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Die Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik behaupten, sie wüssten alles besser – und klagen den Finanzkapitalismus an

Moderner Karl Marx?

Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Ihr neues Buch heißt „Kapitalfehler – wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen“. Was läuft schief?

Matthias Weik: Leider sehr, sehr viel. Im Buch zeigen wir auf, dass der destruktive und pervertierte Finanzkapitalismus den Kapitalismus im Zuge der Deregulierung der letzten Jahrzehnte gekapert hat und seitdem gnadenlos auf Kosten der Menschen und der Natur ausquetscht. Wir zeigen aktuelle Fehlentwicklungen auf, wieso eine Finanzmarktblase nach der anderen generiert werden muss, um das ganze System noch am Leben zu erhalten und erklären, wie vernünftiger Kapitalismus funktionieren kann, wenn sich jetzt etwas ändert. Wir erklären, warum der Kapitalismus aber periodisch seine Fähigkeit zu Innovation, zur Mehrung von Wohlstand und sozialer Sicherheit verliert und zu einem System mutiert, in dem nur noch die Interessen von ein paar Dutzend globalen Konzernen, einer immer kleineren Zahl von Superreichen und einer von der Realwirtschaft fast vollständig abgeschotteten Finanzelite zählen. Desweiteren entwirren wir die Fallstricke von Regulierungen, Lenkungen und Liberalisierungen verschiedener Märkte.

Befürchten Sie den Zusammenbruch des globalen Wirtschafts- und Finanzsystems?

Marc Friedrich: Ja, leider. Das ganze System hat eine mathematisch begrenzte Lebensdauer und diese ist de facto 2008 abgelaufen und wird seitdem künstlich am Leben erhalten mit immensen Eingriffen und riesigen Rettungspaketen. Trotzdem schlittern wir von einer Krise zur nächsten. Wir haben die Krise nicht gelöst, sondern uns lediglich teuer Zeit erkauft und das alles auf Pump. Gegenwärtig versuchen wir, die Krise durch Gelddrucken zu lösen. Dies hat in der Geschichte der Menschheit noch niemals funktioniert und wird es auch dieses Mal nicht. Unser Finanzsystem basiert auf exponentiellem Wachstum. Wir können jedoch nicht kontinuierlich wachsen, da die Ressourcen unserer Erde limitiert sind.

Sie schreiben, der Zug der Weltwirtschaft rase ohne Bremsen in Richtung Abgrund. Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Matthias Weik: Nein, keinesfalls. Seit 2008 hat sich die globale Verschuldung von 100 Billionen Dollar auf 300 Billionen Dollar verdreifacht. Wir haben also nichts anderes gemacht, als alte Schulden mit neuen Schulden bezahlt. Parallel erleben wir ein historisch einmaliges Notenbankexperiment mit Null- und bald Negativzinsen. Wir haben jetzt schon die niedrigsten Zinsen seit 5000 Jahren. Die Chance, dass dieses Experiment funktioniert, ist gleich Null. Die Notenbanken drucken Geld ohne Ende, Staaten sind bis zur Halskrause verschuldet, zahlreichen Banken steht das Wasser bis zum Hals und innerhalb der EU wird nicht mehr mit- sondern gegeneinander gearbeitet. Es bröckelt an allen Ecken und Enden und die Warnsignale sind überdeutlich. Wir müssen nun endlich aktiv werden und massive Korrekturen einleiten.

Was wären Ihrer Meinung nach die Folgen eines solchen Zusammenbruchs?

Marc Friedrich: Je so länger wir an diesem kranken System festhalten, desto größer werden die Kollateralschäden – monetär und gesellschaftlich. Sicher ist, dass wir alle abgeben müssen. Die Frage ist nur: Wie viel? Wenn die Mutter aller Blasen – die Staatsanleihenblase – platzt, werden Besitzer von Staatsanleihen herbe Verluste hinnehmen. Wenn nicht einmal Deutschland als Exportweltmeister mit Rekordsteuereinnahmen in einer Niedrigzinsphase seine Schulden bezahlt, sondern sich über eine „Schwarze Null“ freut, sollte uns allen klar sein, dass Länder wie Griechenland, Frankreich oder Italien genauso wie die USA oder Japan niemals ihre Schulden bezahlen werden. Folglich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Blase platzt. Die Implikationen werden massiv sein. Fünf oder zehn harte Jahre mit enormen Wohlstandsverlusten. Leider glaube ich nicht, dass die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft vorbeugen und nun die richtigen Schritte einleiten werden, um das Schlamassel zu verhindern. Ich befürchte, dass wir erst nach dem Crash gezwungen werden, die nötigen Veränderungen herbeizuführen. Dann werden wir auch ein neues Geldsystem benötigen.

