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Die coole Attitüde gab’s auch in Hamelns Kneipenlandschaft

Mit viel Haarspray und Kajal durch die 80er

Hameln. „Es gab damals einfach keinen Laden, in dem gute Musik gespielt wurde.“ Chris Wand lehnt sich zurück und denkt nach. Damals, das sind die 80er Jahre, und Chris ist zu dieser Zeit in Hameln bekannt wie ein bunter Hund. Der Sohn einer Deutschen und eines britischen Soldaten hat die halbe Welt gesehen, als er in den 70ern in Hameln strandet. Noch beeinflusst von der Londoner Szene, schockt er zunächst als Hamelns erster Punk die Gemüter.

Eine spannende Zeit: Die Band „Westdeutsche Christen&ldquo

Von Dorothee Balzereit

Hameln. „Es gab damals einfach keinen Laden, in dem gute Musik gespielt wurde.“ Chris Wand lehnt sich zurück und denkt nach. Damals, das sind die 80er Jahre, und Chris ist zu dieser Zeit in Hameln bekannt wie ein bunter Hund.

Der Sohn einer Deutschen und eines britischen Soldaten hat die halbe Welt gesehen, als er in den 70ern in Hameln strandet. Noch beeinflusst von der Londoner Szene, schockt er zunächst als Hamelns erster Punk die Gemüter. Doch als die Bewegung Jahre später richtig Fuß fasst, sind die Sachen bei Chris längst wieder im Kleiderschrank verschwunden. Nicht aber der Drang zum exzentrischen Auftritt: „Ich habe fast alle meine Sachen selber gebastelt, um die Hose Klebeband gewickelt und so. Richtig aufgefallen bin ich aber wohl durch meinen epileptischen Tanzstil – die Leute müssen gedacht haben, ich sei irre.“ Ein Grund mehr für die Macher des Fantastic (vormals Ex), den leptosomen Zweimetermann hinterm Plattenteller anzustellen. Der Club in der Ritterpassage zieht Anfang der 80er Publikum über die Grenzen Hamelns hinaus an. „Die Leute kamen aus Minden, Bielefeld, Stadthagen, Osnabrück, Hannover und sogar aus Berlin zu uns“, erinnert sich Chris. „Wir hatten am längsten auf, ich habe fünf Tage die Woche aufgelegt.“

Regelmäßiger Gast ist auch der spätere ffn-Grenzwellen-Moderator Ecki Stieg, der in dieser Zeit die „Schaumburger News“ gründet. Neben Stieg arbeitet auch Stephan Karkowsky aus Emmerthal für das Szenemagazin im DIN-A-3-Format, das im Selbstverlag erscheint. Das Blatt lebt von Plattenrezensionen, Berichten über Konzerte und von Interviews: „Wir haben Gruppen wie Fun Boy Three, die Thompson Twins oder den Tom Tom Club interviewt“, erinnert sich Karkowsky, der von 1982 bis 86 auch für die Dewezet und den Hamelner Markt über Musik und Jugendkultur schreibt, dann beim NDR arbeitet und 1986 der erste Privatfunkvolontär Deutschlands bei Radio ffn wird. „Plötzlich war eine neue Musik da, und du wusstest nicht, was du machen sollst mit den alten Pink-Floyd-Platten“, sagt der Emmerthaler, der seit 1991 für den WDR – unter anderem bei 1Live – moderiert und regelmäßig im Deutschlandradio Kultur und auf Radio Eins vom RBB zu hören ist. Obwohl in den 80ern vor allem die Arbeit für verschiedene Medien sein Leben prägte – „ich habe gearbeitet wie ein Verrückter, damit ich mir weiße Polstermöbel und Henkell Trocken leisten konnte“ – sei er selbst eher ein Kind der 70er: „In den 80ern wurde die Gesellschaft eitler, aber ich fand es unerträglich, „aussehen“ zu müssen. In Hameln habe ich mich in der Sumpfblume immer am wohlsten gefühlt, bin ins Gaslicht gegangen und ins Brecke Bräu – wegen der Salatportionen.“

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Ins Fantastic zieht es die Leute dagegen, gerade weil das Publikum gestylt ist. Der reine Gegenentwurf zur „Love, Peace and Harmony“-Generation, die von der Pinte ins Penny McLaine zieht und es gemütlich mag. Im Fantastic dagegen laufen alte Fernseher mit ersten Computeranimationen, es gibt Neonpalmen, sensationelle Beleuchtung, eine Lounge, in der man Käsekuchen essen kann, und der DJ hat seinen Platz in einem alten KVG-Bus. In den bizarr gestylten Haaren der Gestalten, die in spitzen Schuhen, Großvaters altem Mantel oder möglichst selbst genähtem schwarzem Waver-Outfit in der langen Schlange vorm Fantastic stehen, kleben Tonnen von Haarspray. Kajalgeränderte Augen unter langen Ponysträhnen, „Gender Bender“ und Androgynität sind Trumpf.

