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Der Start ins Fernsehzeitalter vor 60 Jahren / Schaumburger sehnen den „Flimmerkasten“ herbei

Nach Max und Moritz – das Wetter

Fernsehen – Gefahr oder Fortschritt?“ war ein Anfang 1952 in der Landes-Zeitung abgedruckter Artikel überschrieben. Wissenschaftler sähen erhebliche Gefahren auf die Menschheit zukommen, war zu lesen. Auslöser der Warnung war die Ankündigung des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR), ab Weihnachten jeden Tag bewegte Bilder in den Äther zu schicken. Bis dato hatte es nur Testsendungen im Raum Hamburg gegeben. Als man dort alles im Griff hatte, kamen Post und Rundfunkanstalten überein, ganz Deutschland zu versorgen. Das war nach damaligem Stand der Technik nur über ein engmaschiges Netz möglichst hoch und frei in die Luft ragender Antennentürme möglich. Satelliten- und/oder Kabelverbindungen waren vor 60 Jahren noch kein Thema.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Als zweiter Sendebaustein nach Hamburg wurde Köln eingerichtet. Anfang 1952 ging man daran, beide Stationen mittels „Fernsehbrücke“ zu verbinden. Dazu mussten alle 30 bis 50 Kilometer, in Sichtweite voneinander entfernt, Richtfunkmasten aufgestellt werden. Hauptaufgabe der insgesamt sieben, im Eiltempo hochgezogenen Betonröhren war es, die an Elbe und/oder Rhein auf den Weg gebrachten Wellen neu zu bündeln und zum nächsten Mast weiterzustrahlen. Darüber hinaus sollten von den bis zu 140 Meter hohen Anlagen möglichst viele Haushalte und Unterverteilantennen der Umgebung versorgt werden.

Die Schaumburger fieberten der Entwicklung mit großer Vorfreude und hohen Erwartungen entgegen. Die Richtstrecke führte durch „ihr“ Gebiet. Die Spannung stieg, als zu Sommerbeginn vor 60 Jahren die ersten Baukolonnen im Weserbergland auftauchten. Viele konnten vom Wohnzimmer aus zusehen, wie auf dem nahen Jakobsberg, dem östlichen „Außenposten“ der Porta Westfalica, ein gut 40 Meter hoher Betonturm in den Himmel wuchs. Zuvor war ein ähnliches, von den Anwohnern „Egestorfer Riesenspargel getauftes Bauwerk am Nordrand des Deisters hochgezogen worden.

„Immer mehr Leute kamen in unseren Laden und fragten, ob sie demnächst „Heimkino“ gucken könnten, erinnert sich die Bückeburgerin Eva Rademacher. Ihr elterliches Geschäft „Radio-Plüer“ an der Langen Straße gehörte – neben „Rundfunk-Möller“ – zu den damals bekanntesten heimischen Fachadressen. Grund: Sowohl Hugo Plüer als auch sein örtlicher Konkurrent Dr. Johannes Möller kannten sich als studierte Hochfrequenz-Ingenieure mit dem neuartigen Medienangebot aus. Das war damals alles andere als selbstverständlich. Die meisten heimischen Elektro-Händler hatten es bis dato allenfalls mit Radios und Plattenspielern zu tun gehabt. Jetzt sah man sich beim Öffnen der Bildschirmkästen einem bisher nie zuvor gesehenen Röhrensystem gegenüber. Nicht umsonst machten an die 500 heimische Mechaniker einen von den Industrie- und Handelskammern auf die Schnelle angebotenen „CrashKurs“ mit.

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  • Viele Schaumburger konnten vom Wohnzimmer aus zusehen, wie auf dem nahen Jakobsberg an der Porta Westfalica ein gut 40 Meter hoher Betonturm gen Himmel wuchs.
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In der Tat war Eile geboten. Nach einer Umfrage der Rundfunkzeitschrift „Funk um die Familie“ aus dem Frühjahr 1952 sehnten 80 Prozent der Deutschen das neue Medium herbei. Die große Mehrheit wünschte sich ein tägliches Programmangebot von zwei bis drei Stunden. 67 von 100 Befragten gaben an, schon jetzt über die Anschaffung eines eigenen „Flimmerkastens“ nachzudenken.

Die zunehmende Euphorie veranlasste die Schaumburger Zeitung, ihre Leser vor übereilten Kaufentscheidungen in Sachen Fernsehapparat zu warnen. Das Blatt berief sich auf Auskünfte des für die technische Ausstattung des Jakobsberg-Senders zuständigen Chefingenieurs. Der hatte auf die komplizierten Empfangsverhältnisse hierzulande hingewiesen. Es sei damit zu rechnen, dass die Funkwellen wegen der vielen Berge und Hügel nicht überall störungsfrei hinkämen, so der Experte. Wer sichergehen wolle, solle noch ein bisschen warten.

Der Rat des Fachmanns zeigte Wirkung. Unmittelbar vor dem Sendestart seien kaum Geräte gekauft worden, erinnert sich Eva Rademacher. Den ganz großen Durchbruch habe es erst durch die Übertragung der Krönungszeremonie von Queen Elisabeth II. Anfang Juni 1953 und der Fußball-WM 1954 in der Schweiz gegeben. „Vor allem nach dem Titelgewinn der Deutschen in Bern brummte das Geschäft“. Inzwischen seien auch die Modelle der damals führenden Marken Saba, Blaupunkt, Philips und Mende immer besser geworden. „Das größte technische Problem war und blieb das halsbrecherische Herumklettern auf den Dächern und das Festmontieren der Antennen.“

Ob und wie viele Schaumburger bereits den Sendestart vor 60 Jahren im eigenen Wohnzimmer miterlebten, ist nicht überliefert. Die größte Zuschaueransammlung (und den besten Empfang) soll es laut Zeitungsberichten in Waltringhausen bei Bad Nenndorf gegeben haben. Radiohändler Eggers hatte seine Nachbarn und Mitbewohner zur Premiere am ersten Weihnachtstag 1952 vor sein Schaufenster eingeladen. Punkt 20 Uhr ging es los. Nach einer Festansprache des Intendanten kam aus Köln das Stück „Stille Nacht, heilige Nacht“. Danach strahlte der Hamburger Sender Wilhelm Buschs Lausbubengeschichte „Max und Moritz“ aus. Zum Schluss gab es Nachrichten und Wetterkarte.

Ein solches Programmangebot flößte den heimischen Kinobetreibern damals (noch) keine Existenzängste ein. Vor allem „Wohlfühl-Streifen“ wie „Tausend rote Rosen blühen“ mit Rudolf Prack, Winnie Markus und O. W. Fischer ließen im Nachkriegsdeutschland die Kassen klingeln. Und auch beim Dauerbrenner „Grün ist die Heide“ mit der Starbesetzung Sonja Ziemann, Rudolf Prack, Maria Holst und Willy Fritsch waren die Plüschsessel in den hiesigen Camera-, Schaumburger und/oder Weser-Lichtspielen 1952 bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Den ersten Push in Richtung Massenmedium brachte die Übertragung der Krönung Queen Elisabeths II. am 2. Juni 1953.

Repros: gp

So (Bild links) sah es beim Start des Fernsehens vor 60 Jahren in den heimischen Wohnstuben aus. Die Tagesschau war von Anfang an – wenn auch zunächst nur drei Mal wöchentlich – dabei.



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