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Vor Gericht: Geldstrafe für genervten Nachtschichtarbeiter / Sohn macht Falschaussage

Nach Klingelstreich 13-Jährigen geschlagen

Beckedorf/Stadthagen (menz). Fünf Jungen, drei Fahrräder - man ist unterbeschäftigt, man stromert so durch die Gegend, es ist alles ein bisschen öde. Wie wäre es mit einem Klingelstreich? An diesem Nachmittag muss das auch in Beckedorf so gewesen sein. Aber was normalerweise als Scherz durchgeht, hat sich in diesem besonderen Fall unversehens zu einer ernsthaften Angelegenheit ausgewachsen. Ein Einwohner des Örtchens musste sich in der Folge wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten und wurde zu 40 Tagessätzen Geldstrafe à 45 Euro verurteilt.

Der Vorwurf aus der Anklageschrift klang dramatisch. Der Mann sollte danach einen völlig unbeteiligten, damals 13-jährigen Jungen vom Rad gezerrt, zu Boden geworfen und anschließend mit der Faust geschlagen haben. Vorausgegangen war ein Klingelstreich bei dem Beckedorfer, der für sich für derlei Foppereien als dankbares Opfer gezeigt hatte, weil er zur Freude der Kinder immer besonders ungestüm reagierte. Dass der geplagte Mann als Nachtschichtarbeiter guten Grund hatte, sich über das Verhalten aufzuregen, lag außerhalb des kindlichen Blickwinkels. Um die Störungenein für alle Mal abzustellen, legte der Mann sich an jenem Nachmittag auf die Lauer und passte die Kinder ab. Es folgte eine "Verfolgungsjagd durch Beckedorf, die man sonst nur aus den Straßen von L.A. kennt", machte Richter Kai Oliver Stumpe anschaulich. Der 13-Jährige hatte Pech. Er nahm die falsche Fluchtrichtung und wurde von dem wütenden Mann am Schlafittchen gepackt. Über das, was dann passierte, gab es zwei Versionen. Grundlage für die Anklageschrift waren die Angaben des Jungen, der mit seinen Eltern wenige Tage nach dem Vorfall Anzeige erstattet hatte. Der Nachtschichtarbeiter dagegen bestritt die angeklagten Handgreiflichkeiten und fühlte sich zu Unrecht verfolgt. Vor Gericht strebte er kompromisslos nach einem Freispruch und verweigerte deshalb auch dem Richter die Zustimmung, das Verfahren gegen Zahlung von 200 Euro einzustellen. Am Ende resümierte der Strafrichter Stumpe: "Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte." Um zu dieser Feststellung zu gelangen, hatte es eines außergewöhnlich hohen Aufwandes bedurft. Es brauchte rund ein Dutzend Zeugen, um das Geschehen aufzuklären. Das kindliche Opfer hatte den Vorfall aufgebauscht und kam nach der Anzeige bei der Polizei nur schlecht von der Aussage wieder runter. Er habe das Opfer "in die Mangel nehmen müssen, um Erdichtetes auszusieben", meinte der Richter. Aber dafür war Stumpe am Ende sicher, man habe es "geschafft, zum wahren Kern zurückzufinden". Er hatte keinen Zweifel, dass die um manche Dramatik bereinigte Version des Opfers zutraf. Danach wurde der Junge einmal geschlagen. Offen blieb, ob mit der Faust oder mit der flachen Hand. Rein menschlich betrachtet, hatte der Richter durchaus Verständnis für den geplagten Mann und rechnete die Provokation durch Klingelstreiche strafmildernd an. Übel aufgenommen hat das Gericht allerdings, dass der Mann eine Falschaussage seines Sohnes zugelassen hatte. Dieser hatte bezeugt, sein Vater habe nicht geschlagen. Als 14-Jähriger muss dieser jetzt mit einem Ermittlungsverfahren rechnen. Ohnehin ist die Geschichte für den Mann noch nicht ausgestanden. Er sagte, die Leute im Dorf zeigten seit der Geschichte mit dem Finger auf ihn - und geklingelt wurde in der Zwischenzeit auch schon wieder.

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