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„Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei“

Nachkriegsgeschichte hautnah

Bennigsen. In Daniels Speisenwirtschaft in Bennigsen ließen die Damen des Springer LandFrauenvereins bei köstlichem Kuchen den Sommer Revue passieren und hatten ausreichend Gesprächsstoff. Denn Thomas Raufeisen aus Berlin ließ sie teilhaben an seiner deutsch-deutschen Tragödie: „Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei.“

Raufeisen wurde 1962 in Hannover geboren und ging dort zum Gymnasium mit dem Ziel, zu studieren. Doch dann erlebte er mit seinem älteren Bruder einen Horrortrip. Sein Vater Armin Raufeisen war als Geophysiker Mitarbeiter des Industrieunternehmens Preussag und spionierte dort als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Als ein Oberleutnant des MfS, Werner Stiller, im Januar 1979 in die Bundesrepublik Deutschland überlief und Teile des Spionagenetzes der DDR enttarnte, drohte dem Vater die Verhaftung. Armin Raufeisen erklärte der Familie, dass sein Vater in der DDR schwer erkrankt sei. Überstürzt reiste die Familie los und erfuhr am nächsten Morgen, dass der Vater „Kundschafter des Friedens“, also Stasi-Spion sei und seine Tarnung im Westen aufzufliegen drohte. Die Jungen wollten nach Hause in den Westen und weigerten sich, sich in der DDR einbürgern zu lassen, was Bruder Michael als Volljährigem auch gelang. Seine Ausreise wurde nach elf Monaten genehmigt. Auch dem Vater wird in kürzester Zeit die Realität klar. Die Erkenntnis, dass die Ergebnisse seiner Spionage 22 Jahre in Schubladen lagerten, da sie technologisch nicht umsetzbar waren, machte ihm klar, dass die Familie keine lebbare Zukunft in der DDR hatte. Ein Fluchtversuch über Ungarn 1981 wurde entdeckt. Thomas Raufeisen landete in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Insgesamt 44 Verhöre, jeweils acht Stunden lang, zermürbten ihn. Der Albtraum endete wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“ und „landesverräterischer Agententätigkeit“ für drei Jahre im Stasi-Sondergefängnis Bautzen II. Nach seiner Freilassung im September 1984 wurde ihm die Ausreise in die Bundesrepublik genehmigt.

Ohne familiären Rückhalt mache er sein Abitur und studierte. Seine Mutter wurde ein Jahr vor der Grenzöffnung entlassen. Heute arbeitet er freiberuflich im Bereich der politischen Bildung als Besucherreferent in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Er hält Vorträge, Lesungen und führt Zeitzeugengespräche.

Völlig ergriffen hörten die Landfrauen vom Schicksal des Sohnes eines Stasi-Spions.



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