Glauben Sie wirklich, dass die Finanz- und Wirtschaftswelt nicht kapiert, wovor Sie warnen?

Matthias Weik: Nein, das glauben wir nicht. Die Finanz- und Wirtschaftswelt weiß genau, worum es geht. Doch so lange die Musik spielt, wird getanzt und momentan verdienen einige Wenige sehr viel Geld und von diesen Menschen können wir beim besten Willen nicht erwarten, dass sie die Musik abschalten. Warum sollte jemand, der übermäßig vom System profitiert, es ändern wollen? Der Wandel kommt nicht von „oben“ sondern von unten, von den Menschen.

Sie unterstellen also, dass es auch Profiteure im System gibt?

Marc Friedrich: Selbstverständlich. Acht Jahre nach der Lehman-Pleite ist definitiv klar: Eine kleine Elite profitiert von unserem ungerechten Geld- und Finanzsystem auf Kosten der anderen. Das beweisen wir ganz deutlich in unserem Buch mit vielen Beispielen. Wir erleben eine Umschichtung von Vermögen von unten, der Mitte und oben nach ganz oben. Die Ultrareichen und die Konzerne sind die ganz großen Gewinner des auf Pump erreichten Aufschwungs. Die derzeit reichsten 62 Menschen der Welt, die gemeinsam locker in einen Reisebus passen würden, besitzen zusammen genauso viel wie die 3,5 Milliarden der ärmsten Menschen – das ist absolut irrsinnig. 2010 besaßen 388 Menschen so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, 2014 waren es noch 80. Die vier erfolgreichsten Hedgefonds-Manager verdienten im Jahr 2015 zusammen 6,1 Milliarden Dollar. Auch in der absoluten Reichen-Champions-League zeichnet sich ab, dass sich immer mehr Reichtum in den Händen immer weniger Menschen befindet. Die 62 Hyperreichen konnten ihren Wohlstand innerhalb der letzten fünf Jahre um knapp 500 Milliarden Dollar auf 1,76 Billionen Dollar steigern. Das heißt, dass die 53 Männer und neun Frauen heute 44 Prozent mehr haben als vor noch fünf Jahren. Obwohl die Bevölkerung seit 2010 um 400 Millionen Menschen gewachsen ist, schrumpfte das Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung in diesem Zeitraum um etwa eine Billion US-Dollar. Das entspricht einem Rückgang von 41 Prozent. Viele haben durch die Krise ihre Häuser, Wohnungen, ihr Erspartes und ihre Arbeit verloren. Mit Recht können wir behaupten, dass der Titel unseres 2012 erschienenen Buches „Der größte Raubzug der Geschichte: Warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden“ noch immer brandaktuell ist.

Ist das nicht ein bisschen viel Verschwörungstheorie?

Matthias Weik: Dann ist das Buch von Piketty ebenfalls eine Verschwörungstheorie, weil er zum gleichen Ergebnis kam wie wir schon in unserem ersten Buch 2012. Fakt ist aber, dass wir rein faktenbasierte Bücher schreiben und alle unsere Bücher sehr lange Verzeichnisse mit seriösen Quellen auflisten.

Sie prangern den Kapitalismus an – sind Sie der moderne Karl Marx?

Marc Friedrich: Nein, keinesfalls. Wir sind Ökonomen und überzeugte Demokraten, doch wollen wir die gravierenden Missstände aufzeigen. Für uns ist es unerträglich, dass wir mit Vollgas auf den Abgrund zusteuern und die Politik und die Notenbanken uns abgeschnallt und den Airbag ausgeschaltet haben. Klar ist, dass der Kapitalismus der Welt in den letzten 250 Jahren zweifellos immensen Wohlstand gebracht hat. Wir prangern nicht den Kapitalismus, sondern den Finanzkapitalismus an, welcher den Realkapitalismus gekapert hat und nun eine Finanzdiktatur errichtet hat. Heute zirkulieren 90 Prozent des Geldes in der Finanz- und nicht mehr in der Realwirtschaft. Heute besitzen 62 Milliardäre genauso viel wie 3,5 Milliarden Menschen und rund neun Millionen Menschen entscheiden, wofür das global verfügbare Kapital investiert wird und wofür nicht. Ob man in Anbetracht dessen noch von freien Märkten sprechen kann, ist fraglich.

