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Nicht alles ist Show in diesem Theater

Beim Wrestling-Festival in Hannover ist der 53-jährige Ire Fit Finlay eine Heldenfigur. „Ringfuchs“ nannten sie ihn, den besten und gemeinsten Bösewicht aller Zeiten. Nun ist er, nach über 30 Jahren in der Arena, ein alter, grauer Wolf, zahmer geworden scheinbar, und doch immer noch mit allen Mitteln bereit, für den Sieg Hinterlist und fiese Tricks einzusetzen. Wrestler müssen ausgezeichnete Ringer sein, zugleich aber auch talentierte Schauspieler. Nur wer mit Leib und Seele eine Rolle übernimmt, sei es als strahlender Gerechter oder als Junge aus der Bronx, als wütender Finsterling oder – wie Fit Finlay – als die personifizierte Bosheit, kann die Zuschauer hinreißen zu herausgeschrienen Liebes- oder Hasserklärungen.

Fit Finlay ist Chef im Ring.
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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Fünf Kämpfe fanden statt im „Hangar No. 5“ von Hannover, einer großen Festhalle, der regelmäßige Austragungsort für internationale Wrestling-Ereignisse, die von der EWP, der „European Wrestling Promotion“ unter der Leitung von Ecki Eckstein organisiert werden. Der blaue Kampfring steht in der Mitte, seine Metallpfosten sind nach innen mit dicken Polstern abgesichert (Polstern, die man heimlich entfernen kann...), und rundherum bauen sich die Stuhlreihen für insgesamt etwa 500 Besucher auf: Männer, Frauen, junge und ältere Leute, eine rundherum bunt gemischte Gesellschaft.

Nicht alle wissen, nach welchen Regeln hier gespielt wird. Im ersten Kampf, einem Tag-Team-Match, wo sich jeweils zwei Kämpfer gegenüberstehen, stellten sich neben dem erfahren Ecki Eckstein (38) auch junge, relativ unbekannte Ringer vor, sogenannte „Rookies“, die sich einen Ruf erst erarbeiten müssen. Dabei wurde der kleine Johnny Rancid so hart rangenommen und fast ohne Pause verprügelt, dass eine Frauenrunde unter den Zuschauern immer wieder ungläubig ausrief: „Das kann doch nicht sein! Das geht zu weit!“ Doch, das kann sein, das muss sein!

„Anfänger müssen sich ihre Rolle erkämpfen, sonst werden sie in Zukunft niemals überzeugen“, erklärte Ecki Eckstein. „Sicher, man könnte dem Johnny gleich erlauben, ein raffiniertes Spiel zu spielen und durch Tricks, statt durch Kampfkraft zu siegen. Aber die Zuschauer würden das als Witz empfinden und nicht mitgehen. Den Rookies stehen harte Zeiten der Bewährung bevor, bis sich nach und nach herausbildet, was in ihnen steckt.“

Er hat es selbst erlebt. Als junger Mann spielte er einen Angeber in deutschlandfarbenem Trikot, der neben einer Reihe von Fans viel mehr Antifans besaß, die ihm ihre Verachtung entgegenschrien. Mit den Jahren aber eroberte er sich den Namen „Die deutsche Rakete“ und konnte einen großen Teil seiner Verächter durch harte Kämpfe von seiner Persönlichkeit überzeugen. Dafür nimmt er Blut und Wunden in Kauf, auch im aktuellen Kampf, wo er dem Gegner eine Kopfnuss verpasst, bei der ihm selbst die Haut aufplatzt und das Blut übers Gesicht strömt. „Na und?“, sagt er. „Da kommt ein Heftpflaster drauf und fertig. Während des Kämpfens spürt man kaum den Schmerz, das Adrenalin überschwemmt ja den ganzen Körper. Erst am nächsten Tag, da pflegt man seine Wunden.“

Nicht umsonst erinnern solche Worte an den Film „The Wrestler“, wo Mickey Rourke einen alternden Ringer verkörpert, der immer aufs Ganze ging, ohne seinen von unzähligen Narben überzogenen Körper zu schonen, den er mit Medikamenten am Leben hält. Wach ist er im Ring und müde in der Kabine, bereit, sich für die Momente des rasenden Applauses hinzugeben und auch dann noch aufzutreten, wenn er zutiefst erschöpft in seinem abgewrackten Wohnwagenbett liegen will.

So unerbittlich geht es im Europäischen Wrestling nicht zu. Hiesige Zuschauer erwarten nicht unbedingt Blut und tiefe Striemen, schon gar nicht Kämpfe mit Waffen oder Stacheldraht. In Amerika aber sieht das anders aus, erst recht in Japan, wo Wrestler zwar besser bezahlt sind, aber auch mehr opfern müssen, um die Begierden des Publikums zu stillen. Dass Wrestling allerdings nur dann mitreißt, wenn Inszenierung und brutaler Kampf sich die Waage halten, konnten die Kämpfe in Hannover beweisen. Leon Van Gasteren zum Beispiel, ist ein ausgezeichneter Ringer mit gestähltem Körper, der gegen den Japaner Dick Togo antrat. Beide beherrschen die nötige Akrobatik, sie warfen sich gegenseitig aus dem Ring und schleuderten sich immer wieder mit Knall und Fall auf die Matten. Eine Geschichte aber erzählten sie nicht. Kein Wunder, dass der Kampf unentschieden ausging und auch die Zuschauer nicht recht wussten, wenn sie favorisieren sollten. Ganz anders da die spannende Auseinandersetzung zwischen dem unglaublich dicken „Cannonball Grizzly“ und seinem jüngeren Herausforderer, dem ebenfalls mächtigen Big Van Walter. Da sollte ein seit Jahrzehnten berühmter, durch unendlich viele Kämpfe gestählter, leicht angegrauter Riese von einem ehrgeizigen Herausforderer niedergerungen werden. „Deine Zeit ist vorbei! Ich werde die neue Nummer eins im Schwergewicht“, so der Kampfschrei von Big Van Walter.

