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Neu!-Legende im Gespräch mit unserer Zeitung

Musiker Michael Rother - Avantgarde aus dem Idyll

Weserbergland. Er war Mitglied bei Kraftwerk, Harmonia und „Neu!“ In den 70ern hat er mit Brian Eno in Bevern-Forst zusammengearbeitet, David Bowie war ebenfalls interessiert. Bis heute ist Michael Rother weltweit erfolgreich und Vorbild unzähliger Bands wie Sonic Youth oder den Red Hot Chili Peppers. Vor allem die Größen der elektronischen Musikszene verehren ihn, seit Krautrock wieder hip ist.

Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Sie sind überall. In der Provinz, in kleinen und großen Städten. Meist sind es Jungs, die in ihren Zimmern vorm Computer davon träumen, mit dem ultimativen elektronischen Sound groß rauszukommen. Spuren anlegen, Audiodateien hinzufügen, Effekte einbauen, Abmischen – für alles gibt es ein Programm. Wer kein Instrument beherrscht, setzt Musik- oder Soundschnipsel zusammen. Damals, als Michael Rother auf der Suche nach musikalischer Identität war, konnte er von solchen Möglichkeiten nur träumen. Er drehte Knöpfchen an vergleichsweise großen Maschinen, verzerrte, entfremdete, experimentierte. Technik war bedeutsam. Nicht anders als heute, könnte man denken. Und doch völlig anders. Was Michael Rother von den Heerscharen Elektromusik-Jünger unterscheidet, ist wohl die Auffassung von Musik. Ihm ging es in den 70ern weniger darum, sich von anderen entwickelte Technik zu kaufen und erfolgreich einzusetzen. Viel interessanter war die Frage, welche Optionen das Equipment abseits der vorgegebenen Oberfläche barg. Der großen Idee stand ein kleines technisches Experimentierfeld gegenüber: „Gitarre und Bass, ein Wahwah-Pedal, Verzerrer, Equalizer und ein Echo-Gerät, damit standen wir auf der Bühne“, sagt Rother, „als Rhythmusgerät hatten wir eine Farfisa-Orgel mit elektronischer Schlagzeug-Begleitung.“

Völlig gegen den Strich gebürstet, entlässt er schon damals endlose Loops in die Zeitschleife, setzt auf sphärische Klänge statt Gesang und eine Art der Ekstase, die der üblichen Rockattitüde fremd ist. Es ist das Jahr 1971, Michael Rother ist 20 Jahre und Mitglied bei Kraftwerk. Die Gruppe gehört heute zu den wichtigsten Vertretern der Popgeschichte und ist vor allem in der Erinnerung ausländischer Musiker fest verankert. Das bekannte Album „Autobahn“ (1974) und der Hit „Das Model“ (1978) sind noch nicht geboren. Michael Rother steigt noch im selben Jahr aus und gründet mit Klaus Dinger das legendäre Duo Neu!. Noch während des Projekts trifft der gebürtige Hamburger in Bevern-Forst auf Dieter Moebius und Hans Joachim Roedelius und gründet mit den beiden Harmonia. Auf der Suche nach Inspiration begibt sich Rother vor allem auf eine Reise nach innen. Er bleibt in Forst, hört auf, nach links und rechts zu schauen, sich musikalisch für das zu interessieren, was andere machen. Wichtig ist ihm vor allem: Die Musik soll anders sein.

Knapp 40 Jahre sind seitdem vergangen. Rother ist heute 63 Jahre alt, wer es nicht weiß, könnte ihn für 53 halten. Noch immer interessiert er sich nicht besonders für das, was musikalisch um ihn herum passiert. Für seine Musik haben sich im Laufe der Jahre dagegen eine Menge Leute interessiert. Seit einigen Jahren gibt es einen regelrechten Hype um die Anfangstage der elektronischen Musik.

