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Neuankömmlingen auf ihrem Weg helfen

Bekanntlich ist aller Anfang schwer – vor allem in einem neuen Land. Wie geht es in einer deutschen Behörde zu, welche Papiere brauche ich, worauf muss ich achten? Im Kreis Schaumburg helfen sogenannte Integrationslotsen Menschen aus den USA, aus Korea, Kasachstan oder der Türkei dabei, sich im Leben im neuen Land leichter zurechtzufinden. Neue werden stets gesucht.

Autor:

Michael Werk

Deutschland ist ein Einwanderungsland: Allein im vergangenen Jahr sind nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes mehr als 680 000 Ausländer in die Bundesrepublik gezogen. Insgesamt leben rund 6,7 Millionen Ausländer und circa 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland (ebenfalls Stand 2010).

Den Anteil ausländischer Mitbürger im Landkreis Schaumburg – also jener Personen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen – beziffert die Kreisverwaltung für diesen Vergleichszeitraum auf immerhin insgesamt 8450 Ausländer.

Doch aller Anfang ist bekanntlich schwer. In erster Linie sind es Sprachschwierigkeiten, aber etwa auch mangelnde Kenntnis geltender Rechtsvorschriften und behördlicher Zuständigkeiten, kulturelle Unterschiede und ein fehlendes soziales Netzwerk, die den Migranten hierzulande mitunter große Probleme bereiten, sagt Betina Hartmann.

Integration beginnt schon bei den Kleinen – und geht ganz leicht zum Beispiel über Sport. Die Schaumburger Integrationslotsen bemühen sich, Missverständnisse, die durch verschiedene kulturelle Hintergründe entstehen können, aufzuklären und zu vermeiden. Auch Kindergärten, Schulen oder die Polizei fordern ihre Hilfe an.

Und die Verwaltungsbeamte weiß, wovon sie spricht: Vor fünf Jahren hat sie die Leitstelle für Integration beim Landkreis Schaumburg initiiert. Eine vom Land Niedersachsen finanzierte Abteilung, die sich um die Ausbildung und Betreuung sogenannter Integrationslotsen kümmert, die den Zugewanderten mit ihren eigenen gesellschaftlichen Integrationserfahrungen und Kompetenzen ehrenamtlich helfen, in der neuen Heimat zurecht zu kommen.

Als Vorbild für die insgesamt 64 Unterrichtsstunden umfassenden, mehrwöchigen Qualifizierungskurse, diente ein entsprechendes Integrationslotsenprojekt der Stadt Osnabrück, das ein Jahr zuvor ins Leben gerufen worden ist.

Der inhaltliche Schwerpunkt dieser Kurse liegt laut Hartmann weniger auf der Vermittlung von reinem Faktenwissen als vielmehr der Förderung von „sozialen und kommunikativen Kompetenzen für ein interkulturelles Handeln“.

Konkrete Schulungsthemen sind unter anderem die verschiedenen Formen der Zuwanderungen und die entsprechenden Gesetze, Integrationsmodelle und Phasen im Migrationsprozess, Kommunikation und Aushandlungsprozesse sowie Einsatzmöglichkeiten und Aufgabenprofil der Lotsen.

Auch eigene biografische Erfahrungen der Teilnehmer fließen in die Unterrichtsgestaltung mit ein.

Seit 2006 wurden bislang fünf solcher „Basisschulungen“ ausgerichtet (pro Jahr eine), in denen insgesamt 43 Teilnehmer zu Integrationslotsen ausgebildet worden sind.

Hinzu kommen noch acht „Elternlotsen“, die in einem separaten Kurs geschult worden sind und sich von den Integrationslotsen nur dadurch unterscheiden, dass sie sich von der – ebenfalls ehrenamtlichen – Aufgabe her verstärkt um die schulischen Probleme von Migrantenkindern kümmern sollen.