Und dann ging es los, Giganten, die den schwergewichtigen Körper des jeweils anderen durch die Luft schleuderten, draußen die Stuhlreihen niedermähten und verängstigte Zuschauer aufspringen ließen, jeder bis zum Letzten bereit, sich die Sympathien des wankelmütigen Publikums zu erobern, bis schließlich Cannonball Grizzly, von seinem Gegner in die Höhe gehoben, auf diesen mit aller Macht herunterkrachte und ihn regelrecht platt machte. Sieg, noch einmal, vielleicht ein letztes Mal, für den Alten. Und ein Jubel in der Halle, dass einem das Trommelfell vibrierte.

Noch eindrucksvoller gestaltete sich der Kampf zwischen Wrestlerlegende Fit Finlay und seinem Herausforderer Michael Kovac (41) aus Österreich, ebenfalls berühmt und bedacht mit dem Zeugnis: „Aushängeschild des europäischen Wrestlings“. Wer Fit Finlay noch kannte aus den Zeiten, bevor er nach Amerika ging und dort als wilder Ire zum Fernsehstar avancierte, konnte kaum fassen, dass der einst bestgehasste Wrestler nun mit wahrer Begeisterung empfangen wurde.

Früher war es in aufgebrachten Stadien geradezu lebensgefährlich, sich als Fan von Fit Finlay zu outen oder gar ein T-Shirt mit seinem Bildnis zu tragen. Man wünschte ihm Pest und Tod an den Hals und platzte fast vor Wut über seine Arroganz (gab es mal Blumen von einer einsamen Verehrerin, dann wurden sie zertrampelt), und über seine wunderbar hinterhältige Art, mit der er dem Gegner, der ihm versöhnlich die Hand entgegenstreckte, in genau diesem Augenblick zwischen die Beine trat. Er war wirklich der beste „Heel“ der Welt.

Und nun lächelte er. Grüßte den Ringsprecher. Winkte ins Publikum. Was war geschehen? „Es ist das Publikum, das bestimmt, wie jemand zu sein hat“, meinte Ecki Eckstein. „Er ist ein Fernsehstar geworden und den lieben sie nun mal. Nichts zu machen.“ Wirklich nicht? Tatsächlich wurde jede Kampfhandlung Finlays lautstark beklatscht. Aber was tat er da eigentlich?

Aus dem Ring geworfen, vor dem Angreifer listig fliehend, wurde aus dem „Ringfuchs“ ein gerissener Wolf, der wohl um seine alten schweren Wunden weiß und um seine Angreifbarkeit, die er hinter überlegenem Grinsen verbirgt. Noch im Fallen rückt er sich heimlich einen Stuhl zurecht, der als Waffe aus dem Hinterhalt dienen soll, oder er löst im unbeobachteten Moment den Gummischutz vom Ringpfosten, damit der Feind dort ungeschützt aufprallen soll. Diese Feinheiten, diese Widersprüchlichkeiten waren es, die den Kampf zu einem ganz großen machten. Niemals wird Fit Finlay ein Guter werden. Immer wird er sich ins Fäustchen lachen.

Übrigens spielen auch die Schiedsrichter ihre Rolle, meistens keine rühmliche. Sie, die für Fairness sorgen sollten, sind Meister darin, selbst übelste Fouls nicht wahrzunehmen. Im Team-Match mit den Westlergrößen „Rambo“ und „Wildcat Brookside“ gegen „Dirty Dan Collins“ und „Thunder“, fühlte man sich wie beim Kasperletheater, so vergeblich war es, den Referee Didier Gapp darauf aufmerksam zu machen, dass Rambo von gleich beiden Gegnern regelrecht erwürgt wurde, während Gapp sich mit dem unschuldigen Brookside herumstritt. Am Ende lag der Schiedsrichter selbst ausgeknockt am Boden.

Einen durchaus respektablen Glanz vom Wrestling, wie es sein soll, kann man im März 2012 auch im Schaumburger Land erleben, in Engern, wo sich lokale Aufsteiger und die Kämpfer aus dem Nordisch Fightclub erneut begegnen werden. Ecki Eckstein ist dann dabei, ein Zeichen dafür, wie gut sich die „Schaumburger Wrestling Gala“ inzwischen etabliert hat.

Der Wrestler, der sich „Rambo“ nennt, hat seinen Kontrahenten Dirty Dan Collins auf die Bretter gelegt. Ringrichter Didier Gapp zählt den Unterlegenen an.

Fotos: tol

Wrestling – früher sagte man „Catchen“ – ist ein eigenartiger Sport, angesiedelt zwischen Hochleistungsathletik und Zirkus, zwischen tiefstem Ernst und Klamauk, zwischen Kampf auf Sieg und Niederlage und dramatisch bewegendem Theater. Wenn die Stars der Szene die Bühne betreten, jubelt das Publikum begeistert. Und manchmal erhebt sich unter den Ringern ein alter, kampferprobter Recke, dessen lange Reihe heldenhafter Kämpfe ihn zum Mythos machten.



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