Michael Rother 1973 im Studio : Die Tonbandgeräte sind Revox-A77-Stereomaschinen, auf denen 1973/74 das erste Harmonia-Album aufgenommen wurde. Anne Weitz

Angefangen hat es mit dem Buch „Krautrock-Sampler“ des Engländers Julian Cope. Das strotzt vor Fehlern, hat aber ein enormes mediales Echo ausgelöst. Immer mehr Medien klopfen an die Tür von Rothers uraltem Bauernhaus in Bevern-Forst im Landkreis Holzminden, die BBC und arte drehten eine Dokumentation. Einigen gilt er als einer der Urväter des Techno. „Es wird viel geschrieben“, sagt Michael Rother. Gemeinsamkeiten? Vielleicht die Hinwendung zu ekstatischen Gefühlen. Das Geradeauslaufen bis zum Horizont. „Aber ich will keine Urheberschaft anmelden. Die Magie der Wiederholung hat ihre Wurzeln in der Urmusik, das ist etwas ganz Altes“, sagt der Mann, der einen Teil seiner Kindheit in Pakistan verbracht hat.

Den Gefühlen auf die Spur zu kommen, darum ging und geht es dem Klangpoeten Rother immer. Wer es auf ähnliche Weise tut, bleibt nebensächlich, er nimmt es hin. Es gibt Wichtigeres – wie die nächste musikalische Vision. Der ideale Ort, um ausschließlich der eigenen Inspiration zu folgen, war Anfang der 70er Jahre Bevern-Forst. Das Bauernhaus, in dem er mit Roedelius und Moebius wohnte, wurde zur Keimzelle neuer Ideen. Den musikalischen Nährboden, verbunden mit dem Wunsch nach ländlicher Idylle, könne man sicher nicht abgelöst von der Zeit sehen, sagt Rother. „Wir waren uns der gesellschaftlichen Brüche im Nachkriegsdeutschland bewusst. Eine ganze Generation sagte sich los von alten Vorbildern.“ Unter anderem, indem sie sich in die ländlichen Ränder aufmachte, Kommunen gründete und einen alternativen Lebensstil pflegte.

Aus Rothers Sicht ist es kein Zufall, dass die aus seiner Sicht besten Konzerte von Kraftwerk und Harmonia im Penny Station in Grießem (bei Aerzen) stattfanden. Kraftwerk spielte dort 1971 in der Formation Klaus Dinger, Michael Rother und Florian Schneider. „Es war einfach ein schöner Ort mit einem guten Sound, die Atmosphäre in der alten Station eine besondere.“ Das Kraftwerk-Konzert sei eine intime Angelegenheit mit einer kleinen Bühne gewesen. Die Musik war wie eine starke Welle, die einen nach vorne warf. „Die Nähe zum Publikum war gut, denn bei uns war immer sehr viel Spontanes in der Musik, und das war wiederum immer sehr stimmungsabhängig.“ Ein Negativbeispiel sei der Auftritt im ARD-Beat-Club gewesen, ohne Publikum, nur mit sieben Technikern.

Mit Harmonia war Rother 1974 ebenfalls im Penny Station: Von außen betrachtet sei es kein Erfolg gewesen, die Zeit schien nicht reif für das Trio. Zu abstrakt war die Musik, zu wenig körperbetont. „Das wäre auch mit Kraftwerk oder Neu! so gewesen, wenn wir nicht den kräftigen Rhythmus gehabt hätten. Aber für mich war es eine Sensation, dass ich mit zwei Leuten auf der Bühne stehen und vollwertige Musik machen konnte“, erklärt Rother. Statt eines Schlagzeugers gab es einen elektronischen Beat, der Aufbau an Geräten, den jeder der Musiker zur Klangerzeugung vor sich hatte, war enorm. „Die Beat-Boxen sind erst durch Filter erträglich geworden, das ergab interessante Geräusche.“ Die Musik sei so frei entstanden, dass das Publikum, „es mögen um die 50 Leute gewesen sein“, oft nicht gewusst habe, wann das Stück eigentlich zu Ende war. „Man kann das mit Kopfhörer gut an dem Gemurmel, das auf dem Mitschnitt zu hören ist, nachvollziehen“, sagt Rother. Bemerkenswert sei, dass zu der Zeit überhaupt ein Band mitlief und über 30 Jahre im Regal überlebt habe. Immerhin kosteten Bänder damals für Musiker ein Vermögen (55 DM) und wurden deshalb oftmals überspielt. Den von Rother editierten Mitschnitt veröffentlichte Herbert Grönemeyer 2007 auf seinem Label Grönland.

