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Stadt, Land, Fluss, Meer: Eine Sommerreise durch Frankreich (1)

Monsieur Carel, der Magier aus dem Val

VON JENS MEYER

Yvetot / Percy. Geheiligt sei die Bar Tabac. Ein Bier ist dort immer zu bekommen, so für zwischendurch, in Sachen Savoir-vivre unbezahlbar, und was die Sozialstudien betreffen, gibt’s keinen besseren Ort. Die Bar Tabac ist ein Schmelztiegel des Volkes.

„Ach, fahrt Ihr wieder nooch Froonkreisch?“ Derangiert klingen Phrasen im erweiterten Bekanntenkreis vor einer Reise zu den Nachbarn, sie klingen in jedem Jahr gleich, nur nöliger, und es mag zur Tradition geworden sein, unverstanden aufbrechen zu müssen. Mit „bien sûr“ zu antworten nützt wenig: kapieren sie nicht, die Lackaffen. Aber was rege ich mich auf? Jetzt, da kaum mehr ein Platz zu haben ist in der Bar Tabac Lefranc an der Avenue Général Bradley in Percy, mitten in der Normandie, dort, wo kleine saure Äpfel an krummen Bäumen auf löwenzahnbefleckten Wiesen reifen, die bald zu Calvados, Cidre und Pommeau werden, sind die missgünstigen Töne ja längst verklungen. „Deux pressions, s’il vous plaît“. Zwei frisch Gezapfte für mich und meine Gattin. Ich könnte auch Wein nehmen, selbstverständlich. Muss aber noch fahren.

Manchmal werden Straßen zu Wegen, verengen sich, verlieren ihre Mittelstreifen und Leitplanken, doch gewinnen sie an Kontur und zeichnen deutlichere Bilder eines Landes mit jeder nächsten Kurve. Von fröhlicher Ruhe umrankt, schon einsam, aber nicht verlassen, taucht dann eine kleine Ortschaft auf, bisweilen nur ein paar lausige Häuschen, wie aus dem Nichts aus lieblicher Landschaft sich erhebend. Über die D-Straßen lernt man Frankreich am besten kennen. In der Normandie ist das genauso, vielleicht leuchtet sie, die sich in Haute und Basse (oben und unten) teilt, sogar als Paradebeispiel hervor. Percy, dort, wo in der Bar Tabac die Tür nicht stillsteht, weil Baguette tragende Franzosen noch schnell was zu rauchen kaufen, ihren Lottoschein abgeben und ein Achtel Wein sich einverleiben, ist vergleichsweise ja metropolisch. Wenn ich aber nun so dasitze und ins Rund blicke, erinnere ich mich gerne an gestern Abend. Wie eine Fata Morgana tauchte die Auberge du Val au Cesne auf, nach einem Waldstück an einer Lichtung, wenige Kilometer von Yvetot entfernt, schon in relativer Nähe zu Le Havre und Rouen. Aber es war keine Erscheinung, die Auberge ist echt, echter ist nicht möglich.

3 Bilder
Fliegt in der Ferne vorbei: Mont-Saint-Michel

Monsieur Jérôme Carel, Jérôme mit niedlichem Dach über dem o, ach, würden dôch auch in deutscher Sprâche sôlche Dächer über Buchstaben gebaut, einfach sô der Schönheit wegen, nun ja, also Monsieur Jérôme Carel hat den alten normannischen Fachwerkhäusern neues, schönes Leben eingehaucht. Draußen auf der Weide rupfen Esel an Grasbüscheln, im Garten zwischen den Gebäuden sitzen Hühner auf Bäumen und Wellensittiche in großen Volieren. Im Angesicht dieses Panoramas, vis-à-vis zum Haupthaus, dem Restaurant, trank ich Portwein als Aperitif vor dem Essen, so köstlich, dass ich keinen zweiten nahm, um mir die Illusion zu bewahren, es sei der beste Porto der Welt.

Dann: Gänseleberpastete auf Toast, Foie gras. Filet vom Rind. Nierchen vom Schwein. Ich schwärmte, ja in gewisser Weise schworm ich, so dies als Steigerung zulässig ist. Ich bescheinigte dem freundlichen Monsieur, ein Magier der Kochkunst zu sein. Er bescheinigte mir erstens, ein stets willkommener Gast zu sein und zweitens, ein s zu viel zu sprechen. „Dü Wall o ßen“ würde das Val au Cesne ausgesprochen werden, nicht „ßesne“. Ansonsten aber seien meine Sprachkenntnisse von hoher Qualität. Der Monsieur ist ein Lügner. Es war mir egal.

