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Münsteraner Multitalent mit toller Tolle

Der Blick schweift gedankenverloren hinaus in die Umgebung. Die nasskalte Witterung verbreitet Melancholie, die triste Räumlichkeit nicht minder. Ein schmaler, enger Schlauch dient dem Star des Abends als Garderobe, der sich angesichts der kargen Einrichtung zu einer Entschuldigung genötigt sieht. „Der Sozialismus grüßt“, zeigt sich Götz Alsmann nicht gerade begeistert. Hier im AMO Kultur- und Kongresshaus in Magdeburg wartet der begnadete Jazz-Pianist, Sänger und Entertainer gemeinsam mit seiner Band auf seinen abendlichen Auftritt – vor (natürlich) ausverkauftem Haus.

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Von Matthias Aschmann

Der „King der Chachen, Samben und Rumben“ hat es sich auf einem schlichten Stuhl bequem gemacht, wirkt konzentriert und doch irgendwie angespannt. Lampenfieber? Das unruhige Beinspiel spricht dafür, während der Matador geduldig und höflich Rede und Antwort steht. Die Frisur sitzt, die tolle Tolle – sein Markenzeichen – steht wie eine Eins. Fragen zu seiner auffälligen Haartracht ist er eigentlich überdrüssig (weil er ständig danach gefragt werde), dennoch gibt er bereitwillig Auskunft. Das Geheimnis, so Alsmann, sei der Schnitt. Verantwortlich dafür sei seine Maskenbildnerin, die sich schon seit Jahren darum kümmere. Selbst brauche er allmorgendlich nur fünf Minuten, die Tolle in Form zu bringen. Wie? „Oh, das ist kompliziert.“ Seit seinem 15. Lebensjahr trägt Alsmann die Tolle – inspiriert vom US-Schauspieler Alan Walbridge Ladd, der in alten Hollywood-Krimi-Schinken der 50er Jahre unter anderem an der Seite von Veronica Lake glänzte. Dass Andy Mackay und Bryan Ferry von der Rockband Roxy Music zu der Zeit ihre Haare ebenfalls so gestylt trugen, sei Zufall und keinesfalls prägend gewesen.

Alsmann ist hoffnungslos altmodisch – in jeder Hinsicht. Mit der Rock- und Beatmusik der damaligen Zeit konnte er nichts anfangen, musikalisch und modisch ist er in den 50ern verwurzelt. Sein Nachttisch, verriet er dem WDR anlässlich seines 50. Geburtstages, sei ein Nierentisch, und er sammele Kunstgegenstände aus den 40er und 50er Jahren. Immerhin: Inzwischen nennt er einen Computer sein Eigen und hat sogar einen Internetanschluss. Also altmodisch – aber keineswegs antiquiert.

Und Alsmann ist durch und durch bodenständig. Am 12. Juli 1957 im westfälischen Münster geboren, blieb er seiner Heimatstadt bis heute treu verbunden. Münster sei gerade für Familien eine wunderbare Stadt, liege zudem für das Konzertgeschäft ideal. Keine Frage: Götz Alsmann liebt seine Heimatstadt – auch, weil er dort mit seiner Familie, seiner Frau und seinem 19-jährigen Sohn, ganz privat sein darf. Am liebsten, verrät er, sei er nun einmal zu Hause, führe dort ein total zurückgezogenes Leben. Sein Privatleben sei ihm heilig.

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Viel Zeit in heimischen Gefilden bleibt dem 53-jährigen Energiebündel allerdings nicht. 80 Hörfunksendungen pro Jahr, dazu 40 Aufzeichnungen der WDR-Erfolgsshow „Zimmer frei“ mit diversen Vorbesprechungsterminen und natürlich seine eigenen Konzertauftritte lassen nicht allzu viel Raum für gemütliche Abende im Kreise der Lieben. Im Fernsehen ist der Familienmensch derzeit überaus präsent: Gestern Vormittag plauderte er als Gast im ZDF-Morgenmagazin, am Pfingstmontag begrüßt er Gäste aus Musik und Unterhaltung zu einer neuen Ausgabe seiner „Nachtmusik“ im ZDF. Seit nunmehr 14 Jahren fühlt er an der Seite von Christine Westermann im WDR-Dauerbrenner „Zimmer frei“ prominenten WG-Genossen auf den Zahn, glänzt mit launigen Moderationen und scheut sich nicht, zur Gaudi des Publikums den anarchischen Kasper zu spielen. Im Jahr 2000 wurde das unterhaltsame Moderatorengespann bereits mit dem Grimme-Preis belohnt. Als Entertainer versteht sich Alsmann nicht. Diesen Titel hätten ihm andere verliehen – er sehe sich eher als Unterhaltungskünstler.

