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Vor 370 Jahren wurde der Gutsherr Christian von Münchhausen erstochen

Mord mit der Mistforke

VON WILHELM GERNTRUP

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Mord und Totschlag waren im 17. Jahrhundert nichts Besonderes. Mehr noch: Gewalt war sozusagen „an der Tagesordnung“. Besonders schlimm ging es während des Dreißigjährigen Krieges (1618 -1648) zu. Immer wieder fielen neue, mit äußerster Grausamkeit wütende, Söldnerhorden ins Schaumburger Land ein. Städte und Dörfer wurden verwüstet, Häuser angesteckt und deren Bewohner ausgeplündert, verschleppt oder umgebracht.

Angesichts solcher Zustände scheint es ungewöhnlich, dass ein einzelnes Verbrechen damals für erhebliches Aufsehen und Aufregung sorgte. Das hatte vor allem mit dem prominenten Namen des Opfers zu tun, aber auch mit dem nicht alltäglichen Tathergang und dem sozialen Hintergrund des Geschehens. Die Rede ist vom Mord an dem Adeligen Christian von Münchhausen. Der 31-jährige Herr des Rittergutes Remeringhausen wurde am 27. März 1643, also vor ziemlich genau 370 Jahren, mit einer Mistgabel ins Jenseits befördert.

Ablauf und Vorgeschichte des Verbrechens kann man in mehreren zeitgenössischen Berichten nachlesen. Die ausführlichste Schilderung stammt von Pastor Johannes Hubfeld aus Heuerßen. Eine weitere Beschreibung hat der bekannte Lindhorster Schulmeister und Chronist Anton Nothold zu Papier verfasst. Und eine in Stein gemeißelte Kurzfassung findet sich auf einer zu Ehren des Opfers am Gotteshaus in Heuerßen aufgestellten Sandsteinplatte.

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  • Das hier in österlich-winterliche Melancholie gehüllte Rittergut Remeringhausen gehörte im 17. Jahrhundert dem Adligen Christian von Münchhausen.

Nach übereinstimmender Darstellung war von Münchhausen an besagtem 27. „Martii“ zusammen mit einem jüngeren Bruder und fünf bewaffneten Knechten ins wenige Kilometer entfernte Lindhorst geritten, um Schulden einzutreiben. Ziel der Aktion war das Anwesen Nr. 10, im Dorf nach den Bewohnern namens Sauer als „Suhren-Hof“ bekannt. Die Besitzer waren seit alters zur regelmäßigen Abgabe des „Zehnten“ in Form von Korn, Geflügel und Eiern an die Herren auf Remeringhausen verpflichtet. Das war lange nicht geschehen. Der letzte Suhren-Bauer war gestorben. Dessen Witwe und ihre zwei heranwachsenden Söhne hatten – wie damals die meisten Untertanen – selber nichts zu essen.

Beim Auftauchen des bewaffneten Reitertrupps brach Panik aus. Vom Geschrei und Zetern der Hofbewohner wurden die Nachbarn angelockt. Nach einigem Hin und Her ließ von Münchhausen – in Ermangelung anderer Beute – eine im Stall entdeckte Kuh mitgehen. Beim Fortreiten zog er das Tier an einem Strick hinter sich her.

Der drohende Verlust ihrer einzigen Überlebensgrundlage brachte die Sauers in Rage. Die Söhne und einige Nachbarn griffen zu Mistgabeln und Sensen und rannten hinter dem Reitertrupp her. „Sie kommen mit Mordwehren bewaffnet und blasen noch dazu die Mordpfeifen, also:„Schlagt ihn tod!“, schildert Pastor Hubfeld die aufgeheizte Situation. „Christian Münchhausen ist aber dabei nicht geflohen, sondern als echter Soldat seinen Nachjägern entgegengetreten“. Doch dann sei „allda ein starker Todeswind in dem offenen Felde vor Lindhorst“ umgegangen. „Dieser Wind aber war eine Spitze Furke, die ihm in sein Haupt geschossen und geschmissen“. Der älteste Sauer-Sohn habe dem Junker „die Mord-Forke mit beiden Händen in den Kopf geworfen, daß sie stecken geblieben und er straks davon niedergefallen, nicht ein Wort mehr gesprochen auch nicht einen Finger mehr gereget, sondern stille also hingelegen und etwa eine Stunde hernach sanft von dieser Welt abgeschieden“.

Eine Mitverantwortung des Getöteten an dem Vorfall sah Hubfeld nicht. Der adlige Grundherr habe „nichts böses noch unrechtes gesucht“, sondern lediglich „seine pflichtschuldige Gebühr von dem bösen Schalke (Knecht) gefordert“. Auch sonst kommt das adlige Opfer in den Aufzeichnungen seines Seelenhirten gut weg. Christian von Münchhausen sei ein rücksichtsvoller, großherziger und gläubiger Herr gewesen, ist zu lesen. Noch am Morgen seines Todestages habe er „früh in seiner Hauskirche gebetet und gesungen. „O, für wahr, mit einem Kinde und armen Bettler konnte er ernstliche und freundliche Gespräche halten, sie fragen oder fein guten Bescheid geben“, lobte der Pastor den zu seinem Kirchspiel gehörenden Verblichenen.

Die Wirklichkeit sah offenbar anders aus. Der freundliche und fromme Freund „herrlicher Betbücher“ galt nicht als zimperlich. Zusammen mit 17 Geschwistern auf Remeringhausen aufgewachsen, hatte er sich – wie fast alle damaligen Münchhausen-Söhne – nach Schulzeit und Studium in Rinteln als Offizier verdingt. Das Kriegshandwerk und der Handel mit Söldnern waren damals wie heute ein einträgliches Geschäft. Der junge Christian mischte fast zehn Jahre lang auf Seiten der Evangelischen mit. Seine Kriegseinsätze und Geschäfte führten ihn nach Amsterdam, Utrecht, Leyden, London und Paris. Auf der Flucht vor der Pest kehrte er Mitte der 1630er Jahre nach Gut Remeringhausen zurück, dessen Verwaltung er später übernahm. Dabei soll es oft heftig zur Sache gegangen sein.

Auch beim Einsatz in Lindhorst war es mit der von Hubfeld gepriesenen Freundlichkeit offensichtlich nicht weit her. Nach Darstellung Notholds hat der Münchhausen-Trupp dort tüchtig „gehauen und gestochen“. Schließlich sei es ihnen gelungen, eine Kuh wegzuführen. „Nun reizte die Mutter ihre Söhne und einen Krämergesellen zu schleuniger Verfolgung“. Am Ausgange des Dorfes habe der Älteste (Hermann) den Junker Christian eingeholt.

Die Geschichte nahm nicht nur für den Adligen ein unheilvolles Ende. Die Witwe Suhren und ihre Söhne waren nach der Tat verschwunden und wurden nie mehr gesehen. Ein paar Tage später brannte ihr Anwesen ab. In der Woche darauf gingen auch zahlreiche andere Gebäude im Dorf in Flammen auf, darunter das Pfarrhaus, die Schule, der Krug und zwei Meierhöfe. Zuletzt brach laut Nothold auch der Lindhorster Kirchturm mit drei Glocken zusammen.

Das zu Ehren des Mordopfers an der Südseite der Kirche in Heuerßen aufgestellte Epitaph gehört zu den auffälligsten heimischen Gedenksteinen. Der eingemeißelte Text erzählt vom Leben und grausamen Sterben des Junkers vor 370 Jahren.

Fotos: gp



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