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Provinzposse vor 50 Jahren: Eilsens 220 000 Mark teure Station fertig – Fürst lässt Schienenbetrieb einstellen

Neuer Bahnhof ohne Bahn

Schildbürgerstreich im niedersächsischen Bad Eisen“ titelte am 23. Februar 1965 die „Bild“-Zeitung. Anlass und Auslöser war die tags zuvor im Kurort bestätigte Meldung, dass das „Eilser Minchen“ stillgelegt werde. Die Nachricht löste einen bis dato hierzulande nie erlebten Medienrummel aus. Das Interesse der in großer Zahl angereisten Reporter und Kamerateams galt jedoch nicht dem Stilllegungsbeschluss, sondern dem Zeitpunkt und den ungewöhnlichen Umständen von dessen öffentlicher Bekanntgabe: Das Ende des Schienenverkehrs war ausgerechnet während der Einweihung eines neu gebauten Stationsgebäudes der Kleinbahn (BEK) bestätigt worden. Entsprechend deftig fielen die Kommentare und Schlagzeilen aus. Deutschlandweit war von „Provinzposse“, „Bahnhof ohne Bahn“, „Ein neuer Bahnhof plötzlich überflüssig“ und/oder „Die Bahn bekommt ein Super-Begräbnis“ die Rede.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Als Schuldiger wurde landauf landab Minchen-Eigentümer Fürst Philipp-Ernst zu Schaumburg-Lippe ausgemacht. Der Bückeburger Schlossherr hatte plötzlich und unerwartet die Notbremse gezogen. Grund waren die stetig steigenden Verluste. Die 1918 von seinem Vorgänger Adolf II. angelegte 5,7 Kilometer lange Schienenverbindung zwischen Bückeburg und Eilsen hatte sich zu einem immer kostspieligeren Zuschussbetrieb entwickelt. 1962 hatte das Defizit bei 24 000 DM gelegen. In den Folgejahren hatte die Hofkammer 33 000 (1963) und 35 000 (1964) zubuttern müssen. Versuche, den Negativtrend durch Investitionsstopp, Sparauflagen und durch Übertragung der bisher in Eigenregie organisierten Betriebsführung an die Deutsche Eisenbahngesellschaft (DEG) in den Griff zu bekommen, waren ohne durchschlagenden Erfolg geblieben.

Als sich für 1965 ein neuer, auf mehr als 90 000 DM vorausberechneter Rekordverlust abzeichnete, sah sich der fürstliche Bahnchef nach eigenem Bekunden „schweren Herzens gezwungen, den Rat der DEG zu befolgen und den Gleisverkehr aufzugeben“. Der dazu erforderliche Genehmigungsantrag sei so schnell wie möglich aufgesetzt und im Dezember 1964 ans niedersächsische Verkehrsministerium geschickt worden.

Für Fachleute kam die Entscheidung nicht überraschend. Sie sei lediglich dilettantisch vorbereitet worden, war hinter vorgehaltener Hand zu hören. Seit Mitte der 1950er Jahre stiegen – im Gefolge der Nachkriegs-Wirtschaftswunderjahre – immer mehr Deutsche aufs Auto um. Ähnlich wie die BEK hatten das zuvor auch schon die meisten anderen (Privat-) Unternehmen zu spüren bekommen. Die benachbarte Rinteln-Stadthagener Eisenbahn hatte ihre Personenbeförderung bereits im Herbst 1964 auf Linienbusse verlagert. Davor hatte es bereits die Steinhuder-Meer-Bahn erwischt. Die Extertalbahn stand auf der Kippe. Und in der Bundesbahndirektion Hannover bereitete man die Stilllegung von zehn Prozent aller niedersächsischen Nebenstrecken vor.

