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Was Werbung im Krieg über Hoffnungen, Nöte und nationalen Gefühle verrät

„Nie wieder das englische Mondamin!“

Wie sah der Alltag der Hamelner im Ersten Weltkrieg aus? Einen Zugang zur Wirklichkeit jenseits amtlicher Verlautbarungen, Gesetze und zensierter Berichte bieten Anzeigen und Werbung. Ein Streifzug durch die Dewezet.

Von Dr. Gesa Snell

Ein Blick in den Anzeigenteil der Dewezet lässt den Alltag in Hameln zur Zeit des Ersten Weltkriegs lebendig werden. Wenn zum Beispiel der Jungdeutschlandbund im Juni 1914 zu einem „Kriegsspiel“ nach Bad Pyrmont einlädt und die Kriegerkameradschaft zu ihrem Sommervergnügen, dann spürt man förmlich, wie weit weg ein Krieg für die Hamelner zu dieser Zeit noch ist.
Am 4. August titelt die Dewezet „Mobilmachung und Kriegsbeginn“, und einen Tag später teilt der Betreiber einer chemischen Reinigung seiner Kundschaft mit, er werde „auf einige Zeit schließen“, da er einberufen worden sei. Von einem kurzen Krieg geht auch die Handelsschule Merkur aus. Im August wirbt sie mit dem Argument für ihre Ausbildung, dass es „nach dem Kriege […] bekanntlich große Nachfrage nach geeignetem Kontorpersonal“ geben werde. Ein besonders hohes Risiko geht allerdings das Breslauer Unternehmen ein, das noch im Dezember 1914 ein Grammophon mit ungewöhnlicher Finanzierung anbietet: „Ohne Zahlung bis zum Frieden“.
Die Schokoladenfabrik Stollwerck weiß sich mit ihrer Kundschaft einig, wenn sie schreibt: „Ein schwerer Krieg ist ausgebrochen, von dessen Ausgang das Schicksal von Völkern, aber auch von tausenden Familien abhängt.“ Noch herrscht aber die Zuversicht, dass man den Krieg überstehen kann – zum Beispiel mit „Proviant-Schokolade“ und „Pfeffermünz-Pastillen in praktischen Rollen“, die als „Kriegs-Erfrischungen […] ein wahres Labsal bei Ermüdung, Durst usw.“ sind.
Schnell wird allerdings deutlich, dass die Soldaten unzureichend ausgerüstet sind, und es entsteht eine regelrechte „Liebesgaben“-Industrie. Die Textilfirma Molsen bietet zum Beispiel Unterzeug, Gamaschen, Socken und Hosenträger „für unsere Krieger!“ an und bietet Rabatt auf alle Waren, die als Liebesgaben verschenkt werden. Nicht ohne Grund handelt es sich dabei meist um Kleidung, denn im Kampfgebiet gibt es oft nicht die einfachsten Waschmöglichkeiten.
Besonders schwierig ist das angesichts der genau zwei Paar Strümpfe, die zur Ausrüstung gehören. Das lange Stehen in der Nässe und Kälte der Schützengräben ist aber nicht nur unangenehm. Es entsteht ein neues Krankheitsbild: Entzündungen, Blasen und Taubheit in den Füßen werden als Immersionsfuß diagnostiziert. Er führt dazu, dass eine große Zahl von Soldaten kampfuntauglich wird – auf allen Seiten der Front. Trockene Strümpfe sind das wichtigste Mittel zur Bekämpfung der in der englischen Armee als „trench foot“ bekannt gewordenen Krankheit. Das Stricken von Strümpfen wird daher zur Hauptaufgabe engagierter Frauen und Mädchen, ob sie im evangelischen Verein, im Arbeiter-Bildungsverein oder im Hausfrauenverein organisiert sind.
Der nahende Winter deutet sich 1914 in den Anzeigen an, in denen für Puls-, Leib-, Ohren- und Kniewärmer geworben wird. Bezeichnend für die Ängste der zurückgebliebenen Familien sind Produkte wie Lungen-, Brust- und Kopfschützer, die neben dem Wärme- quasi noch ein Sicherheitsversprechen andeuten.
Der Winter macht den Soldaten zu schaffen. Hamelner Geschäfte versuchen mit Regenschutzhosen, Gummi-Zwischenwesten, Strick- oder Lederhandschuhen und Feldstiefeln zu helfen. Die beworbenen Pantoffeln und Hausschuhe für Soldaten illustrieren dagegen eher die Wunschvorstellung eines ruhigen Lebens an der Front als die tatsächlichen Verhältnisse. Sicher nicht ohne Grund wirbt Molsen im Oktober 1914 mit „richtigen, zweckentsprechenden Sachen für’s Feld“. Dazu zählen technische Geräte wie „nachtleuchtende Uhren“, Feldgläser und Taschenschnellkocher, aber auch Zeitungen und Bücher gegen die Langeweile des Stellungskriegs. Der von der Brecht’schen Buchhandlung als Kriegsliteratur angepriesene Titel „Er lebt noch“ ist aber vielleicht etwas zu realistisch, um sich gut zu verkaufen.
