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Wir sind Helden: "300" ist ein faschistoider Schundfilm, der extrem gute Unterhaltung bietet

Nikotingelbe Stahlgewitter fürs Vaterland

Rinteln/Bückeburg. Ist "300" ein Schundfilm? Aber sicher, heroischer wurde das hohe Lied vom Sterben für die gute Sache lange nicht mehr angestimmt. Und faschistoid? Logisch, lauter wurde die Überlegenheit des eigenes Stammes gegenüber dem degenerierten Angreifer lange nicht mehr in die Welt hinausposaunt. Gibt es dennoch einen Grund, sich dieses Machwerk anzusehen? Ja, denn "300" ist extrem unterhaltsam.

Autor:

Frank Westermann

In zumeist nikotingelben Bildern erzählt 300 von einer Gesellschaft, in der schon die Babys aussortiert werden: Wer nicht wie ein großer Kämpfer aussieht, wer gar Missbildungen hat, wird über eine Klippe entsorgt. Nach sieben Jahren werden die Knaben zum Kämpfer ausgebildet, denn nichts ist ja schöner, als sein Leben für das Vaterland zu geben. Große Umwege nimmt die Geschichte nicht. Nach wenigen Minuten klopfen die persischen Gesandten beim Sparta-König Leonidas an, um kundzutun, dass der allmächtige Herrscher Xerxes gerne eine Unterwerfung Spartas sehen würde. Die freundliche Aufforderung wird damit unterstrichen, dass die Häupter besiegter Könige als Informationsmaterial mitgeführt werden. Leonidas lehnt ab, der Gesandte staunt: "Das ist Wahnsinn." - "Nein, das ist Sparta", antwortet Leonidas und befördert den Gesandten mit einem gezielten Tritt in die unendlichen Weiten eines tiefschwarzen Brunnens. Dann geht es in die Schlacht. Ein Krieg ist es nicht, denn dafür bedürfte es der Zustimmung des Senats. Daher umgeht Leonidas dieses lästige demokratische Legitimationsforum, indem er mit seiner Leibgarde, eben jenen 300, zu einem "Spaziergang" aufbricht. Dann fließt das Bult. Eimerweise, in immer neuen Schüben quillt es über die Leinwand. Es ist das Blut der Perser, natürlich, ehe ein Spartaner seinen letzten Atemzug aushaucht, vergeht gut eine Stunde. Bis dahin wird in immer neuen Einstellungen flimisch erörtert, wie scharfe Schwerter sich auf die Zusammensetzung des menschlichen Körpers auswirken und wie weit abgetrennte Gliedmaßen im Eifer des Gefechts fliegen können. Neben der hochartifiziellen Filmhandschrift beeindrucken vor allem die wenigen - garantiert ironiefreien - Sätze: "Unsere Pfeile werden den Himmel verdunkeln", kündigt der (nächste) Abgesandte an. Dann werde man im Schatten kämpfen, lautete die lapidare Erwiderung. Und schon brandet die nächste Kampfeswelle an, während daheim sich der einzig liberale Kopf als Königinnenschänder entpuppt. Natürlich fallen die 300 später durch Verrat, Leonidas erhält bei seinem Tod die schönste Christus-Sterbe-Szene seit Willem Dafoe in "Platoon". In den letzten Filmmomenten werfen sich die jetzt geeinten griechischen Völker den gepiercten Persern entgegen - an Vorbildern fehlt es ja nicht mehr. Fascho-Ästhetik, Holzschnitt-Charaktere, Kulissen aus dem Computer: Man kann diesem Stahlgewitter einiges vorwerfen. Man kann es natürlich einfach auch nur genießen - als Film gewordener Comic. Und es wird nicht das letzte Leinwandwerk sein, bei dem der Zuschauer sein Gehirn zu Hause lassen kann.




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