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Polizei-Pressesprecher Axel Bergmannüber die Arbeit der Mordkommission

Nach dem Urteil im Fall Pagacz-Znoj: Ermittlungen werfen Fragen auf

Rinteln (ly). Der Täter wohnte nebenan. Trotzdem ist es Polizei und Staatsanwaltschaft mehr als sieben Jahre lang nicht gelungen, Bernd S. zu fassen, den früheren Nachbarn der im November 2000 getöteten Rintelnerin Krystyna Pagacz-Znoj. Erst "Kommissar Zufall", ein routinemäßiger DNA-Abgleich, führte die Ermittler auf die Spur des 30-Jährigen, dessen genetischer Code 2007 nach weiteren Straftaten in der Datei gelandet war. Im September hat das Bückeburger Schwurgericht den Koch zu 14 Jahren Haft verurteilt. Elf Jahre davon entfallen auf den Totschlag.

Etwa 90 Prozent aller Tötungsdelikte sind Beziehungstaten. Das heißt, Täter und Opfer kannten sich. Die Aufklärungsquote liegt deshalb bei 98 Prozent, im Landkreis Schaumburg nach dem Urteil im Fall Pagacz-Znoj sogar bei 100. Von einer Beziehungstat war die Polizei auch in Rinteln ausgegangen, wie ein Beamter im Prozess erklärt hatte. Einer Speichelprobe wurde S. im Zuge der Mordermittlungen nie unterzogen. Als Straftäter war Bernd S. zuvor bereits mehrfach in Erscheinung getreten. Zum Zeitpunkt des Todes von Krystyna Pagacz-Znoj hatte er nach kleineren Vergehen vier Eintragungen im Register, unter anderem wegen Verbreitens von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen, einer Tat mit rechtsextremem Hintergrund. Das Opfer war Polin. Auf Fremdenfeindlichkeit als Motiv deutete vor Gericht zwar nichts hin, Laien hätte das kriminelle Vorleben des Mannes aber vielleicht stutzig gemacht. Sechs Wochen nach dem Totschlag begann S., eine Ex-Freundin zu terrorisieren, die ihn verlassen hatte. Dafür verurteilte ihn das Rintelner Amtsgericht zu einer Bewährungsstrafe sowie 5000 Mark Geldbuße. Dass der Angeklagte mit Wut und Kränkungen (durch Frauen) schlecht umgehen kann, konnten sich die Richter im Totschlagsprozess zumindest vorstellen. Im August 2001, weniger als ein Jahr nach dem Tod von Pagacz-Znoj, beging der Verbrecher einen bewaffneten Bankraub in Eisbergen, im September desselben Jahresüberfiel er die Sparkasse Rehren. Hätte S. damals bereits in Haft gesessen, wäre es dazu nicht gekommen. In den Kreis der Mordverdächtigen rückte der Rintelner jedoch nicht. Er verbüßte eine mehrjährige Haftstrafe und kam nach zwei Dritteln auf Bewährung frei. Verfolgt hatten die Ermittlerim Fall Pagacz-Znoj anfangs Spuren nach Polen und zu Schaustellern der Herbstmesse. In beiden Fällen erhärtete sich der Verdacht nicht. Die Ermittlungen der Mordkommission werfen also Fragen auf. Im Interview antwortet Axel Bergmann, beim Polizeikommissariat Stadthagen zuständig für Öffentlichkeitsarbeit. Herr Bergmann, hat die Polizei bei dieser Beziehungstat versagt? Nein. Die Nachbarn sind befragt worden, aber niemand hatte eine wirkliche Beziehung zu der Getöteten. Nicht einmal ansatzweise gab es einen Hinweis, dass Frau Pagacz-Znoj und Herr S. etwas miteinander zu tun hatten. Wir sprechen nichtüber einen Zeitraum von wenigen Wochen oder Monaten, sondern von sieben Jahren. Andere Spuren waren im Sande verlaufen... Der Bereich der Personen, die man dannüberprüfen könnte, würde kein Ende nehmen. Der Kreis wäre so groß, dass man die Nadel im Heuhaufen suchen müsste. Zum Zeitpunkt der Tat war S. mehrfach vorbestraft. Hätte das die Ermittler nicht aufmerksam machen müssen? Nein, die Taten hatten nichts miteinander zu tun. Zwei waren Verkehrsdelikte, dazu kam Diebstahl. Den Schluss, dass Vorbestrafte auch für Tötungsdelikte infrage kommen, kann und darf man nicht ziehen. Täter mit rechtsextremem Hintergrund, Opfer Polin - macht das nicht stutzig? Der Schluss drängt sich nicht auf. Meines Wissens hat es eine solche Tat im Landkreis nie gegeben. Schaumburger Neonazis haben nicht gezielt Ausländer angegriffen, sondern staatliche Institutionen, darunter auch die Polizei. Sechs Wochen nach dem Totschlag hatte S. unter anderem einen Brandsatz gegen ein Haus geworfen, in dem er seine Ex vermutete. Hat das immer noch nicht stutzig gemacht? Die Taten sind von der Begehungsweise so unterschiedlich, dass man nicht darauf kommen konnte, dass S. Frau Pagacz-Znoj umgebracht hat. Außerdem sind zu der Zeit sehr viele ernst zu nehmende Hinweise in andere Richtungen intensiv verfolgt worden. Ich denke da an Schausteller und eine Spur nach Polen. Herr S. hat kurze Zeit in dem Haus gewohnt und auch mal eine Straftat begangen. Aber er war kein bekannter Gewalttäter. Es geht ja noch weiter. Ein Jahr nach dem Totschlag beging S. zwei Banküberfälle, Verbrechen also. Reichte auch das nicht? Ein Großteil aller Straftaten ist mit Gewalt verbunden, Tötungsdelikte sind die schlimmsten. Der Schluss, dass Bankräuber auch Menschen umbringen, liegt selbst für Fachleute nicht auf der Hand. Dieses Tötungsdelikt wäre nie aufgeklärt worden, wenn der Täter nicht gestanden hätte. Warum ist bei S. nicht viel früher eine DNA-Untersuchung gemacht worden? Die Hürden für eine richterliche Anordnung zum Speicheltest waren damals weitaus höher als heute. DNA-Tests sind immer Eingriffe in Grundrechte. Fehlte bei S. der Tatverdacht? Richtig. Damit war die wichtigste Voraussetzung nicht gegeben. Und was war mit einem freiwilligen Speicheltest? Wäre Bernd S. nicht verdächtig geworden, wenn er diesen abgelehnt hätte? Eine Ablehnung darf man nicht nehmen, um jemanden verdächtig zu machen. Das würde die Freiwilligkeit ad absurdum führen und einer Erklärung des Bundesverfassungsgerichtes zuwider laufen. Außerdem hätten die Tests das Landeskriminalamt lange Zeit lahmgelegt. Wenn man nichts hat, kann man nicht einfach losballern.




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