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Nicht alle Kinder warten auf den Nikolaus

Bei den „Altstadtmäusen“ ist Frühstückszeit. Gedämpftes Licht und weihnachtliche Dekoration sorgen für eine anheimelnde Atmosphäre in der Kindertagesstätte (Kita) in der Alten Marktstraße. Es ist Freitag. Nur noch zwei Mal schlafen bis zum Nikolaustag. Aber bei den Zwei- bis Sechsjährigen ist von gespannter Erwartung oder gar Vorfreude keine Spur. Kita-Leiterin Christiane Sievers: „Ich war heute morgen bereits bei den ,Waldmäusen’, oben am Klüt und habe sie ebenfalls gefragt, was sie am Montag erwarten. Auch dort haben die Kinder die gleiche Reaktion gezeigt. Für sie ist dieser Tag einfach noch nicht so präsent.“

Vor allem Klassiker wie Lego und Playmobil finden zum Nikolaustag reißenden Absatz. Berthold Nabrotzky rechnet heute noch mit Ku

Autor:

Matthias Rohde

Im zweiten Obergeschoss der Kita nutzen einige Eltern das Angebot, sich beim Elterncafé auszutauschen. Wie die meisten Eltern, sind auch Tatjana Greulich, Susanne Diedrich und Ramon Beier mit den Vorbereitungen auf den Nikolaustag beschäftigt. „In unserer Familie gehört das Aufhängen der Nikolausstrümpfe einfach zu diesem Tag dazu“, erzählt Greulich. Natürlich würden zusätzlich auch die geputzten Stiefel vor die Tür gestellt. Gerade dieses Ritual der geputzten Stiefel, die am Abend vor dem 6. Dezember vor der Haustür stehen, damit der Nikolaus sie füllen kann, eint die „Altstadtmäuse“-Eltern.

Doch wie Kita-Leiterin Sievers, deren Geburtsname passenderweise Nicolaus lautet, spüren auch die Eltern, dass der Nikolaustag und die Tradition dieses Festes immer mehr Konturen verlieren. Diedrich: „In diesem Jahr habe ich seit vielen Jahren endlich einmal wieder einen echten Schokoladennikolaus in den Regalen eines großen Discounters gefunden.“ Häufig sei ihre Suche nach dieser speziellen Süßigkeit in den letzten Jahren erfolglos geblieben. Auch die aktuell in zahlreichen Geschäften, auf Weihnachtsmärkten und durch die Straßen ziehenden „Nikoläuse“ sind auf den ersten Blick nicht vom festzementierten Bild des Weihnachtsmanns zu unterscheiden. Selbst auf den zweiten Blick nicht, wie die Eltern meinen. Eigentlich gar nicht, sind sich auch die Besucher des Weihnachtsmarkts einig. Wer dort nämlich die Frage stellt, wie der Nikolaus aussieht, der erhält in sieben von zehn Fällen die Antwort: „Rote Zipfelmütze, roter Mantel, dicker Mann mit weißen Bart.“ Im Spielzeugwarenfachgeschäft „Timmi“ in der Hamelner Emmernstraße stöbert Ursula Egger in den Regalen. „Ich suche noch ein Nikolausgeschenk für mein Enkelkind.“ Eine Kleinigkeit soll es sein. Und während sie unschlüssig einige Spielzeuge in die Hand nimmt, kommt sie ins Grübeln: „Tja, ich finde es schade, dass sich der Nikolaus heutzutage kaum noch vom Weihnachtsmann unterscheidet.“ Und vom Knecht Ruprecht, der als treuer Weggefährte und Gehilfe des Nikolauses bekannt ist, davon sei schon lange keine Spur mehr zu sehen. Aber immerhin zu hören, wie die Klein Berkelerin betont: „Das Gedicht vom Knecht Ruprecht gehört seit vielen Jahren bei uns zum Nikolaustag dazu.“ „Von drauß’ vom Walde komm ich her, ich muss Euch sagen, es weihnachtet sehr“, heißt es in den ersten Zeilen dieses Gedichts von Theodor Storm, das hierzulande in der Adventszeit zu den meist rezitierten Gedichten gehört.

Dabei wird dem Knecht Ruprecht in der historischen Entwicklung des Nikolaus-Einkehrbrauchs aber eine negative Rolle zuteil. Während der Nikolaus den Kindern kleine Geschenke macht, traten Knecht Ruprecht und all die anderen Begleiter des Nikolauses über die Jahrhunderte hinweg als drohende und strafende Figuren auf. Aber auch diese Aufteilung hat sich fast gänzlich aufgelöst. Dort, wo der Nikolausbrauch noch ausgeübt wird, fungieren Knecht Ruprecht und die Begleiter mittlerweile in der Regel als Körbchenhalter.

