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Nur Eisfischen ist verboten – zu gefährlich

Im Sommer sieht man sie eigentlich immer irgendwo am Weserufer, die gemütlichen Angler, wie sie sich ein kleines Lager eingerichtet haben und geduldig die Angel ins Wasser halten. Auch an den Kiesseen sind sie für Spaziergänger ein vertrautes Bild. Meistens schleicht man sich an ihnen vorbei, weil man Angler ja nicht ansprechen soll: Zu viel Unruhe am Ufer vertreibt die Fische, heißt es (was so gar nicht stimmt). Was aber machen die Angelfreunde im Winter? Hat man da überhaupt die Chance, einen Fang zu machen?

Sogenannte Pinkys – die Larven der Goldfliege, mit denen die Angler die Fische zu ködern versuchen.

Autor:

Cornelia Kurth

„Klar, natürlich, durchaus“, sagen da alte Anglerhasen wie Karl Tiedermann, der Vorsitzende des Fischereivereins in Rinteln, oder Wilhelm Wehrhahn aus dem Vorstand vom Sportfischerverein Hameln. Aber man hört doch heraus, dass die Sache nicht ganz einfach sein würde. Im eiskalten Weserwasser schwimmen die Fische nur träge umher. Ihr Stoffwechsel ist heruntergeschraubt, ihr Nahrungsbedarf daher gering, und man muss schon viel Glück und Geschick haben, um sie an ihren bevorzugten Stellen – dort, wo das Wasser möglichst ruhig steht – aufzuspüren und mit Made oder Regenwurm anzulocken.

„Nach dem Krieg, ja, da haben wir selbstverständlich auch im Winter geangelt. Wir brauchten was zu essen und was zum Tauschen“, erzählt Wilhelm Wehrhahn, der damals zwölf Jahre alt war und mit der Angelei dazu beitrug, dass es seiner Familie in der schweren Zeit besser ging. „Plötzen, Brassen und die jetzt sehr seltene Zährte, die konnte man immer fangen, weil sie nicht in Winterruhestellung gehen. Und auf den überschwemmten Wiesen, da, wo unter dem Wasser Grasbewuchs war, da hatten wir fein raus, wie wir die Fische kriegten, die sich aus dem starken Strom zurückzogen.“

Wenn das Wasser ansteigt, so hoch, wie es auch jetzt gerade der Fall ist, und der Fluss voller besonders kaltem Schmelzwasser ist, dann allerdings werden die Fische „maulig“. Die wechselwarmen Tiere benötigen in solchen Zeiten nur ein Zehntel an Nahrung, sie trudeln in kleinen Rudeln nahe am Boden umher und man sieht sie auch nicht im verschlammten Wasser. Nur echten Könnern gelingt es, sie an stilleren Stellen mit winzigen Maden und etwas Sägemehlstreu neugierig zu machen und an den Haken zu holen.

Sascha Kluck zählt zu den Anglern, die sich vom Winter nicht davon abhalten lassen, fischen zu gehen – wie hier an der Wes
  • Sascha Kluck zählt zu den Anglern, die sich vom Winter nicht davon abhalten lassen, fischen zu gehen – wie hier an der Weser in Rinteln. Fotos: cok

„Früher habe ich immer auch im Winter geangelt“, sagt Karl Tiedermann. „Aber das tue ich mir schon seit 20 Jahren nicht mehr an!“ Die Kälte, matschige Ufer, an denen man leicht abrutschen kann und die Aussicht, dass man vielleicht ganz ohne Fang nach Hause kommt – „nee, muss nicht sein“. „Die Weser führt ja auch viel weniger Fisch als vor Jahrzehnten“, meint er. „Dabei ist sie noch ein relativ sauberes Gewässer. Ob Sommer oder Winter, es ist kein Vergleich mehr zu den alten Zeiten.“

Trotzdem steht er gerade an der hoch und schnell vorüberschießenden Weser, im stillgelegten Kreishafen, auf der lang gestreckten Landspitze, die man über das Grundstück des Fischereivereines erreicht. Tage zuvor hatte er im Verein herumgefragt, wer wohl – Winter hin oder her – eine kleine Angeltour unternehmen und Barsch, Rotauge oder Rotfeder jagen würde. Sämtliche erfahrenen Weserfischer hatten lächelnd abgelehnt. Aber Sascha Kluck und seine Frau Doris sagten zu, ein junges Paar aus Rinteln, das seit drei Jahren mit aller Leidenschaft der Angelei zugetan ist.

