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Wozu NS-Sippen- und Rassenämter Pastoren und Pädagogen bei ihren Nachforschungen brauchten

Nur mit „Ariernachweis“

Ahnenforschung – was heute als Hobby betrieben wird, war vor 75 Jahren staatlich verordneter Zwang. Wer im „Dritten Reich“ keinen „artgerechten“ Abstammungsnachweis vorlegen konnte, verlor Job, Freiheit und oft sogar das Leben.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Als Rechtfertigung diente den NS-Ideologen die seit Ende des 19. Jahrhunderts von Wissenschaftlern verbreitete These, dass es wertvolle und weniger nützliche Menschenrassen gebe. Die besten Gene trügen die indogermanischen Völker Nord- und Mitteleuropas in sich. Dank ihres „arischen“ Geblüts seien sie besonders begabt, edel und zu Höherem bestimmt. Andere, darunter Juden und Zigeuner, waren nach Darstellung der Anthropologen deutlich schlechter ausgestattet. Der Unterschied sei naturbedingt und könne weder durch gute Erziehung noch durch andere positive Einflüsse korrigiert werden.

Die neue Erb- und Rassenlehre stieß auf großes Interesse. Die Zeitungen aus der Zeit nach der Jahrhundertwende sind voll von Berichten über die blonden und groß gewachsenen germanischen Vorfahren. Die heimischen Geschichtskundler wurden nicht müde, die einst hierzulande lebenden Cherusker und Sachsen zu preisen sowie Mut und Entschlossenheit von deren Anführern Arminius und Widukind zu feiern. Schließlich hatten andere Regionen nichts oder nur wenig Vergleichbares vorzuweisen.

Für zusätzlichen Stolz sorgte das Bewusstsein, eine gehörige Portion friesischen Normannenbluts in den Adern zu haben. Den historischen Zusammenhang hatte man aus alten Chroniken erfahren. Danach sollten die Schaumburger Grafen einem alten, in der Küstenregion bei Bremen ansässigen Häuptlingsgeschlecht entsprossen sein. Bei ihrem Standortwechsel an die Mittelweser hätten die Edelinge auch ihre Gefolgsleute mitgebracht, sodass „die Sachsen und Friesen fast in ein Volck gestellet und sich vermischtet“ (s. Quellenhinweis).

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Was über Jahrzehnte hinweg nur die Fantasie von Wissenschaftlern und Heimatkundlern beflügelt hatte, wurde vom Hitler-Regime sofort nach der „Machtergreifung“ in politisches Handeln umgesetzt. Schon lange vor 1933 hatten die NSDAP-Ideologen klargemacht, wie sie die Rassenfrage zu lösen gedachten, nämlich „durch rigorose Beseitigung des artfremden Bluts aus dem deutschen Volkskörper“. Als Erste wurden Beamte, Ärzte und Rechtsanwälte durchgecheckt. Wer seinen Beruf weiter ausüben wollte, musste einen sogenannten „Ariernachweis“ vorlegen – eine Auflage, die zwei Jahre später auf alle „Reichszugehörigen“ ausgedehnt wurde. Im Normalfall genügte ein Reinrassigkeits-Beleg bis zur Großeltern-Generation.

NSDAP-Mitglieder, Hochschulabsolventen und Erbhofbauern mussten ihre unbefleckte Herkunft bis ins Jahr 1800 beweisen.

Die neuen Arier-Paragrafen setzten eine gewaltige, immer unübersichtlicher werdende Verwaltungsmaschinerie in Gang. Zum zunehmenden Durcheinander trug nicht zuletzt die Vielzahl von Zuständigkeiten und Verfahrensregelungen bei. Umsetzung, Überwachung und Weiterentwicklung der Vorgaben war einem unter dem Dach des Reichsinnenministeriums eingerichteten, später in „Reichssippenamt“ umgetauften „Reichsstelle für Sippenforschung“ übertragen worden. Um die Regelung der Angelegenheiten der Parteigenossen kümmerte sich ein NSDAP-eigenes „Amt für Sippenforschung“. Und die Klärung der „rassehygienischen“ Fragen war Sache eines speziellen, 1933 vom NS-Ärztebund ins Leben gerufenen „Aufklärungsamts für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege“ (seit 1934 „Rassenpolitisches Amt“) – jene Stelle, unter deren Federführung in den 1940er Jahren die Tötung „unwerten Lebens“ organisiert wurde.