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  • Endstation der BEK im Kurort war der Bahnhof Bad Eilsen Süd. Hier konnten die Reisenden in die Rinteln-Stadthagener Eisenbahn (RStE) umsteigen.
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  • So sah noch bis in die Nachkriegszeit hinein der später durch einen Massivbau (heute Gaststätte „Eilser Minchen“) ersetzte Haltepunkt Ost in Bückeburg aus.
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  • Bahnunterführung in Ahnsen im Jahr 1965.
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  • Als „Bahnhof ohne Bahnanschluss“ sorgte die vor 50 Jahren eingeweihte Haltestation „Kurhaus“ in Bad Eilsen bundesweit für Aufsehen. Das 220 000 DM teure Gebäude wurde später abgerissen und das Gelände komplett neu überbaut. gp (6 Repros)
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Während sich das Gros der Zeitgenossen – mehr oder weniger frustriert – ins Unvermeidliche fügte, wollten die Eilser und Ahnser „ihr“ Minchen um keinen Preis hergeben. Für viele Einwohner war die Bahn mehr als ein Verkehrsmittel. Der zeitweise bis zu 16 Mal täglich hin- und herpendelnde Triebwagen genoss Kultstatus. Für Bürgermeister Heinrich Hofmeister war die Schienenverbindung Voraussetzung und Garant für die Zukunft Bad Eilsens als Kurort. Der 74-Jährige hatte sich während seiner mehr als 25-jährigen Amtszeit wie kein anderer für „seine“ Bahn starkgemacht. So hatte er unter anderem durchgesetzt, dass der Gemeinderat Geld für den Wiederaufbau des BEK-Haltepunkts „Kurhaus“ lockermachte. Die frühere Station war Anfang der 1960er Jahre einem Brandanschlag zum Opfergefallen. Die fürstliche Hofkammer hatte sich unter Hinweis auf die leeren Kassen beharrlich geweigert, den Schandfleck mit Geld aus der eigenen Schatulle zu beseitigen.

Nach einigem Hin und Her kam es zu einer Art Kompromiss: Die Gemeinde bekam die Bahnhofsbrache geschenkt, musste im Gegenzug allerdings zusagen, den Wiederaufbau selber zu stemmen. So geschah es. Am 3. Mai 1964 ging der erste Spatenstich über die Bühne, und gegen Ende des Folgejahres war der Rohbau so weit gediehen, dass man die Einweihung des mehr als 200 000 DM teuren Vorhabens für Anfang 1965 ins Auge fassen konnte. Weder Hofmeister noch das Gros der zum 22. Januar geladenen Gäste ahnten, welch peinlichen Beigeschmack das Ganze haben würde. Erst wenige Tage vor der Party drang die Kunde vom Stilllegungsantrag durch. In Eilsen sah man sich übel hereingelegt und hinters Licht geführt.

Am Einweihungstag herrschte dicke Luft. Gastgeber Hoffmeister machte aus seinem Frust keinen Hehl. Er werde sich bemühen, andere Geldgeber zu finden, ließ er trotzig wissen. „Notfalls müssen wir die Bahn selber betreiben.“ Unabhängig davon stelle der Neubau in jedem Fall eine Bereicherung für Eilsen dar. „Er wäre auch ohne Wartesaal und Fahrkartenschalter ein Gewinn.“

Die auswärtigen Festredner mochten sich zur neuen Entwicklung und zu den Zukunftsaussichten nicht äußern. Der designierte Kreisdirektor Hans Eckmann verschanzte sich hinter dem Hinweis, dass er erst vor drei Tagen von den Stilllegungsplänen erfahren habe. Der sich sichtlich unwohl fühlende Philipp-Ernst ergriff die Flucht nach vorn. Es bleibe bei dem Entschluss, die Passagiere künftig mit Bussen befördern zu lassen. Und auf hartnäckiges Nachfragen der Reporter fügte er hinzu: „Ich bin schließlich kein Sozialinstitut für die umliegenden Dörfer.“

Es kam, wie es kommen musste. Die Eilser Rettungsversuche scheiterten. Land und Kreis lehnten eine finanzielle Beteiligung entschieden ab. Am 21. Mai 1966 trat der festlich geschmückte Minchen-Triebwagen ET 204 bei strahlendem Sonnenschein seine letzte Hin- und Rückfahrt von Bückeburg nach Bad Eilsen an. Philipp-Ernst hatte dazu zahlreiche Honoratioren, die Spitzen der Hofkammer und Vertreter der heimischen Presse eingeladen. Mit dabei auch Ehefrau Benita und die kleinen Prinzen Georg Wilhelm und Alexander. An der Haltestelle Ahnsen öffnete Philipp-Ernst die Schiebetüren und lud den dort auf dem Bahnsteig stehenden Heinrich Hofmeister zum Einsteigen ein. Der Eilser Vorsteher wies glaubwürdigen Augenzeugen-Berichten zufolge das Ansinnen entrüstet zurück: „Ich mache die Fahrt mit einem lebenden Leichnam nicht mit!“

Quellenhinweis: Wer tiefer in die Geschichte der BEK einsteigen möchte, dem sei der 1981 erschienene Bildband „Das EilserMinchen“ von Ingrid und Werner Schütte (ISBN 3-922657-21-4) empfohlen.

Keine wirklichen Freunde: Bahnchef Philipp Ernst (Bild links) und Eilsens Bürgermeister Heinrich Hofmeister.



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