 Am begehrtesten werden Sendungen wie die von Tabakhändler Dahmer gewesen sein. Dieser bietet an, im Beisein der Kunden Feldpostbriefe mit „regulären Zigarren und Zigaretten“ zu befüllen und zu verschicken; ein Hinweis auf das Vorkommen von Schummeleien beim Versand. Auch Alkohol spielt eine wichtige Rolle – trotz der großen Anzeige von Hamelner Vereinen, die den Kaiser mit den Worten zitiert: „Diejenige Nation, die das geringste Quantum Alkohol zu sich nimmt, die gewinnt!“
Die Anteilnahme und das emotionale Interesse an den Soldaten nutzt die überregionale Werbebranche, um die Qualität ihrer Produkte bei denen zu belegen, die nicht kämpfen müssen. So heisst es zum Köstritzer Schwarzbier: „Unseren verwundeten Kriegern wird das altbewährte Nähr- und Kraftbier […] in Lazaretten verabreicht. Für Genesende und Erholungsbedürftige von Aerzten vielfach verordnet“. Kann es ein besseres Argument für das Trinken eines Bieres geben? Auch Bonbons werden mit dem Hinweis beworben, dass sie „von unseren Truppen im Felde gegen Katarrh, Husten und Verschleimung erfahrungsgemäß mit großer Vorliebe verwandt“ werden.
Schon vor dem Krieg hat es Forderungen gegeben, den als verhängnisvoll bezeichneten Einfluss ausländischer Kultur und Wirtschaft in Deutschland einzudämmen. Nun werden diese Bemühungen intensiviert und gerade die Werbebranche ist aufgefordert, keine Fremdworte zu benutzen. Diese Kampagne trifft auf handfeste ökonomische Interessen deutscher Produzenten. Die Hamelner Germania-Werke bewerben ihre Margarine nun zum Beispiel mit dem Slogan „Keinen Pfennig englischen und belgischen Gesellschaften“ und raten vom Kauf ausländischer Margarine ab. Der Markenname „Echt Hamelner Stolz“ eignet sich, um auch beim Abendbrot die patriotische Gesinnung zu belegen. Noch deutlicher wird ein Bielefelder Unternehmen, das textet: „Nie wieder das englische Mondamin! Besser ist Dr. Oetker’s Gustin.“
Ein noch heute bekannter Markenname entsteht in dieser Zeit: die Sunlicht Seife. Im November 1914 wird die englische Sunlight-Seifenfabrik „in ein rein deutsches Unternehmen“ umgewandelt und dieser Schritt mit einer ganzseitigen Anzeige publik gemacht.
Das Geschäft Heuer wirbt mit Damenhüten „deutschen Ursprungs“, und ein Feinkostladen bietet „Salat-Überguß“ an. Oft ist es nicht leicht, ein deutsches Ersatzwort für französische oder englische Lehnworte zu finden. Die misslungensten Versuche werden im Witzblatt Kladderadatsch aufgegriffen.
Die Schrecken des Krieges erreichen Hameln bald, davon zeugen nicht zuletzt die häufiger werdenden Todesanzeigen von Soldaten. Nur angedeutet werden die Folgen in einer kleinen Anzeige, mit dem Text „Während der Kriegszeit. Kaufe sofort getragene Herren-Garderobe, auch einzelne Hosen und Jacketts.“ Verliert eine Familie den Ernährer, gerät sie schnell in existenzielle Not.
Auch die wirtschaftliche Lage des Hamelner Handels wird, nach einem anfänglichen Hoch zu Beginn des Krieges, immer prekärer. Im November 1914 heißt es denn auch: „Laßt das Geschäftsleben in Stadt und Land nicht länger brachliegen.“ Und noch dringlicher ein paar Tage später: „Staats- und Gemeindeverwaltungen, Industrielle und Private, vergebt Aufträge und kauft ein!“
Die Dewezet selbst hat unter dem schlechten Geschäftsgang zu leiden und macht Werbung – für Anzeigen. „Entsprechende Angebote finden jetzt viel größere Beachtung“, denn die Zeitung werde gründlicher gelesen als sonst und eine Anzeige falle aufgrund der geringeren Konkurrenz jetzt viel mehr auf. Das potenzielle Publikum sei groß, denn „höchstens 6 bis 7 Prozent der deutschen Bevölkerung sind direkt an kriegerischen Maßnahmen beteiligt.“
Die Lage wird aber immer dramatischer und 1918 spricht die Anzeige einer Konfitüren- und Weinhandlung Bände: „Mein Geschäft bleibt wegen Mangel an Waren vorläufig geschlossen.“




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