Viel Ärger und Durcheinander gab es auch bei der Zusammenarbeit mit den Kirchen. Deren Archive wurden zur Bescheinigung von Geburts-, Tauf- und/oder Heiratsdaten gebraucht. Etliche heimische Pastoren und Pfarrämter ließen sich bei Suche und Herausgabe der angeforderten Angaben sehr viel Zeit – in etlichen Fällen offenbar ganz bewusst und nicht nur aus Zeitnot. Die im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Akten sind voll von Auseinandersetzungen und Verdächtigungen.

Um die widerspenstigen Geistlichen und die Kirchenorganisationen insgesamt auf Linie zu bringen, wurde eine „Arbeitsgemeinschaft für Sippenforschung und Sippenpflege“ ins Leben gerufen. Ziel der von der NS-Bauernorganisation Reichsnährstand und dem NS-Lehrerbund getragenen Initiative war es, die Auswertung der Kirchenbücher durch „Mithilfe“ geeigneter Laien zu beschleunigen. Mittelfristig sollten auf diese Weise sämtliche Kirchenarchive des Reichs zusammengeführt und „verkartet“ werden. Bei der Erledigung dieser Aufgabe waren – nicht immer zur Freude der örtlichen Pfarrer – auch etliche heimische Pädagogen im Einsatz.

Die staatlichen Zielvorgaben in Sachen Rasse und Blutschutz brachten nicht nur die Sippenkundler auf Touren, sondern beflügelten auch andere Bereiche der Heimatforschung. Dabei rückte unter anderem die Frage nach Herkunft und Bedeutung charakteristischer Familiennamen in den Blickpunkt. Dazu zählten (und zählen) hierzulande vor allem die „ing-Namen“. Sie gelten als sehr alt und kommen in Schaumburg besonders häufig vor. Genauer gesagt: so viele Apkings, Ebelings, Everdings, Hansings, Harmenings, Hartings, Kastnings, Kordings, Menschings, Thielkings, Völkenings, Wilkenings und Wöbkingswie hierzulande gab und gibt es nirgendwo anders.

Bei der Erforschung des hierzulande ebenfalls weitverbreiteten Namens Steding kam heraus, dass es eine weitere auffällige Häufung an der Unterweser gab – also in den vermeintlichen oder tatsächlichen friesischen Stammlanden der Schaumburger Grafen. Mehr noch: Die an der Küste ansässigen „Stedinger“ genossen wegen ihrer mittelalterlichen Freiheitskämpfe gegen Bischöfe und Fürsten eine Art Heldenstatus.

Nach längerer Vorbereitung ging am 18. Juni 1938 in Welsede (heute Hessisch Oldendorf) ein Sippentag der mittlerweile weit verzweigt lebenden Stedinger-Nachfahren über die Bühne. Der Kreisamtsleiter des Rassenpolitisches Amtes, Pg. Hassenpflug, sprach über Sinn und Zweck der Sippenkunde. Nur der werde sich verantwortlich fühlen gegen die kommenden Geschlechter, der die Vorfahren kenne und ehre. „Unser Volk muß wieder den natürlichen Sinn für Rasse und Familie in sich aufnehmen“.

Quellenhinweis: Wer mehr über die Chronik des Dominikanermönchs Hermann von Lerbeck (ca. 1345 bis 1410) wissen möchte, dem sei der Aufsatz über „Herkunft und Anfänge der Grafen von Schaumburg“, abgedruckt in dem vor zwei Jahren veröffentlichten Buch „Schaumburg im Mittelalter“ (Schaumburger Studien Band 70-2013) empfohlen.

Ein Kalender des Reichssippenamtes zeigte 1938 das „Neue Volk“ (l.). Juden wurden gern und oft als Verführer argloser arischer Jungfrauen und – so wie hier auf einer Bilderbuch-Illustration – als widerwärtige Kinderschänder dargestellt (r.).



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