Genug der Warnungen – jetzt wollen wir Lösungen hören. Welche haben Sie?

Matthias Weik: Wir haben auf zehn Seiten in unserem Buch die Lösungen klar und deutlich formuliert und hoffen, dass sie von der Politik in Brüssel und Berlin gelesen und verstanden werden. Für die Sparer und Bürger empfehlen wir: Raus aus Papier und rein in Sachwerte. Für das große Ganze: Wir sind große Verfechter der freien Marktwirtschaft, aber die Vergangenheit zeigt eines überdeutlich: Dass eine Branche knallhart reguliert werden muss, weil sie zu Exzessen und Krisen neigt – die Finanzbranche. Wir verlangen, dass die Finanzbranche unter eine permanente Kontrolle und Regulierung gestellt wird, die tagtäglich und antizyklisch durchzugreifen hat. Wertpapiere müssen amtlich zugelassen und vorab auf ihre Risiken geprüft werden. Auch dürften sie nur an öffentlichen Börsen gehandelt werden. Wir verlangen ein Verbot von voluminösen intransparenten Geschäft sowie den superschnellen Hochfrequenzhandel per Computer. Spekulationsgeschäfte müssen durch eine Transaktionssteuer abgebremst werden. Ferner fordern wir:

- Ein Verbot, Aktien und Rentenpapiere leer zu handeln, also ohne sie tatsächlich zu besitzen. Wir sprechen uns für eine konsequente Trennung in Geschäfts- und Investmentbanken aus. Ferner sind wir Anhänger des Vollgeldsystems. Danach dürften die Notenbanken nicht länger den Kreditinstituten das Recht zur Geldschöpfung einräumen. Folglich würden nur so viele Kredite ausgegeben werden, wie es die Höhe der Einlagen eines Instituts erlauben.

- Ferner fordern wir den sofortigen Stopp des irrsinnigen Aufkaufprogramms der EZB. Eine strukturierte und geordnete Auflösung des Euro, bevor er offiziell und chaotisch scheitert. Die Einführung von nationalen, souveränen Währungen nach einem neuen Bretton-Woods-Verfahren in einem neu gestrickten Geldsystem.

- Eine europaweite Abstimmung über die Zukunft der EU – und zwar, bevor weitere Länder die EU verlassen. Eine politische Union – ein Staat Europa – wird unserer Ansicht nach niemals funktionieren, dafür sind wir Europäer zu verschieden, und das ist auch gut so. Nicht in jedem Land müssen die gleichen Gesetze und Normen gelten. Wir sind starke Verfechter einer Wirtschaftsunion, aber nicht eines Staates Europa.

- Das Ende von Geheimverhandlungen hinter dem Rücken der Bürger wie beispielsweise bei den TTIP-Verhandlungen mit den USA. Transparenz und Kontrollierbarkeit sollten ganz oben stehen.

- Eine Insolvenzordnung für Staaten, denn auch Staaten müssen pleitegehen dürfen.

- Eine weltweite Schuldenkonferenz. Nach einem Schuldenschnitt/ -erlass muss für die Krisenländer im Süden Europas ein Marshallplan implementiert werden, um die europäische Idee im Kern zu retten und den Krisenländern die Chance zu geben, eine wertschöpfende Industrie aufzubauen.

- Mehr basisdemokratische Beteiligung der Bürger durch Abstimmungen und Vetos.

- Das Thema Haftung der Manager muss wesentlich größergeschrieben werden. Und mit Haftung meinen wir persönliche Haftung.

Termin: Marc Friedrich und Matthias Weik sind am Donnerstag, 22. September, von 18 bis 21:30 Uhr zu Gast in der BHW-Zentrale in Hameln. Wer dabei sein möchte, kann sich noch bis heute Nachmittag anmelden: Per E-Mail unter david.clef@postbank.de oder per Telefon 0511/3010770.

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