Die Vibration des Neuen, die durch die Jugendkultur fegt, ist in der ersten Hälfte der 80er noch im letzten ländlichen Winkel zu spüren – selbst in Grießem wird im supercoolen Esperanto fleißig daran gearbeitet, den Ikonen der Postpunk-Kultur nachzueifern. In der Hamelner Baustraße eröffnet das Café Blitz im Neon-Style, und in Emmerthal hat Hansi Schapers Niagara (vormals Uhrwerk) Mitte der 80er ein treues Publikum mit klar definierter Attitüde. Es ist die Zeit der New Waver, die auf den kühlen, introvertierten Sound von Joy Division, Anne Clark, Gary Numan und The Cure stehen, die New Romantics bringen mit Bands wie Spandau Ballet, Duran Duran und Visage einen romantischen Aspekt in die Szene ein. Punkbands wie KFC, Einstürzende Neubauten, DAF und Fehlfarben werden groß und bereiten den Boden für die Neue Deutsche Welle. Und obwohl sie sich untereinander längst nicht immer grün sind, eint einen Teil der neuen Jugendbewegungen ein gemeinsames Ziel: Abkehr von Rock ’n’ Roll und Hippie-Kultur und die Maxime: Jeder kann Musik machen. Schräge Töne? Ungestimmte Gitarre? Umso besser.

Eine der unzähligen Underground-Bands dieser Zeit sind die Westdeutschen Christen mit Ecki Nax, Michael und Thomas Cholewa, Michael „Mitschi“ Kern und Carsten Thorwald, eine Hamelner Punkband, die sogar den Sprung nach Berlin schafft. Keyboarder Carsten Thorwald, erinnert sich: „Es war eine spannende Zeit, alles war im Wandel. Der Waber-Rock hatte ausgedient, und es kam zackigere Musik, die schnell vorbei war und die wütend war.“ Sein erstes Keyboard ist ein 30 Zentimeter langer, sechs Zentimeter breiter batteriebetriebener VL T1 Casio Rechner – das Ding, mit dem Trio später Dadada gemacht hat. „Für die LP-Aufnahmen in Berlin habe ich dann zwei Wochen die Schule geschwänzt. Beim Auftritt im SO 36 hatten wir noch einen Posaunisten und einen Trompeter dabei – und Chris Wand. Wir passten einfach in keine Schublade.“ Das musikalische Update holen sie sich bei „John Peel’s Music on BFBS“. „Samstagnacht sind wir auf den höchsten Punkt im Dorf gefahren, um Radio Luxemburg zu hören, danach waren wir auf dem neuesten Stand.“

„Musik war das, was mich damals am meisten geprägt hat, vor allem Joy Division“, sagt Michael Kern, Schlagzeuger bei den Westdeutschen Christen. „Die Ausdrucksweise war auf einmal eine ganz andere.“ Der Wahl-Hamburger, der als Ton- und Veranstaltungstechniker arbeitet, macht mit seiner Band auch heute noch Musik. Immerhin, die Lust auf ein freies Leben, die sei ihm geblieben. „Positiv war damals, dass der Wille zum Aufbruch da war“, sagt der 48-Jährige, „negativ, dass es nicht geklappt hat.“ Andererseits, so Mitschi, hätte der Erfolg wahrscheinlich alles, wofür man damals die Fahne hochgehalten habe, kaputtgemacht. Erfolgreich ausgesöhnt mit dem Erfolg hat sich inzwischen Gabriel Mastichides, Mitglied der Band Clubkraft, die aus den Westdeutschen Christen hervorging. Als Gabriel Le Mar zählt er als Frankfurter DJ und Produzent neben Sven Väth, Pascal F.E.O.S. und der Playhouse-Posse zu den ältesten und wichtigsten Club-Kultur-Künstlern im Rhein-Main-Gebiet.

In den 80ern in Hameln war dagegen hip, wer sich in den Plattenregalen von „Musik-Express“ auskannte, einem kleinen Laden in der Fischpfortenstraße, in dem sich Lieschen Müller kaum traute, Fragen zu stellen und die Verkäufer die besten Scheiben für sich bunkerten. „Wir waren immer scharf auf die neue Lieferung, da waren Sachen von ganz kleinen Labels in geringer Stückzahl dabei“, erinnert sich Carsten Thorwald, der dort jobbte und zeitweilig auch im Fantastic auflegt. „Für Direktimporte bin ich dann mit Chris bis nach Hamburg und Amsterdam gefahren.“

Doch dann bekommt das Fantastic Konkurrenz: Hansi Schaper eröffnet den „Weißen Engel“ in der Bäckerstraße, und ein Teil des Publikums geht fortan lieber dort tanzen. Popper sind willkommen, und mit weniger coolem Ambiente und mehr Musik aus den Charts trifft Schaper wieder den Nerv der Leute: Während das Fantastic dichtmacht, brummt der Engel am Ende der Osterstraße, später wird es in „Bajazzo“ umbenannt. Auch das Café Brazil am Gericht macht mit gemäßigtem Konzept Kasse, ebenso das Traffic in der Baustraße, und an der Wehrberger Landstraße zieht das Grex die Nachtschwärmer an. Eine Disko, in der der Popper mit dem Friedensaktivisten tanzt, der Normalo sich wohlfühlt und die Tanzfläche immer voll ist. Leer ist sie dagegen oft im Novum (früher Tiffany’s), in dem vor allem eins versucht wird: Die Atmosphäre einer Zeit heraufzubeschwören, deren Tage längst gezählt sind.

Typisch 80er: Michael Kern (li. Bild, re.) mit New Wave Frisur im Café Blitz und Gäste im Niagara (re. Bild).

Legendärer Club in der Ritterpassage:

das Fantastic.

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