Zu seinen Fans gehören

Stereolab, Oasis und Sonic Youth

Mit Moebius, dem Experten für schräge Einwürfe, und dem intuitiv arbeitenden Roedelius betrat Rother musikalisches Neuland. „Ich war sehr rigoros damals, ein falscher Ton konnte mich aus der Fassung bringen, das war ein ganz enges Feld. Mit den beiden hatte ich totale tonale Übereinstimmung. Das war wichtig, denn die Klangentwicklung war anders als bei anderen Musikern der Zeit, und es ging darum, den Blues in der Kiste zu lassen.“

Wie interessant Rothers Musik auch für andere war, lässt sich an den illustren Gästen in Bevern-Forst ablesen. Inspiriert vom „Neu! 75-Album“ – auch mit Klaus Dinger arbeitete Rother zwischenzeitlich wieder zusammen – machte Brian Eno 1976 auf seiner Reise nach Berlin in Bevern für elf Tage Halt. Mehrere Bänder mit gemeinsamer Musik lagen danach lange bei Eno unter Verschluss. Später schnitt Roedelius das Album Titel „Tracks & Traces“ daraus zusammen, und einiges, was Eno in seiner Ambient-Reihe veröffentlichte, erinnert sehr an die alten Aufnahmen. Auch Neu!-Fan David Bowie meldete sich telefonisch bei Rother, und wollte mit ihm zusammenzuarbeiten. Warum es am Ende nicht dazu kam, ist bis heute unklar. Trotz der überaus kreativen Schaffensphase trennte sich Harmonia 1976 – wegen anhaltenden Misserfolgs. Nach der Zusammenarbeit mit Harmonia startete Rother seine Solokarriere mit dem Album „Flammende Herzen“ und wurde einer der erfolgreichsten Instrumentalisten Deutschlands. Die Liste der Verehrer wuchs über die Jahre weiter an: Zu den prominenten Fans gehören unter anderem Stereolab, Oasis und Sonic Youth. Bands, deren Namen Rother anfangs nicht mal vom Hörensagen kannte. Nach einer denkwürdigen Jam-Session mit den Red Hot Chili Peppers in Hamburg erregte er mit Gitarrist John Frusciante 2004 Aufsehen bei einem gemeinsamen Konzert in Los Angeles. Im gleichen Jahr kam sein Album „Remember The Great Adventure“ heraus, auf dem Rother in gewisser Weise seinen Sound aus den 70ern reflektiert. Als Gastsänger ist ab und zu Herbert Grönemeyer zu hören – der Mann, der die zerstrittenen Partner Rother und Dinger dazu brachte, ihre legendären Neu!-Platten aus den 70er Jahren bei Grönland neu aufzulegen.

In letzter Zeit hat Rother vor allem Filmmusik gemacht. Zum Beispiel für „Houston“ (2013) von Bastian Günther mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle, der bereits mehrfach auf Festivals ausgezeichnet wurde.

Seine Vorbildfunktion sieht Rother mit gemischten Gefühlen: „Wenn man mir bei einem Festival in England sagt, dass sich 15 der 30 Bands, die spielen, auf mich beziehen, frage ich mich schon: Wie kann das sein?“ Er zögert, will nicht eitel klingen, sagt es dann aber doch: „Das, was den Leuten damals an uns so gefallen hat, war der unbedingte Wille zur Innovation, die Entschlossenheit, Schablonen zurückzulassen und etwas Neues zu beginnen. Es ist diese Kernbotschaft, die nach meinem Empfinden von diesen Bands oft nicht genug beachtet wird.“ Paradoxerweise seien es gerade nicht die endlosen Möglichkeiten, die zu mehr Kreativität führten. „Das sieht nur auf den ersten Blick so aus. Auf den zweiten ist es eher der Mangel, der die Fantasie beflügelt und die Individualität fördert.“

Was sich über die Jahre nie geändert hat, ist der Wunsch nach Konzentration, nach dem Weniger, das mehr ist. „Ich neige dazu, zu viele Facetten zeigen zu wollen, zu viele Farben, die außer mir keiner wahrnimmt“, sagt Rother. „Mich aufs Wesentliche zu konzentrieren, ist deshalb die Orientierungsschnur, der ich versuche zu folgen.“

Michael Rother spielt am Samstag, 26. Juli, 20 Uhr, im Schloss Bevern, Innenhof. Als Begleitmusiker hat er Hans Lampe (La Düsseldorf) und Franz Bargmann (ex Camera) eingeladen. Zu hören sind Rother-Klassiker, Stücke von Neu! und Harmonia und bisher unveröffentlichte Titel.




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