Gut gelaunt stapfen die beiden in Gummistiefeln über das nasse Gras bis ans Weserufer heran. Es ist ein unglaublich schöner Samstagvormittag. Die Sonne glitzert auf dem Wasser, Enten lassen sich den Fluss heruntertreiben, fliegen wieder aufwärts und treiben erneut herab. Wie still es ist hier am alten Hafen, wo zwischen Landzunge und Hafenmauer das Wasser ruhiger steht. „Sieh da, ein Haubentaucher“, sagt Doris Kluck. „Und er taucht. Das bedeutet, dass er was zu fressen findet.“

Gelassen holen sie ihre Angeln hervor und öffnen eine kleine Schachtel voller Pinkys, den winzigen, weißen Maden, die man nur mit Feingefühl an den Haken anbringen kann. Heute wird mit „Pose“ geangelt, mit einer Art bunten Boje, die unter Wasser gezogen wird, sollte ein Fisch anbeißen. Große Fangchancen rechnen sich auch die beiden nicht aus, aber was soll’s: „Man geht ja immer so los: Fängt man was? Fängt man nichts?“, sagt Doris. „Ich angle auch im Winter gern. Es ist nie verlorene Zeit, es ist immer nur schön, so in der Natur zu stehen, dazuzugehören, auch am Morgen, wenn der Nebel hochsteigt, oder wenn die Eisvögel sich laut beschweren, dass wir in ihr Revier eindringen.“

Auch Sascha Kluck wirkt einfach glücklich, selbst als schon über eine Stunde vergangen ist und höchstens vorbeitreibende Wasserpflanzen die Pose mal zum Zucken brachten. Karl Tiedermann, der auf einen Sprung vorbeikommt, kann sich ein grinsendes „Na, noch nichts im Eimer!?“ nicht verkneifen. Da lacht Sascha nur: „Es wäre ja gar nicht gut, wenn wir jeden Tag mit fetter Beute heimkämen. Die Jagd muss doch spannend bleiben!“ Er zieht die Schnur raus und guckt nach, ob die Pinkys noch leben. Die Fische werden durch den Geruch des Köders angelockt, und die richtige Duftnote hat der nur, wenn die Pinkys nicht schon tot und kalt herunterhängen.

Seltsam, dass es Spaß macht, die kleine bunte Pose zu beobachten, auch wenn jetzt selbst ein Laie ahnt, dass es wohl nichts werden wird mit Rotauge oder Plötze an der Angel. Leise surrt die Angelschnur, wenn sie eingeholt und wieder ausgeworfen wird. Wohlwollend betrachtet Karl Tiedermann dabei das Hightech-Rüstzeug des Anglerpärchens. „Wenn ich an meine erste Angel denke“, sagt er. „Das war ein Haselstock, auf den ich, damit er biegsamer reagiert, eine Speiche vom Regenschirm montiert hatte. Die Schnur? Ein Bindfaden! Und für den Haken nahm ich einfach eine umgebogene Stecknadel.“

Da hatte es der Hamelner Wilhelm Wehrhahn damals leichter. Nach dem Krieg gab es in der Stadt zwei Geschäfte für Anglerbedarf, und da er und sein Großvater so gute Kunden waren, bekamen sie dort die raren Haken und Posen. „Eigentlich ist es Wahnsinn, dass man heutzutage viele tausend Euro ausgibt für die Ausrüstung“, sagt er. „Aber die Zeiten, dass man an einem Tag auch mit viel einfacherem Rüstzeug 40 oder 50 Pfund Fisch aus der Weser holen konnte, die sind einfach vorbei.“ Und dann kommt er auf sein liebstes Hass-Thema zu sprechen, das auch Karl Tiedermann jederzeit auf der Zunge liegt: den Vogel Kormoran, der sich hauptsächlich von Fisch ernährt.

