Dützen beim „Königlichen Landrathsamt in Minden“ die Errichtung eines Kalkofens auf seinem Grund und Boden, die kurzfristig erteilt wurde. Der Bau der Mindener Festungsanlagen und der Cöln-Mindener Eisenbahn hatte Jahrzehnte vorher die Nachfrage nach Baukalk in die Höhe schießen lassen und brachten viele Arbeitsplätze.

Die beiden Lerbecker Kalkbrennereien (Steffen-Timmerberg hatte sich 1835 gegründet), die wegen Materialmangels aufgeben mussten, siedelten nach Nammen über und brachen seit der Zeit vor 1900 unter den Kalkbrennern Heinrich Timmerberg und Heinrich Kohlmeier vom Nammer Osten in Richtung Westen in einem halben Dutzend Steinbrüchen Kalkgestein. Heinrich Timmerberg, der über Jahrzehnte seinen Kalk mit dem Pferdegespann bis weit in den Mindener Nordkreis und nach Schaumburg-Lippe auslieferte, hat der Nachwelt viele amüsante Dönekes hinterlassen, die auf der Plattdeutsch-Seite von „Porta extra“ immer wieder ihre Leser erfreuen.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg erfolgte die Stilllegung des Kuhlmann’schen Kalkofens in Luhden, später mussten auch die Besitzer Bekemeier und Harting in Kleinenbremen wegen Materialmangels oder aus Rentabilitätsgründen den Betrieb einstellen. Die Versiegung des „blauen Steins“, manchmal auch die Weigerung des Nachbarn auf Erweiterung des Betriesgeländes Richtung seines Grund und Bodens, zwangen bis 1950 weitere Unternehmer in den verschiedenen heimischen Dörfern zur Aufgabe des Gewerbes. Zuletzt bestanden aus der einst geschlossenen Kette der Kalkbrennereien entlang des Weser- und Wiehengebirges nur noch die beiden Betriebe in Nammen. Bald nach 1960 mussten auch ihre Besitzer den veränderten Verhältnissen Tribut zollen. Nach 100 Jahren rauchte auch hier kein Kalkofen mehr.

Vor allem lagen die Gründe für das Aussterben dieses einst heimischen Gewerbezweiges darin, dass die Betriebskosten bei den hiesigen Unternehmern gegenüber der Konkurrenz entlang des Teutoburger Waldes und im rheinisch-westfälischen Abbaugebiet zu hoch und die Betriebe schließlich nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Im Gegensatz zu günstigeren Abbaugebieten musste man an den Weserbergen erst meterhohe Abraumschichten freilegen, um an den Kalkstein zu gelangen. Außerdem wurde hier ein sehr harter Stein gefördert, der aber nur 70 Prozent Kalkgehalt aufwies. Im Beckumer Raum dagegen waren es 90 Prozent. Das Mischverhältnis des Gesteins zum Koks, mit dem gebrannt wurde, sprach mit 4:1 gegenüber 6:1 bei der Konkurrenz ebenfalls gegen eine gute Rendite.

Geologisch interessant ist, dass man nur an den Nordhängen der Weserberge Kalkstein findet, nicht aber an den Südhängen. In der Anfangszeit der Brennerei fuhr man das Gestein mit pferdebespannten kleinen Loren, manchmal sogar mit Schiebkarren, zum Ofen. Steingabeln waren noch nicht bekannt. Erst nach 1900 begann die Sprengung des Felsens mit Dynamit. Bis dahin wurde Schwarzpulver verwendet.

Um 1930 kamen die ersten Kalkmühlen auf. Der Kunde brauchte jetzt keinen Stückkalk für seinen Baumörtel mehr einzulöschen. Gemahlener Kalk bedeutete auch für die Landwirtschaft eine erhebliche Erleichterung und konnte ohne Vorarbeit als Düngemittel direkt eingesetzt werden. Dem Gewerbe brachte die Entwicklung einen erheblichen Geschäftsaufschwung. Zu dieser Zeit baute in Bergkirchen ein Unternehmer Kalkgestein im Untertagebau ab. Der erste Versuch dieser Art war schon bald zum Scheitern verurteilt. Der Betrieb ging wieder ein.

Während des Zweiten Weltkrieges, als sowohl der benötigte Koks als auch das Endprodukt Kalk unter die Bewirtschaftung fielen, hatte man wegen der knappen Zuteilung des Brennstoffs wie auch der Papiertüten für die Abfüllung mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen. 20 Jahre später ergaben sich Probleme anderer Art. Der Absatz florierte, aber die auswärtigen Großproduzenten bestimmten den hier unrentablen Preis. Hinzu kam der Arbeitskräftemangel in der Wirtschaftswunderzeit.

In ihren besten Jahren beschäftigten die beiden Nammer Kalkbrennereien jeweils etwa ein Dutzend Arbeitskräfte. Als die Entwicklung in ihren Auswirkungen nicht mehr tragbar war, stellte nach 1960 Heinrich Kohlmeier den Betrieb ein. Genau ein halbes Jahrhundert ist es in diesem Jahr her, dass auch aus Timmerbergs Kalkofen kein Rauch mehr aufstieg.

Heinrich Kohlmeiers Doppelschachtofen wurde im Jahr 1971 abgerissen. Die Gemäuer landeten in Neesen in der Auffahrt zur Südbrücke (B 65).

Herzstück der Kalkbrennerei Kohlmeier im „Strahn“ war der bullige, aber optisch sehr ansprechende Doppelschachtofen. Kohlmeiers Vorgängeröfen standen bereits an der Sudenburg und an der Kalkstraße in Nammen.




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