Ich liebe das Bild des Staubs, der in den Lüften hängt, weil die Mähdrescher das tun, wofür sie erfunden worden sind. Es ist August, die goldgelben Felder werden geerntet, der Spätsommer ist eröffnet und wirbt in einer Mischung aus dräuender Septembermelancholie und nackter, warmer Haut des Fröhlichen um Aufmerksamkeit. Die Tage nehmen sich nun ihrer Firne an, Staub liegt auf den Blättern und Zweigen und manches Grün verdorrt in der Hitze der Zeit. Die Luft ist geschwängert vom Duft des Getreides, Strohballen liegen verteilt und die Windräder stehen still, so still wie die Schwarzbunten und Weißen und Roten, die sich unter den Bäumen Schatten suchen und wollüstig wiederkäuen. Die Welt wirkt wie ein wenig in die Jahre gekommen, träge in sich ruhend, aber verheißungsvoll, denn der Sommer ist nicht zu Ende, er atmet, und die wenigen Regenschauer, die segensreich sich über das heiße, aufgeheizte Land ergießen, duften, wie sie nur im August duften, in keinem anderen Monat versprühen sie ihr Odeur mit einer solchen Hingabe. Sie sind wie ein Gedicht, dass die Welt zu umschmeicheln ersucht. Ich habe die Bar Tabac verlassen. Der Weg führt weiter. Ein Stückchen Autobahn, immerhin ein schönes, denn ganz weit hinten, dort, wo das Meer ist, erhebt sich der Mont-Saint-Michel. Er liegt nicht auf meiner Route, aber für einen kostbaren Moment ist er von der A 84 gut zu erkennen. Ein Berg des Glaubens, dessen Malheur die vielen Menschen sind, denen selbst dieser Koloss in den großen Ferien kaum gewachsen scheint. „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ Enzensbergers Prophezeiung klebt am Mont-Saint-Michel wie Harz am Tannenbaum.

Der Berg ächzt unter den Touristenströmen

Ich fahre nicht hin. Vielleicht im Herbst oder Frühling, wenn weniger Kinder plärren, weil Papa und Mutti sie mit Vehemenz und im Wohnmobil unbedingt zu einem Berg geschleppt haben, für den sie, die doch nur zum Strand wollten, noch keinen Geist haben. Ich fahre weiter. Gleich kommt die Bretagne. Rennes, ihre Hauptstadt, ist nicht mehr weit.

Immer tiefer gleite ich hinein in Frankreichs Westen, gelobtes Land, geliebtes Land. Kaum jemand vermag sich den Reizen der Bretagne entziehen zu können, jedenfalls fällt mir gerade keiner ein. Sie ist nicht schöner als das Loire-Tal, nicht abwechslungsreicher als Burgund und Frache-Comté, und unbedingt rauer, kühler als die Provence, aber das Magische, das in ihren Flüssen fließt, durch ihre Baumkronen rauscht, das in ihren Winden weht und in ihren Steinen wohnt, wirkt wie ein Kompass, der mich stets zu ihr zurückkommen lässt. Die Poesie ist ein Ungeheuer. Worte ronsard’ischer Güte reichten nicht, um einen Landstrich so vorzüglich und geheimnisvoll zu umschreiben, wie er selbst ist. Im Wald von Paimpont soll sich der Heilige Gral mit einigen Tropfen des Blutes Jesu Christ befinden; die Ritter der Tafelrunde des legendären Königs Artus machten sich daran, diesen Becher zu finden. Wie viele Sagen und Dichtungen mögen darüber erschienen sein? Welche tiefe Bedeutung haben die Dolmen und Menhire, die Steinfelder bei Carnac?

Zu viele philosophische Betrachtungen befeuern die Melancholie. Erstmal wieder runterkommen. Eine Bar Tabac wäre jetzt nicht schlecht.

Nächste Woche Teil 2 der französischen Sommereise

Die Auberge du Val au Cesne liegt nahe Yvetot, eingebettet zwischen Wald und Wiesen. Von hier ist es nicht mehr weit bis Rouen und auch nicht bis Le Havre. Monsieur Jérôme Carel vermietet fünf Zimmer in einem typisch normannischen Fachwerkhaus. Sein Restaurant zählt zu den besten im Umkreis.

ey




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