Wenn es um die Bewertung seiner „Zimmer-frei“-Gäste geht, hält sich der Fernsehunterhalter vornehm zurück, erinnert sich aber gerne an „ungewöhnlich gute Sendungen“ mit Sebastian Krumbiegel von den Prinzen und Gunter Gabriel. Unvergessen sei auch der Auftritt von Emil Steinberger gewesen, dem Münchhausen-Preisträger 2009: „Eine fantastische Sendung.“ Überhaupt: Der Münchhausen-Preis, das sei schon eine schöne Sache, ein konkreter Name, eine Figur der Kultur- und Literaturgeschichte, mit der man etwas anfangen könne. Preisgekrönt ist der promovierte Musikwissenschaftler zuhauf. Nahezu alljährlich wird er mit dem Jazz-Award dekoriert, 2004 gesellte sich der Echo in der Kategorie Jazz hinzu. Eigentlich fehlt da kaum noch etwas in der Sammlung, außer natürlich der Deutsche Fernsehpreis. Den zu ergattern, das wäre durchaus noch ein Ziel.

Götz Alsmann bespricht Hörbücher, moderiert alles, was ihm vor das Mikrofon kommt. Er stand auf der Theaterbühne, spielte als Lothar Alzheim in der Filmkomödie „Alles wegen Robert de Niro“ den Kassierer eines Supermarktes und Bandleaders und hat doch nur eine große Leidenschaft: die Musik. Im zarten Alter von vier Jahren erwachte seine Liebe zum Klavier. 1965 überzeugte er seine Eltern nach einjährigem Blockflötenunterricht davon, doch endlich ein Klavier zu erwerben, um nur vier Jahre später mit einem Klassenkameraden die Band „The Rolling Bones“ zu gründen. Er erlernte das Banjo-Spiel, hob mit einem anderen Klassenkameraden das Duo „The Walkie Talkies“ aus der Taufe. Die Spielereien der Kindheit mündeten 1972 in den Beginn einer ernst zu nehmenden Musikerkarriere. Als Bandleader der „Heupferd Jug Band“ geht der 15-Jährige an der Seite von gestandenen Mannsbildern im Alter um die 30 auf Konzertreise, nimmt drei Platten auf und tritt sogar im Fernsehen auf – in der von Henning Venske moderierten Jugendsendung „Szene 77“. Für sein Musikstudium reist er viel durch die USA, promoviert 1984. Der reißerische Titel der Dissertation: „Nichts als Krach – die unabhängigen Schallplattenfirmen und die Entwicklung der amerikanischen populären Musik 1943 bis 1963“. 1985 ist Götz Alsmann erstmals als Radiomoderator tätig, ehe er nur ein Jahr später auch im Fernsehen als Moderator auftaucht. 1989 gründet er die „Götz Alsmann Band“, seit 2007 steht er beim bedeutenden Jazzlabel Blue Note (EMI) unter Vertrag. Seine Stilrichtung bezeichnet er selbst als Jazzschlager, musikalisch angesiedelt in der Zeit vom frühen Jazz bis zum Bossa Nova. Mit einer jazzigen Version des Depeche-Mode-Hits „People Are People“ feierte der Multiinstrumentalist und Sänger seinen ersten Chart-Erfolg. Heute füllt der frühere Clubmusiker große Hallen mit Leichtigkeit, glänzt durch enorme Virtuosität und mitreißende Bühnenshows voller Energie – und auch in Magdeburg ist das Publikum hellauf begeistert, spendet stehend Beifall für ein perfektes Konzert.

Danach präsentiert sich der Vollblut-Jazzer sichtlich gelöst, verabschiedet seine Gäste aus Bodenwerder mit einem erfrischenden Lächeln. Zuvor hatte ihn Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Schmidt mit Präsenten aus der Münchhausenstadt bedacht, während Thomas Greef, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Sparkasse Bodenwerder, dem Preisträger einen Münchhausen-Sticker ans Revers heftete und Details des bevorstehenden Festaktes erläuterte. Die Preisverleihung beginnt am Sonntag, 23. Mai, um 19 Uhr im Gasthaus Mittendorf in Buchhagen. Laudator ist Bill Ramsey.

Er hat immer ein Zimmer frei, lässt sich gerne mit Sahnetorten bewerfen und sitzt am liebsten am Flügel. Sein freches Mundwerk ist legendär, sein Sprachwitz genial, sein Outfit stilsicher. Er ist Krawattenmann, Brillenträger und Klavierspieler des Jahres, erntet Preise wie am Fließband: Götz Alsmann. Das Münsteraner Multitalent ist der Münchhausen-Preisträger 2010 – am Pfingstsonntag wird ihm die Auszeichnung im Rahmen eines Festaktes im Gasthaus Mittendorf in Buchhagen feierlich verliehen.

Professioneller Soundcheck – noch ohne Krawatte: Götz Alsmann in Magdeburg. Mit seiner gleichnamigen Band tourt er durch die Republik, feiert mit dem Programm „Engel oder Teufel“ grandiose Erfolge. Fotos: as

Mit Verve: Die Tolle steht – das Outfit ist vor dem Auftritt dagegen noch extravagant rustikal.

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