Dieser alte Streit zwischen Naturschutz und Anglerglück. Die Kormorane, fast ausgerottet, bevor sie auf die „Rote Liste gefährdeter Arten“ gesetzt wurden, haben sich in ihren Beständen so gut erholt, dass sie den Fischern immer nur ein Ärgernis sind. Wenn es nach ihnen ginge, dann dürften die Kormorane wieder abgeschossen werden, so große Konkurrenz sind sie geworden.

„An der Aue, der Exter und natürlich an den Fischteichen räubern sie ungehindert“, so Tiedermann, „aber man darf ja nichts sagen.“ Wilhelm Wehrhahn sieht das ähnlich: „Wir Angelfischer freuen uns geradezu über das Eis auf den Teichen – dann kommen die Kormorane nicht an die Fische ran!“

Eisfischen – ja, auch das ist im Winter ein Thema. Wehrhahn und Tiedermann haben in ihrem Leben genug Erfahrung damit gesammelt, wie man den Schnee vom Eis entfernt, den Eisbohrer ansetzt, um ein 30 Zentimeter breites Loch zu bohren und dann mit ganz feinem Geschirr darauf hofft, dass sich neugierige Fische von dem unerwarteten Licht und den ins Wasser gestreuten Maden anlocken lassen. Um nicht allzu sehr zu frieren, trug Wehrhahn immer eine Lammfellunterhose und an den Füßen dicke Filzstiefel. Sascha und Doris können da nicht mitreden. Im Rintelner Fischereiverein ist das Eisangeln als zu gefährlich eingestuft worden und schon lange verboten.

Die beiden sind immer noch wohlgemut. Tatkräftig packen sie ihr Zeug zusammen und stapfen über die matschige Landzunge zurück bis in den Hafen, wo sie es noch einmal direkt an der Kaimauer versuchen wollen, dort, wo sich auch die ganze Zeit der Haubentaucher herumtreibt. „Mich packt jetzt doch der Ehrgeiz!“, meint Doris Kluck.

Ihr Mann hat unterwegs einen Regenwurm gefunden, den er in zwei Teile teilt – für jeden eine Hälfte. „Irgendwie hat man beim Angeln immer was zu tun“, sagt er. „Als wir damit anfingen, dachten wir, wir würden nun die großen, persönlichen Gespräche führen. Aber nein – es gibt Anglertage, da reden wir keine fünf Sätze miteinander.“

Wenn die beiden ehrlich sind, dann ist es genau das, was sie am Angeln so lieben: diesen Abstand vom Alltag, in dem Doris bei der Arbeit auf der Intensivstation ist und Sascha im Lärm seiner Tischlerei steht.

Fast drei Stunden sind jetzt vergangen an diesem sonnig-kalten Vormittag. „Man findet ja kein Ende!“, sagt Doris. „Das ist immer so!“ Läge nicht ein Treffen mit den Vereinskollegen an, die beiden hätten vielleicht bis zum Abend dagestanden, geduldig ihre Köder ausgeworfen, den Vogelschwärmen am hohen Himmel nachgeblickt und sich einfach in der Zeit treiben lassen. Gefangen haben sie nichts an diesem Wintertag. Trotzdem sehen sie rundherum zufrieden aus.

Angeln ist mehr als bloß stundenlang tatenlos darauf zu warten, dass ein Fisch einbeißt. Angler lockt nicht nur die Hoffnung auf „den dicken Fisch“ an die Gewässer. Es sind auch die schönen Augenblicke inmitten der Natur, die gewisse Abgeschiedenheit. Aber im Winter? Der ist für leidenschaftliche Angler kein Grund, nicht angeln zu gehen.



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