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Schnatwinkel, Sommer 1450: War es Notwehr oder doch Mord?

Neuer "Denkstein" an der B 65

Nienstädt (gus). Der vor einigen Jahren verschwundene "Schneiderstein" an der Bundesstraße 65 bei Nienstädt ist zwar nicht wieder aufgetaucht. Dafür ist kürzlich ein Ersatzstein aufgestellt worden. Der Steinbildhauer Karsten Baltes aus Obernkirchen hat das neue Objekt geschaffen. Dieses ziert eine Schere und ein Kreuz, daneben ist eine Informationstafel platziert worden, die auch vom "mysteriösen Verschwinden" des Originals "Ende des 20. Jahrhunderts" berichtet.

Der Denkstein (Hintergrund) und die Informationstafel bei Nienst

Der Stein erinnert an ein mindestens ebenso mysteriöses Ereignis, das sich 1450 zugetragen haben soll. Zwei Schneidergesellen - Kurt Bössow aus Mecklenburg und Hinrich Wulf aus Hagenow - haben demnach in einem "Krug in Stadthagen" gezecht, wobei Letzterer bemerkt haben soll, dass sein Begleiter jede Menge Geld bei sich hatte. Dies veranlasste Wulf offenbar, einen Raubmord zu planen. Als Bössow bei der folgenden Rast im Schnatwinkel eingeschlafen war, soll Wulf ihm eine Schere in die Brust gerammt haben. Die Überlieferer unterstellten ihm Tötungsabsicht. Dann aber nahm das Geschehen scheinbar eine kuriose Wendung. Der Text auf der Informationstafel gibt dies wie folgt wieder: Bössow "aber konnte die Schere soeben noch herausziehen, stieß sie dabei versehentlich ins Herz seines Kameraden und tötete ihn dabei. Der schwer verwundete Kurt Bössow schleppte sich zurück in die St. Annen-Klause, wo er gesund gepflegt wurde. Als Dank gab er dem Klausner seine Ersparnisse undbat ihn, seinem toten Kameraden dafür einen Denkstein setzen zu lassen." Von Groll gegen den, der ihn fast getötet haben soll, steht nichts geschrieben. Und auch über einen leisen Verdacht, dass sich die Geschichte ein wenig anders, wenn nicht gar gänzlich umgekehrt zugetragen haben könnte, scheint nichts überliefert zu sein. Solche Mord- und Denksteine wurden etwa vom 16. Jahrhundert an aufgestellt, schreibt der Historiker Sven Gerth aus Pfaffroda zum Thema. Dieser hat sich intensiv der Dokumentation der Geschichte von Sühnekreuzen, Kreuzsteinen, Betsäulen sowie Mord- und Denksteinen gewidmet. Die Tatsache, dass zur Zeit des "Schneidermordes" (15. Jahrhundert) noch das Errichten von Sühnekreuzen als "Erfüllungsteil von Sühneverträgen" verbreiteter war als das Aufstellen von Denksteinen, lässt den Auftraggeber des "Schneidersteins" umso verdächtiger erscheinen. Sühnekreuze wurden nach Angaben Gerths aufgestellt, "um eine Blutfehde wegen eines begangenen Mordes oder Totschlags zu beenden. Oftmals ist die Mordwaffe beziehungsweise ein berufstypisches Gerät des Entleibten in den Stein gehauen." In diesem Fall erfüllt die Schere gleich beide Kriterien. Es sei jedoch angemerkt, dass auch ein Notwehrmord, wie ihn Bössow dargestellt haben soll, seinerzeit Anlass zur Sühne war. Im Übrigen "entstanden im Laufe der Jahrhunderte auch Spukgeschichten" bezüglich der Ursprünge von Mord- und Denksteinen, so Gerth. Wie dem auch sei. Es steht wieder ein "Schneiderstein" an der B 65, und die Geschichtsinteressierten in Nienstädt freuen sich darüber.



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