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Wie bei jedem Brauchtum, gibt es auch hier regionale Unterschiede. Besonders betroffen von diesen Unterschieden sind eben diese Begleiter. Während sich in der heimischen Region Knecht Ruprecht durchgesetzt hat, gibt es gerade in Süddeutschland und auch im deutschsprachigen Ausland ganz andere Namen für diesen Mann wie zum Beispiel Krampus, Belznickel oder früher sogar Kinderfresser. Der Begleiter des niederländischen Nikolauses (Sinterklaas) heißt Zwarte Piet (Schwarzer Peter).

Dass die Figur des Weihnachtsmanns ebenfalls auf den Nikolaus zurückzuführen ist, darüber gibt es kaum einen Zweifel. Festzustehen scheint, dass mit der Reformation auch eine Abkehr von der Verehrung Heiliger einherging. Mit hoher Wahrscheinlichkeit soll Martin Luther höchstpersönlich den Feiertag vom 6. auf den 25. Dezember verlegt und ihm den Namen „Heiliger Christ“ gegeben haben. Noch heute wird vor allem in katholischen Regionen das Brauchtum des „Christkindes“ praktiziert.

Ungeachtet aller regionalen Unterschiede zeichnet sich der Nikolaustag dadurch aus, dass kleine Geschenke verteilt werden. Ramon Beier setzt dabei vor allem auf Tradition: „Wir füllen die Stiefel mit Äpfeln, Nüssen und Lebkuchen.“ Sievers: „Für uns steht die Gemütlichkeit im Vordergrund, und natürlich wollen wir die Kindern am Nikolaustag überraschen.“ Diedrich, Greulich und Beier stimmen zu: Wenn sie sich an ihre Kinderzeit zurückerinnern, dann war es vor allem die Überraschung, die sie so sehr am Nikolaustag geschätzt haben. „In einem Jahr haben wir für die Kinder ein weihnachtliches Puppenspiel organisiert, in einem anderen Jahr haben die Kinder ihre Stiefel geputzt, die wir dann mit Mandeln, Nüssen und Obst gefüllt haben. Und in diesem Jahr, da kommt der Nikolaus tatsächlich auch zu uns“, verkündet die Kita-Leiterin stolz.

Auch in vielen Familien steht die Frage nach einer tollen Überraschung für die Kinder am Anfang aller Überlegungen für das richtige Geschenk. Blöd nur, wenn genau die passende Kleinigkeit just zur Weihnachtszeit dauerhaft ausverkauft ist. Besonders betroffen davon sind in diesem Jahr Jungen im Alter von acht bis zwölf Jahren, wie „Timmi“-Inhaber Berthold Nabrotzky weiß: „Es gibt immer mal wieder Spielzeug, das besonderen Anklang findet, aber so verrückt, wie die Jungs in diesem Jahr nach „Beyblades“ sind, das habe ich noch nie erlebt.“ Schon seit einigen Wochen kämpft der Hersteller mit Lieferproblemen. „Für die Eltern ist das besonders ärgerlich, weil der Preis für dieses Spielzeug genau im ‚Nikolausrahmen‘ liegt.“ Generell, so Nabrotzky, würden für ein Nikolausgeschenk um die zehn Euro ausgegeben. „Großeltern greifen allerdings auch schon mal tiefer in die Tasche“, fügt er an. Ursula Egger aber nicht, denn sie hat am Ende ihrer Suche ein kleines Buch gefunden, dass als Nikolausgeschenk verpackt genau das Richtige sei, wie sie findet, und das weniger als einen Euro kostet.

Ohnehin verblasst der Brauch des Nikolaustages angesichts der Omnipräsenz des rotweißen Weihnachtsmannes. Gerade in der Werbung bedient man sich gerne des hohen Wiedererkennungswertes des Weihnachtsmannes, auch, wenn es in der Reklame unterhalb der dargestellten Weihnachtsmänner heißt: „Montag ist Nikolaus“. Die Gestalt des Weihnachtsmannes soll auf einen Auslieferungsfahrer von Coca-Cola zurückgehen, der in den 1930er einem Werbegrafiker als Vorlage diente. Kein Wunder, dass der junge Mann, der am Samstag vor Nabrotzky steht, um seine Einkäufe zu bezahlen, auf die Frage, wie denn der Nikolaus aussehe, antwortet: „Dick, roter Mantel, rote Mütze und ’nen weißen Bart hat er.“

Fakten über den griechischen Bischof Nikolaus von Myra sind nur wenig bekannt. An seinem Namenstag, dem 6. Dezember jedoch, wird dem Schutzpatron der Seefahrer und Bäcker, der Russen, Kroaten und Serben und vor allem der Kinder seit Jahrhunderten gedacht. Allerdings wird der Nikolaus vor allem eines zunehmend: Vorbote auf den Weihnachtsmann.

Bei den „Altstadtmäusen“ ist von Vorfreude auf den Nikolaus noch nichts zu spüren. „Die kommt erst am Abend vorher“, wissen die Erzieherinnen der Kindertagesstätte.

Fotos: roh

Ursula Egger findet es schade, dass man auch auf dem Weihnachtsmarkt entgegen der Ankündigung nur Weihnachtsmänner, aber keinen Nikolaus zu sehen bekommt.

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