Von den insgesamt elf Männern und 40 Frauen haben 32 Kursteilnehmer einen Migrationshintergrund, sind also ebenfalls Zuwanderer, beziehungsweise besitzen eine ausländische Staatsangehörigkeit. Deren Herkunftsländer sind neben Deutschland die Türkei, Kasachstan, Russland, Litauen, Argentinien, Mexiko, USA, Kosovo-Albanien, Korea, Tschechien, Serbien und Georgien.

Aus persönlichen oder beruflichen Gründen sind mittlerweile aber leider nicht mehr alle Lotsen im Einsatz, bedauert Hartmann. Allein schon aus diesem Grund, aber auch, weil man gar nicht genug Integrations- und Elternlotsen haben könne, wäre es gut, wenn sich noch mehr Menschen für diese ehrenamtliche Aufgabe begeistern würden.

Dringend benötigt werde beispielsweise jemand, der Arabisch sprechen kann, wobei aber auch Menschen mit anderen Sprachkenntnissen willkommen seien.

„Die offiziellen Beratungssysteme können die Zuwanderer ja nur in einem vergleichsweise geringen Umfang unterstützen“, räumt Klaus Heimann, der Pressesprecher des Landkreises Schaumburg, ein. „Der allergrößte Teil der Orientierungs- und Integrationsleistungen bleibt den informellen Netzwerken und familiären Bezügen der Zuwanderer überlassen. Hier werden aber viele Informationen nicht ausgetauscht, Werteinschätzungen nicht vermittelt und dadurch häufig Missverständnisse hervorgerufen, die eine mangelnde oder gar keine Integration zur Folge haben.“

Die hieraus erwachsenden Probleme sind dann in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens spürbar: Kindergärten, Schulen, Jugendämter und sogar die Polizei gehören zu denjenigen Stellen, die sich bisweilen der freiwilligen Dienste eines Integrations- oder Elternlotsen bedienen, berichtet Hartmann.

Sei es, weil die sprachliche Verständigung mit Migranten nicht klappt, oder weil beispielsweise von Migrantenkindern an den Tag gelegte Verhaltensweisen einem friedlichen Miteinander oder dem Ausräumen von entstandenen Streitigkeiten entgegenstehen.

Aber auch bei alltäglichen Dingen wie dem Ausfüllen von Antragsformularen, dem Schreiben von Bewerbungen sowie bei Behördengängen und Arztbesuchen bieten die Lotsen ihre Unterstützung an.

„Integration wirkt in alle Lebensbereiche hinein“, betont Hartmann: Eingliederung, Aufenthaltsdauer, Bleibeabsichten, Zugehörigkeitsgefühl, Religion, multikulturelles Zusammenleben, Sozialkontakte, Bildung, Arbeits- und Wohnungsmarkt, Sprache, Gesundheit, Religion, Wertevorstellungen, Kultur seien in diesem Zusammenhang nur einige zu nennende Stichworte. Zudem erfordere eine erfolgreiche Integration auch die Bereitschaft der einheimischen Mehrheit und der zugewanderten Minderheit, aufeinander zu- und miteinander umzugehen.

Neben der Qualifizierung der Integrationslotsen ist übrigens die Netzwerkarbeit ein übergeordnetes Ziel des Projektes, ergänzt Heimann: „Die Integrationslotsen für sich bilden ja schon ein Netzwerk. Dies wird zudem durch regelmäßige monatliche Treffen unterstützt, die von der Leitstelle für Integration organisiert werden.“

Hinzu komme der Ausbau der Netzwerke, die sich über die Kontakte zu einzelnen Institutionen und auch persönliche Ansprachen aufgebaut haben.

„Ehrenamtliche Tätigkeit ist aber kein Ersatz für die hauptberufliche Erfüllung von Aufgaben durch soziale Fachkräfte“, merkt Hartmann an. „Sie ist ein eigenständiges und selbstbestimmtes Betätigungsfeld, bürgernah, unbürokratisch und für die Beteiligten unmittelbar erfahrbar. Zudem schafft sie neue Perspektiven und Horizonte für das eigene Leben, Erfahrungen und Zufriedenheit sowie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit durch Kontakte.“




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